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Gibraltar und Südspanien - die bedrohte Symbiose


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Gibraltar und Südspanien - die bedrohte Symbiose

In San Roque im Süden Spaniens grassiert die Arbeitslosigkeit. Ein Glück für viele Bewohner, dass es Gibraltar gibt: San Roque ist eine von sieben Städten der Region Campo de Gibraltar. In einigen Gegenden haben etwa 40% der Bewohner keine registrierte Arbeit. Also nichts wie hin zum – nach der Landesregierung – zweitgrößten Arbeitgeber von Andalusien, über dem die britische Flagge weht.

Jesús Moya, Arbeiter in Gibraltar:

“Gibraltar ist die Fabrik, eine großartige Fabrik für unsere Gegend, es gibt 7.000 spanische Familien, die von Gibraltar leben. Am meisten Angst haben diese Arbeiter vor einer Abwertung des Pfundes und vor anstrengenden Kontrollen an der Grenze, wenn es nicht mehr zu Europa gehört.”

Der “Brexit” kann hier etwa 12.000 Arbeitnehmer treffen, die die Grenze zu Gibraltar täglich passieren, mehr als die Hälfte Spanier. Stundenlanges Schlangestehen am Grenzposten eingeschlossen, wenn die Spannung zwischen den beiden Territorien steigt. Von den 30.000 Bewohnern Gibraltars haben 96 Prozent gegen den “Brexit” gestimmt, auch auf sie könnten Probleme zukommen. Weniger Arbeitslose als an der Südspitze Spaniens – und Europas – gibt es nur noch in Katar. Gibraltar ist auf ist die Arbeitskräfte von der anderen Seite der Grenze angewiesen.

Christopher Wall, Geschäftsführer Alimentana Ltd.:

“Das könnte ein Problem werden. Wenn wir keine Waren über die Grenze kriegen, müssen wir eben einen anderen Weg finden. Ein größeres Problem sind die Arbeitskräfte. Gibraltar, so wie es jetzt ist, hängt von spanischen Arbeitnehmern ab, besser gesagt, von den sogenannten Grenzgängern, die in Spanien leben, und in Gibraltar arbeiten. Es ist schwer, sich die real existierende Wirtschaft ohne die Spanier vorzustellen.”


Mindestens ein Fünftel der Arbeiternehmer von Gibraltar sind Spanier. Der “Brexit” bedeutet Ungewissheit, das betont jeder, die Verhandlungen sind auf weniger als zwei Jahre angesetzt. Was auf die Leute zukommt, kann auch von der aktuellen politischen Situation abhängen.


Jesús Verdú Baeza — Universität Cádiz, Professor für Völkerrecht:

“Einerseits könnte die politische Schwäche von Theresa May ein Vorteil sein, weil das mehr Flexibilität in den Verhandlungen erzwingt. Uns macht die Position Spaniens bis jetzt große Sorgen. Es tendiert dazu, eine Lösung aufzudrücken, von der jeder weiß, dass sie nicht lebensfähig ist, etwa die sogenannte Co-Souveränität, die die Eingliederung in Spanien zum Ziel hat – anstatt die Lage zu nutzen, um eine für alle Parteien vorteilhafte Lösung zu suchen.”


Die Region spürt bereits erste Konsequenzen des “Brexit”. Andalusische Ladenbesitzer beschweren sich über zurückgehende Umsätze wegen der Abwertung des britischen Pfundes.

Auch wenn der “Brexit” viele besorgt, fühlen sich die Menschen in Gibraltar überwiegend Großbritannien zugehörig – trotz weitreichende Selbstverwaltungsrechte. 2002 hatten bei einem Referendum 99 Prozent für einen Verbleib Gibraltars im Königreich gestimmt. Es gehört seit Anfang des 18. Jahrhunderts zur britischen Krone.

Carlos Marlasca, euronews:

“Den spanischen Arbeitern ist in Gibraltar ein Denkmal gewidmet. Aber auch über direkte Beschäftigung hinaus geht es für die angrenzenden Region um mehr als 650 Millionen Euro Wirtschaftskraft pro Jahr. Es waren Briten mit perfektem Kastilisch, mit ausgeprägtem andalusischen Akzent, die gesagt haben: Ein harter Brexit ohne durchlässige Grenze würde sie daran hindern, ihre täglichen Einkäufe auf spanischem Territorium zu tätigen.”

su mit dpa