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Brendan Cox: Politiker sind für Legitimierung von Hassreden verantwortlich

Der Aktivist und Witwer der ermordeten britischen Abgeordneten Jo Cox über Ursachen und Lösungen gegen Extremismus, soziale Kluft und Vergebung

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Brendan Cox: Politiker sind für Legitimierung von Hassreden verantwortlich

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Großbritannien wirkt zunehmend gespalten – sozial, ethnisch und politisch. Die Stimmung ist nach innen gerichtet nach der Reihe von Terroranschlägen, angesichts der Sorge über soziale Ungleichheit, wie sie der Brand in einem Londoner Hochhaus wieder aufdeckte, und angesichts der Ungewissheit durch den Brexit.

Meinung

Ich werde meine Erinnerung an Jo nicht von den Taten eines entsetzlichen, übel gesinnten Extremisten verderben lassen. Ich konzentriere mich darauf, wie sie lebte, nicht wie sie starb.

Brendan Cox Aktivist und Witwer der ermordeten Abgeordneten Jo Cox

Brendan Cox wurde persönlich und sehr schmerzlich vom Extremismus getroffen. Seine Frau, die Abgeordnete Jo Cox, wurde vor einem Jahr bei ihrer Kampagne gegen den Brexit ermordet. Daraufhin gründete er eine nationale Bewegung für die Einheit, inspiriert von den Worten seiner Frau, dass wir mehr gemein haben als das, was uns spaltet.

Isabelle Kumar, euronews:
“Reden wir über die Terroranschläge in London, diesmal war die muslimische Gemeinde die Zielscheibe. Ich bin selbst in London aufgewachsen, und es schien zumindest damals eine tolerante Stadt zu sein. Ist das nicht mehr der Fall?”

Brendan Cox:
“Doch, sie ist zunehmend tolerant, London und auch das ganze Land. Wenn man sich all die Trends ansieht, die gehen in Richtung mehr Toleranz. Die Leute sind toleranter gegenüber dem Anderen – ob bei Religion, Herkunft, Sexualität oder Geschlecht. Ich glaube nicht, dass die Zahl der Menschen mit extremen Ansichten in der letzten Zeit tatsächlich gestiegen ist, ich glaube sogar, das sie eher zurückgegangen ist. Aber was passierte, ist, dass diese Darstellungsweise legitimiert wurde. Leute wie Trump, Le Pen, Wilders, Farage und andere haben diese Art von Hassrede legitimiert. Natürlich sind sie nicht direkt verantwortlich für diese Gräueltaten – die Angriffe auf Muslime heute, die Hassverbrechen beim Referendum. Wofür sie verantwortlich sind, ist das Klima, das sie geschaffen haben, in dem Leute mit solchen besonders extremen Ansichten eher zur Tat schreiten.”

euronews:
“Sie sagen also, dass diese rechtsextremen Politiker in bestimmter Hinsicht diesen Hass ermöglicht haben. Doch wo kommt dieser Hass denn her?”

Brendan Cox:
“Ich denke, dieser Hass war immer da. Man hat immer eine kleine Minderheit von Leuten, die vom Hass getrieben sind, die aus ihren eigenen, persönlichen Gründen – Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Mangel an Liebe oder Gehirnwäsche in manchen Fällen – am Ende einer extremen Ideologie anhängen, um einen Sinn zu finden.
Das gilt für den islamistisch inspirierten Extremismus, und das gilt für den Rechtsextremismus. Wirklich interessant finde ich, dass die Politik des Hasses, die diese Gruppen antreibt, im wesentlichen dieselbe ist, wenn man ihre Gemeinsamkeiten untersucht. Beide glauben, dass die Menschen in reinen Staaten leben sollten – seien es religiös reine oder ethnisch reine Staaten, beide glauben, dass es legitim ist, Zivilisten anzugreifen, und beide glauben, dass Menschen, die verschieden sind, nicht zusammenleben sollten und nicht vielfältige, tolerante Länder bilden sollten.”

euronews:
“Sie sind jetzt Aktivist und versuchen, die Menschen zusammenzuführen, Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Aber das geht über die Person eines Aktivisten, eines Einzelnen hinaus. Stellt die politische Reaktion, die Sie auf diese Flut von Anschlägen beobachten konnten, Sie zufrieden?”

Brendan Cox:
“Ich finde, dass die Regierung dies sehr ernst nimmt. Ich habe den Eindruck, dass sie sowohl islamistisch motivierten Terrorismus als auch rechtsextremistisch motivierten Terrorismus ernst nimmt. Auf Gemeindeebene ist die Frage aber, wie wir diesen Hass austreiben können? Wir verbringen viel unserer Zeit damit, auf Anschläge wie am 7. Juli oder am 11. September oder auf Bataclan oder jeden anderen zu reagieren und versuchen zu verstehen, woher dieser Hass rührt. Und oft sind es Hassprediger, und oft ist es dasselbe Muster: Da sind Leute, oft Nutzer der Mainstream-Medien, die eine zutiefst islamophobe Sichtweise fördern, und diese grenzt an Anstiftung zur Gewalt gegen Moslems. Ich bin der Meinung, dass wir so, wie wir gegen Hassreden von Islamisten durchgreifen müssen, auch gegen Hassreden durchgreifen müssen, die sich gegen die muslimische Gemeinde richten.”

euronews:
“Reden wir über die Wohlstandskluft und den schrecklichen Hochhausbrand in West-London. Viele der Bewohner dieses Hochhausturms waren Neuankömmlinge in London, unter ihnen die Benachteiligten der Stadt, die in einer der reichsten Gegenden Londons lebten. Wenn man sich mit der Frage der sozialen Integration befasst: Diese Probleme werden durch die ungleiche Verteilung des Reichtums noch verschärft?”

Brendan Cox:
“Ich denke, wir müssen uns wirklich sorgen über diese Bildung sozialer Schichten, die da stattgefunden hat. Das Feuer in dem Hochhaus hat nur eine viel größere Geschichte ans Licht gebracht, die meiner Meinung nach nicht nur die Hauptstadt betrifft, aber in der Hauptstadt besonders akut ist. Ich denke, es gibt da einen verständlichen Ärger, dass wir in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft leben. Und da muss die Regierung aktiv versuchen, eine Rolle zu spielen. Viele ökonomische Faktoren treiben unsere Gemeinden derzeit auseinander. Und da sollte es wie gesagt eine Reaktion der Regierung geben, aber auch eine Reaktion auf Gemeindeebene.”

euronews:
“Wir müssen uns auch damit befassen, wie der Brexit umgesetzt werden soll. Sie haben diese europäischen Politiker erwähnt, die eher auf Spaltung Europas setzen. Die wurden offenkundig nicht gewählt, und Europa rückt jetzt wieder zusammen, es scheint, dass Großbritannien zunehmend außen vor gelassen wird. Wie verstehen Sie das?”

Brendan Cox:
“Ich denke, über die letzten Jahre hat es enorm viel Selbstgefälligkeit gegeben, und das schlug sich auch bei den Wahlen nieder, in Österreich, in Frankreich – und es brauchte die Wahl von Donald Trump in den USA, um unser kollektives Bewusstsein aufzurütteln, wie ernstlich unsere Werte bedroht sind. Ich halte es für einen großen Fehler, wenn Europa als Ganzes oder irgendein Land glaubt, wir hätten den Sturm überstanden. Der wird meiner Meinung nach andauern, er wird noch stärker und intensiver werden. Und deshalb müssen wir darüber nachdenken, was wir tun können, um unsere Gemeinden aufzubauen, um den Grundgedanken einer enger zusammenhaltenden Gemeinde zu betonen, und unsere Gemeinden auch physisch zusammenzubringen – was in vielen Ländern in den vergangenen Jahren scheiterte.”

euronews:
“Ich möchte mit einer persönlicheren Frage enden: Sie setzen sich offenkundig für mehr Zusammenhalt ein. Was Ihre eigene, persönliche Geschichte angeht: Wie passt da Vergebung hinein?”

Brendan Cox:
“Ich denke, ich kann über Vergebung nachdenken, wenn Reue gezeigt wird. Und solange es keine Reue gibt, habe ich auch kein Interesse daran, zu vergeben. Ich habe das mehrmals gesagt: Ich fixiere mich auf Jo, wie sie ihr Leben gelebt hat, die Werte, für die sie gekämpft habt, die Überzeugungen, für die sie eintrat, die Anliegen, die sie voranbrachte – und wie sie lebte, mit Energie und Begeisterung. Ich werde meine Erinnerung an Jo nicht von den Taten eines entsetzlichen, übel gesinnten Extremisten verderben lassen. Ich konzentriere mich darauf, wie sie lebte, nicht wie sie starb.”