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Venezuela: die Wahrheit im Kühlschrank


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Venezuela: die Wahrheit im Kühlschrank

Anstehen für etwas zu Essen ist in Venezuela inzwischen völlig normal. Nur jeder Zehnte, schätzen Experten, muss sich nicht in die Schlange einreihen. Für alle anderen heißt es: Warten. Und am Ende hoffen, dass man noch was abbekommt.

“Es gibt keine Medizin, kein Essen, nichts”, erzählt Yaritza Chirimos, die in der Hauptstadt Caracas lebt. Während in Venezuelas Untergrund mehr Ölvorräte lagern als irgendwo anders auf der Erde (zumindest soweit Wissenschaftlern bekannt), gibt es über der Erdoberfläche fast gar nichts mehr. Die Wirtschaftskrise hat das Land fest im Griff. Und Präsident Nicolás Maduro nutzt diese Situation für Propaganda in eigener Sache. Der gefallene Ölpreis sei schuld an dem Desaster. Doch in Venezuela läuft strukturell etwas schief: Es gibt es nicht nur kein Essen im ölreichsten Land der Erde. Es gibt auch kein Benzin.

“Ich bitte Präsident Maduro, mit diesen Lügen aufzuhören”, so Berta Martínez, Bürgerin von Caracas. “Die Wahrheit kann man bei uns zuhause sehen, in unseren Kühlschränken.”

Der Präsident hat medienwirksam den Mindestlohn knapp verdreifacht – auf geschätzte 60 Dollar im Monat. Aber selbst, wer Geld hat, bekommt in Venezuela kaum noch etwas. “Etwa 40 Prozent der Bevölkerung essen weniger als dreimal am Tag”, so der Wirtschaftsexperte Alejandro Grisanti. “Viele Venezolaner müssen Essen aus dem Müll fischen. Die Knappheit betrifft auch Mittelklasse-Haushalte.”

Regierungstreues Gremium soll es richten

Die Verfassungsgebende Versammlung, ein neues Gremium auf Linie des Präsidenten, soll es richten. Sie soll, ausgestattet mit überbordender Macht, das Parlament ersetzen. Dass sie es richten kann, glauben viele, vielleicht sogar die meisten Venezolaner, nicht. Aber die “sozialistische” Regierung hat weiterhin Unterstützer im Volk, die den Märchen der Regierung vom Kampf Arm gegen Reich, vom Wirtschaftskrieg, vom bösen Ausland gegen das sozialistische Venezuela, Glauben schenken.

Die Inflation wird Experten zufolge in diesem Jahr mehr als 1.000 Prozent betragen. Im kommenden Jahr werde sie auf mehr als 2.000 Prozent steigen, schätzt der Internationale Währungsfonds. Die Wirtschaftsleistung wird den Wirtschaftsberatern von Ecoanalítica zufolge 2017 um zehn Prozent fallen. Im restlichen Südamerika wird es einen leichten Wirtschaftsaufschwung geben, immerhin um ein Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt steigen. Dann wird sich zeigen, was die Verfassungsgebende Versammlung in Venezuela erreicht hat. Ein guter Messwert dafür könnte die Länge der Schlange vor der Lebensmittelausgabe sein.

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