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Hubert Védrine: "Die Welt wird eine Nuklearmacht Nordkorea akzeptieren"

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Hubert Védrine: "Die Welt wird eine Nuklearmacht Nordkorea akzeptieren"

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Die USA, die einstige alleinige Großmacht der Welt, werden immer mehr zu einer Großmacht unter mehreren. China und Russland untermauern ihren Anspruch auf einen globale Führungsmacht. Sie stecken ihre Claims ab, während Washington seine NATO-Verbündeten drängt, die Militärhaushalte zu erhöhen.
Der frühere Top-General John Allen, heute Direktor der Brookings-Denkfabrik in Washington, sieht die USA weiter als ein Land mit globalen Verpflichtungen. Einige dieser Aufgaben seien komplizierter geworden, etwa im Nahen Osten und in Ostasien. In der Nordkorea-Krise könne der Bedarf nach einer stärkeren Rolle der NATO größer werden.
Die USA sind nach wie vor die stärkste Großmacht der Welt, aber sie ist nicht länger dominierend, sagt der frühere französische Außenminister Hubert Védrine, heute ein gefragter politischer Analyst. Euronews erreichte ihn für ein Gespräch in Paris.

Euronews: Hubert Védrine, willkommen bei Euronews. Kann man noch von einer Hyper-Großmacht USA sprechen oder sind wir Zeugen eines Macht-Transfers zu anderen Staaten?
Hubert Védrine: Als ich in den 90er Jahren den Begriff Hyper-Großmacht geprägt habe, war das, um eine ganz bestimmte historische Periode zu charakterisieren, nämlich die Zeit nach dem Fall der Sowjetunion. Heute geschieht praktisch das Gegenteil, nämlich das Ende des Machtmonopols der USA und des Westens.
Haben sich die USA von der Weltbühne verabschiedet? Natürlich nicht. Sie bleiben die Großmacht Nummer eins, dazu gibt es die Großmacht China als Großmacht eins B. Zugleich ist die Welt nicht nur amerikanisch oder nur chinesisch, aber es gibt keine wirkliche internationale Gemeinschaft. Im übrigen ist das amerikanische Verteidugngsbudget so groß wie das aller anderen zusammen.

Euronews: Wie kann man denn die Rolle Russlands im Syrien-Konflikt bewerten? Präsident Putin ist es gelungen, das erhebliche milittärische Gewicht Russlands in der Region zur Geltung zu bringen und den Iraner Rohani und den Türken Erdogan an einen Tisch zu bringen, um ihnen eine Syrien-Lösung schmackhaft zu machen, bei der Assad an der Macht bleibt.

Védrine: Zunächst mal ist festzstellen, dass Putin in seiner nunmehr dritten Amtszeit ist. Man sollte aber seinen Einfluss nicht überschätzen. Er hat gezeigt, dass Russland als Großmacht nicht verschwunden ist, dass er immer noch einen Fuß in die Tür kriegt, dass er Fakten schaffen kann auf der Krim oder in der Ukraine und dass er eine Lösung in Syrien blockieren kann.
Es war übrigens vorhersehbar, dass Russland seinen Verbündeten Assad nicht fallen lassen würde. Russland ist also im Konzert der Weltmächte zurück, aber nicht die globale Bedrohung, die die Sowjetunion während des Kalten Krieges war.

Euronews: Der Militäreinsatz Moskaus in Syrien war entscheidend – man kann nicht dasselbe über die USA sagen…

Védrine: Aus westlicher Perspektive war der Syrien-Konflikt in den letzten Jahren ein wenig chaotisch. Russland dagegen hatte weniger Ziele und war hartnäckiger. Moskau hat nicht gezögert, seine Militärmacht einzusetzen, um in den Konflikt einzugreifen und den Sturz des Regimes zu verhindern.
Aber man kann nicht sagen, dass Russland ein wiedergeborener globaler Akteur ist, der diese Militärmacht überall einsetzt oder damit droht. Das hat nichts zu tun mit der Rolle der Sowjetunion.

Euronews: Zu Nordkorea. Ist es vorstellbar, dass Washington mit Moskau und Peking zusammenarbeitet, um die nukleare Bedrohung durch Nordkorea einzudämmen? Oder könnten die USA allein handeln?

Védrine: Die USA haben versucht, durch Sanktionen Druck auszuüben und eine internationale Koalition gegen Nordkorea in Stellung zu bringen, einschließlich Chinas. Das hat nicht wirklich funktioniert. Langfristig sehen wir, dass allein China den Schlüssel in der Hand hat. Peking ist die Nordkorea-Krise peinlich und vom Regime in Pjöngjang genervt.
Zugleich will China aber nicht den Sturz des Regimes, was unweigerlich zu einer Wiedervereinigung mit Südkorea führen würde. Damit hätte Peking südkoreanische und US-Truppen direkt an seiner Grenze.
Am wahrscheinlichsten ist nun, dass die Welt akzeptiert, dass Nordkorea, wie zwei, drei andere Länder auch, eine Nuklearmacht außerhalb der internationalen Vereinbarung wird.
Ihre Frage zielt auf den Kern der Sache, denn wie wir in den vergangenen Wochen beobachten konnten, beschäftigen sich die US-Medien erstmals mit der Frage, was geschehen würde, wenn das Pentagon einem Befehl des Präsdienten nicht gehorchen würde. Es gibt darüber sogar Debatten im Senat, das hat es noch nie gegeben.