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Risikofreudig aber auch gefrustet: Russische Unternehmen vor der Wahl

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Risikofreudig aber auch gefrustet: Russische Unternehmen vor der Wahl

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Wie macht man in Russland Geschäfte angesichts der Wirtschaftssanktionen? Was erwarten Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen – und was sind ihre Ängste und Hoffnungen vor der Präsidentenwahl? euronews-Reporterin Galina Polanskaja hat sich umgehört.

Gennady Shihkerimov (58) und Nadezhda Bysik (49) leben in einem Vorort von Moskau. Die beiden streiten oft über Politik. Er ist Fan von Wladimir Putin, sie will für einen anderen Kandidaten stimmen.

Wer nichts riskiert, trinkt keinen Champagner!

Irina Morozov Buchhalterin

Nadezhda ist Ökonomin. Gennady besaß eine Immobilienfirma, die er aber wegen finanzieller Probleme aufgeben musste. Jetzt arbeitet er als Manager in einem Baumarkt, würde sich gern wieder selbstständig machen, aber die Aussichten sind schlecht.

Gennady Shihkerimov: “Ich hatte vor Kurzem eine Geschäftsidee, kam dann aber zu dem Schluss, dass dies absolut unrealistisch ist. Denn der Zinssatz, mit dem ich mich bestenfalls zufrieden geben kann, liegt bei 13 Prozent, sollte ich auf wundersame Weise einen Kredit bekommen. Da müsste ich fünfmal mehr verdienen, um das Darlehen abzuzahlen. Das ist unmöglich. Das schafft keine Firma, es sei denn, man schürft Gold.”

Über eines sind sich Gennady und Nadezda in ihren politischen Diskussionen einig: Kleine und mittlere Unternehmen müssen es in Russland einfacher haben.

Nadezhda Bysik: “Wir brauchen billige Kredite, wir brauchen vereinfachte Verfahren, um Firmen zu registrieren und Menschen die Möglichkeit zu geben, irgendwie Geld zu verdienen.”

Viele Hindernisse

Der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen am russischen BIP beträgt rund 20 Prozent. In seiner jüngsten Ansprache an die Nation kündigte Putin an, dass sich dieser Anteil bis 2025 mindestens verdoppeln werde.

Allerdings gilt es bis dahin zahlreiche Hindernisse zu überwinden, wie Andrei Movchan vom Moskauer Carnegie Center erklärt. “Die Steuerlast für kleine und mittlere Unternehmen steigt und wird weiterhin steigen. Ebenso ihre Kontrolle, die Zahl der Inspektoren und die Komplexität der Inspektionen. Derweil schrumpft der Markt, weil die Einkommen sinken. Wegen des rückläufigen Marktes und mangelnder Exportmöglichkeiten wird es für Unternehmen künftig immer schwieriger, ihre Waren zu verkaufen .”

Anton Samoylov betreibt eine Firma, die Sicherheitssoftware herstellt. Mit einem Jahresumsatz von 80 Millionen Rubel, umgerechnet rund 1 Million Euro. Der russische Staat hat die Steuern für IT-Unternehmen gesenkt, das sei ein großer Vorteil, sagt Anton.

Das Hauptprodukt seiner Firma ist eine Software, die offizielle Dokumente authentifiziert und vor unrechtmäßiger Veröffentlichung schützt. Das ideale Produkt in der Ära von Wikileaks. Aber die großen Märkte im Ausland bleiben ihm verschlossen. “Aufgrund der politischen Situation, wegen der Sanktionen und Manipulations-Vorwürfe bei der US-Wahl, ist es für uns sehr schwierig, auf den westlichen Markt zu stoßen. Unternehmen in den USA und Europa haben kein Vertrauen in russische Firmen aus dem IT-Bereich oder die sich mit Sicherheitsfragen befassen – aus einem einfachen Grund: Sie haben Angst vor Sicherheitslecks.”

Käse gegen Sanktionen

Sanktionen machen erfinderisch, wie der Moskauer Käsemarkt zeigt. Die meisten Händler begannen 2014 mit der Käseproduktion, nachdem Russland als Reaktion auf die Sanktionen der EU und der USA den Import westlicher Lebensmittel, darunter Käse verboten hatte.

Heimische Hersteller wie Aleksei Zyuzin, eigentlich Diplomarchitekt, füllen nun die Lücke. “Die Einführung der Sanktionen hat uns sicherlich dazu angeregt, in ein interessantes und komplexes Geschäft wie dieses zu investieren. Wir produzieren eine kleine Menge, etwa 200 Kilogramm pro Monat, haben aber vor, die Produktion zu steigern. Es sieht gut aus.”

Auch Lyubov und Victor Gorbatschow sind in die Käseproduktion voll eingestiegen. Ihr Familienunternehmen in einem Dorf in der Region Smolensk produziert 40 verschiedene Käsesorten. Einige davon werden in den besten Moskauer Restaurants serviert.

Lyubov Gorbatschow: “Es ist nicht so leicht, weil unsere Kunden ausländischen Käse gewohnt sind. Wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass unser Käse nicht schlechter ist als der importierte”.

Hart arbeiten und noch härter

Wie sich Firmen abseits der großen Städte entwickeln, haben wir uns in dem 160 Kilometer von Moskau entfernten Dorf Berendeevo angeschaut. Etwa 3000 Menschen leben hier. Einige arbeiten für die private Firma MetKomplekt, die Bauteile für die elektrische Eisenbahnausrüstung herstellt.

Der Betreiber Kirill Zakharov und seine Frau Evgenia führen uns durch die Firma. Sie beschäftigt 40 Menschen, der Jahresumsatz liegt bei 100 Millionen Rubel, umgerechnet knapp 1,5 Millionen Euro.

Der Mangel an Fachkräften ist ein großes Problem, aber nicht nur, sagt Kirill Zakharov. “Weil der Rubel anderen Währungen gegenüber nachgegeben hat, sind die Kosten für Verbrauchsmaterialien und Ersatzteile mehrfach gestiegen. Das hat unsere Produktionskosten und Wettbewerbsfähigkeit stark beeinflusst.”

Dennoch blickt der Firmenchef optimistisch in die Zukunft. Hart arbeiten und noch härter, das sei der einzige Weg für kleine und mittelständische Unternehmen, nicht nur in Russland, sondern anderswo. Aber: “Die Behörden müssen kleine Firmen endlich als eine der Säulen der russischen Wirtschaft anerkennen. Wir bekommen zwar Aufmerksamkeit, aber nicht die richtige Anerkennung.”

Wer nichts riskiert, trinkt keinen Champagner

Der Schweißer Aleksandr Morozov kam direkt nach seinem Militärdienst zu MetKomplekt, sein erster Job. Der 23-Jährige stammt aus Berendeevo und plant, sein Leben hier zu verbringen. Seine Frau Irina ist Buchhalterin an der örtlichen Schule. Das Paar hat eine kleine Wohnung gemietet, verdient rund 400 Euro im Monat und äußert sich zufrieden, auch wenn das Leben immer teurer wird.

Aleksandr: “Früher ging man ins Geschäft und bekam für 1000 Rubel (umgerechnet gut 14 Euro) einen vollen Einkaufskorb. Heute ist er so gut wie leer. Man zahlt für nichts. Es wär schön, wenn es höhere Löhne gäbe.”

Irina: “Es ist besser, sich selbstständig zu machen.”

Aleksandr und Irina träumen vom Eigenheim. Und Irina weiß, wie sie diesen großen Traum umsetzen werden.

Irina: “Er hat goldene Hände. Die soll er nun richtig einsetzten.”

Aleksandr: “Ich würde gerne in die Kaltumformung wechseln und mich selbstständig machen.”

euronews: “Haben Sie keine Angst?”

Aleksandr: “Wenn man es nicht versucht, wird man es nie erfahren.

Irina: “Ja, wer nichts riskiert, trinkt keinen Champagner!”