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Migranten in Europa: Wie die Alpen zum Verhängnis werden

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Migranten in Europa: Wie die Alpen zum Verhängnis werden

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Clavière: Ein malerisches Dorf in den französischen Alpen, bekannt vor allem bei Wintersportlern. An diesem Frühlingstag ist die Polizei in Alarmbereitschaft.

Überwachung der Berge: Ein weiteres, tödliches Hindernis?

Eine Handvoll Menschen sind auf dem Weg über die französisch-italienische Grenze, die nur ein paar hundert Meter entfernt liegt. Französische und italienische Bürger haben sich am Rande des französischen Dorfes Montgenèvre versammelt, um ihrem Ärger vor dem Gebäude der Grenzpolizei Luft zu machen.

"Eine Frau ist tot. Blessing wurde am Mittwoch in der Nähe des Damms von Presle im Fluss gefunden, er fließt direkt durch Briançon. Eine schwarze Frau, deren Tod nirgendwo gemeldet oder registriert wurde", ruft einer der Männer durch einen Lautsprecher vor der Polizeiwache. Ein anderer fährt fort: "Sehr geehrte Damen und Herren, wir wollen nicht, dass die Überquerung dieser Grenze nach dem Mittelmeer zu einem weiteren, tödlichen Hindernis für Vertriebene wird, die nach Frankreich kommen wollen."

Bergsteiger und -bewohner retten regelmäßig Menschen, die unterwegs nach Briançon sind, aus dem Gebirge. Dabei risikieren sie, selbst von der Polizei belangt zu werden.

Benoit Ducos gehört zu ihnen, er erklärt: "Wir haben viele Unfällen verhindert. Und jetzt, am Ende des Winters stellen wir fest, dass es nicht länger Schnee und Kälte sind, die Probleme hervorrufen. Inzwischen sind es die Polizei und das Militär. Deren Präsenz ist an dieser Grenze stark erhöht worden. Die Migranten müssen Umwege machen, um nach Frankreich zu gelangen."

Derzeit wird der Tod der jungen Nigerianerin untersucht. Die Proteste dauern an, denn ihre Wegbegleiter erzählen, dass ihr Tod die Folge einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in den Bergen war.

In einer Frage an den Polizisten, ob er mehr wisse, sagt er: "Wir haben damit nichts zu tun, da geht es wahrscheinlich um Menschenschmuggler..."

Eine italienische Aktivistin ist anderer Meinung: "Dieser Tod war vermeidbar. Es war ein Mord mit eindeutig identifizierten Tätern und Komplizen. Zuallererst die Regierungen mit ihrer Abschottungspolitik und diejenigen, die sie unterstützen. Die Sicherheitskräfte, Gebirgsjäger und jetzt diese neo-faschistischen Identitären, die auf den Routen und Zugangsstraßen patroullieren und die Migranten jagen."

Mehr als 3000 Flüchtlinge haben in den vergangenen zwei Jahren unter widrigen Umständen die Grenze zum Nachbarland in den Bergen überquert, um in Frankreich Schutz zu suchen.

Identitäre Bewegung: Patrouillen zum "Schutz der Bevölkerung"

Zusätzliche Sicherheitskräfte wurden in die Region den französischen Alpen entsandt, nachdem im April vergangenen Jahres Mitglieder der rechtsextremen "Identitären Bewegung" mit einem Aufsehen erregenden Medienspektakel die Abriegelung des Grenzgebiets forderten. Einige Dutzend Aktivisten der Gruppe haben eine symbolische Barriere auf dem 1762 Meter Bergpass "Col de l'Echelle" errichtet - eine ernste Warnung an Flüchtlinge.

Ein paar Tage nach der Aktion haben wir ein Mitglieder der Gruppe getroffen, die in der Region geblieben sind. Sie behaupten, die Sicherheitskräfte bei ihren regelmäßigen Kontrollgängen in der Gegend zu unterstützen - auf der Suche nach Migranten.

Aymeric Courtet, Student und Sprecher der Identitären Bewegung erklärt: "Wir führen Überwachungsoperationen an der Grenze und zum Schutz der Bevölkerung durch. Sie unterstützt uns, um Informationen über Schmuggler-Netzwerke und Menschenschmuggel aufzudecken. Diese Information geben wir an die Polizei."

"In den vergangenen Wochen haben wir rund 20 Migranten festgenommen. Wir haben der Polizei rund 20 illegale Einwanderer gemeldet. Wir geben den Sicherheitskräften ihren Standort durch, damit sie gefunden und festgenommen werden können."

Valerie Gauriat, Euronews: "Fühlen Sie sich berechtigt, all diese Menschen, die hier über die Grenze wollen, aufzuhalten? Auch wenn sie von sehr weit her kommen und schon alles Mögliche ertragen haben?"

"Ja, natürlich. Wir sind wachsame Bürger und wollen unsere Bevölkerung-, die Europäer, schützen. Und wenn der Staat beschlossen hat, seine Bürger im Stich zu lassen, sind wir da. Für die Europäer und die Verteidigung unserer Identität", sagt Courtet.

Der gefährliche Weg durch die Berge

Einige Tage später kehren wir wieder nach Clavière zurück. Diese Hütte ist der Ausgangspunkt für diejenigen, die nach Frankreich weiter wollen. Mit der Kamera dürfen wir an dieser Stelle nicht weiter.

Französische und italienischen Freiwillige begrüßen Flüchtlinge, die von überall aus Italien hier her gereist sind. Die Hütte verschafft ihnen eine kurze Atempause, bevor sie ihre gefährliche Reise in Richtung Frankreich aufnehmen. Die Freiwilligen können strafrechtlich belangt werden, weil sie den Migranten helfen. Sie sagen, dass die Sicherheitskräfte gegen das Gesetz verstoßen.

Eine Aktivistin der Gruppe erklärt: "Normalerweise könnten Asylsuchende einfach ohne Dokumente zu einem Grenzposten gehen und sagen, dass sie Schutz suchen. Aber tatsächlich werden Menschen, die auf normalem Weg versuchen, die Grenze zu überqueren, also beispielsweise mit dem Bus, wieder zurück zur Grenze gebracht. Das zwingt sie, gefährliche Bergpfade zu nehmen, um nicht wieder in Italien zu landen."

Einer der Asysuchenden erklärt sich bereit, mit uns zu sprechen. Er will anonym bleiben. Am Tag zuvor hat er versucht, mit seinem minderjährigen Bruder über die Grenze zu kommen. Die Gruppe wurde schnell von der italienischen Polizei aufgegriffen, nur der jüngste durfte weiter. Er erklärt, wie die italienische Polizei sie gefunden hat:

"Sie haben uns gefragt, wohin wir gehen. Ich habe gesagt: Nach Frankreich. Sie haben unsere Taschen durchsucht. Dann haben sie gefragt, wie alt wir sind. Mein kleiner Bruder gab an, im Jahr 2000 geboren zu sein. Das haben sie akzeptiert. Dann haben sie mich gefragt. Ich habe gesagt, dass ich 1999 geboren bin. Sie sagten daraufhin: Nein, du bist erwachsen."

Valeriat Gauriat: "Und wenn du es nochmal versuchst und die Polizei dich wieder zurückschickt, was dann?"

"Ich werde es immer wieder versuchen. Ich will hier nicht mehr leben. Das Hauptroblem hier ist die Sprache."

Er wird sein Glück noch einmal versuchen, zusammen mit ein paar anderen. Ihnen mit der Kamera zu folgen ist unmöglich. Denn das würde das Risiko für die Gruppe, entdeckt zu werden, erhöhen. Die Gruppe schafft es tatsächlich, an diesem Tag die andere Seite zu erreichen. In der französischen Kleinstadt Briançon, nur 15 Kilometer entfernt, können sie etwas ausruhen.

Französische Notunterkunft: "Refuge Solidaire"

Wir besuchen die Notunterkunft "Refuge Solidaire", hier kommen die meisten Neulinge aus Italien an. Sechs Männer sind gerade aus Clavière angekommen. Sie sind erschöpft.

Valerie Gauriat: "Wann seid ihr aufgebrochen?"

Einer von den sechs Männern sagt: "Gegen neun. Neun Uhr morgens. Wir sind gegen drei angekommen. Zu Fuß."

Ein anderer sagt: "Ich bin den Berg hochgelaufen...und dann habe ich...wie heißt das nochmal...die kleine Brücke haben wir überquert...man kann nicht die Straße nehmen, sondern die Pfade, die höher liegen, damit man sich verstecken kann.__Vor der Polizei verstecken. Häufig wird das Polizeiauto langsamer. Wenn es anhält, hälst du auch an..."

Valerie Gauriat: "Du bist nass und schmutzig...Bist du hingefallen?"

"Ich bin nass, ja. Es ist nicht einfach. Ich bin hingefallen, es ist nicht so leicht, ich habe viel durchgemacht."

Mahlzeiten, Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung - die Freiwilligen wechseln sich ab, um die Neuankömmlinge bestmöglich zu versorgen. Einige nehmen sie bei sich zu Hause auf. Doch die meisten, die hier ankommen, wollen in andere Städte Frankreichs, und dort einen Asylantrag stellen. Es gibt immer etwas zu tun.

Auch Anne, die für die "Refuge Solidaire" arbeitet, hakt nach: "Bist du hingefallen?" Der Mann bejaht. Anne gibt ihm Anweisungen: "Okay, bleib in der Küche. das Krankenhaus wird gleich anrufen, damit ich die Jugendlichen abhole, die ich dort hingebracht habe. Wenn ich losfahre, um sie zu holen, nehme ich dich mit."

Anne Chavanne reibt sich die Augen und sagt:

"Wir heißen die Neuankömmlinge willkommen, wir fahren sie ins Krankenhaus, wir kümmern uns um Transport, Zugtickets, kontaktieren Familienmitglieder, die sich in Frankreich aufhalten und schon einen Wohnort haben. Sie brauchen viel Unterstützung. Sie haben wahnsinnige Angst davor, irgendwo festgenommen zu werden. Obwohl sie das Recht haben, in Frankreich Asyl zu suchen, wird auch das immer schwieriger. Sie machen sich immer mehr Sorgen und wir können ihnen keine Garantien geben."

Unterstützung in Notunterkünften: "Rechtlich ist das, was wir tun, verboten."

Justin aus Kamerun sucht als politischer Flüchtling Asyl. Seinen Antrag hat er vor 7 Monaten eingereicht.

Während er auf die Bearbeitung wartet, darf er nicht arbeiten. So hilft er in der Notunterkunft mit. Da er zuerst in Italien ankam, ist es gut möglich, dass er dorthin zurück geschickt wird.

Nach dem Dubliner Übereinkommen kann ein Asylsuchender in das europäische Land zurückgeschickt werden, in das er zuerst eingereist ist. Er sagt: "Die Leute denken, dass das Leben hier gut ist. Aber anstatt das Leben zu führen, das ich hier habe, glaube ich manchmal, dass es besser wäre, in meinem eigenen Land bei meiner Familie zu sein, meinem Sohn und mit einem Leben, das mir gehört. Aber ich bin ja nicht grundlos hier."

Ursprünglich war diese Notunterkunft für rund 20 Menschen geplannt, doch inzwischen halten sich dort regelmäßig an die 100 Neuankömmlinge auf. Die Mitglieder des Solidaritätsnetzwerks von Briançon nehmen die Flüchtlinge auch manchmal bei sich zu Hause auf.

Joël Pruvot, einer der führenden Köpfe der Notunterkunft, bemängelt die fehlenden Erstaufnahmezentren in Frankreich. Sie sind für denjenigen gedacht, die bisher ihre Asylanträge noch nicht eingereicht haben.

Er sagt: "Die Polizei hat kein Recht zu beurteilen, ob ein Asylgesucht legitim ist. Es gibt eine Organisation, die in Frankreich für Flüchtlinge und Staatenlose zuständig ist. Sie sollte sich eigentlich dieser Fälle annehmen, ihnen Hinweise geben und eine Entscheidung fällen. In der Wartezeit sollte es eine vorläufige Erstaufnahme in Frankreich geben. Und es ist genau das, was der Staat nicht macht, was wir Freiwillige an seiner Stelle tun. Normalerweise ist das nicht unsere Aufgabe. Und besonders, weil sie uns bitten, im äußersten Fall auch Minderjährige aufzunehmen. Rechtlich ist das, was wir tun, verboten."

Am nächsten Morgen warten andere Freiwillige der Notunterkunft zusammen mit 23 Minderjährigen vor dem Polizei-Kommissariat in Briançon. Denn hier müssen sich unbegleitete Minderjährige registrieren lassen. Der Regionalrat des Départements muss sich um sie kümmern. Doch einige dieser Jugendlichen warten seit 15 Tagen in der Notunterkunft. Nun campieren sie vor der Polizeiwache bis sie eine Antwort bekommen.

Christophe Bruneau, ein Freiwilliger aus der Refuge Solidaire begleitet die jungen Männer: "Wir warten, bis wir das bekommen, was wir brauchen. Wir hoffen, dass wir sie nicht mit zurück nehmen müssen, denn das würde Versagen bedeuten."

Die lange Wartezeit zahlt sich aus.

Catherine, die ebenfalls mitgekommen ist, freut sich: "Es bewegt sich was, seht ihr. Es bewegt sich. Es ist nicht umsonst, was ihr macht, jedenfalls heute. Immerhin gibt es nun schon sieben, die ins Département aufbrechen können..."

Am Ende des Tages machen sich 18 von 23 Jugendlichen auf den Weg nach Gap. Dort befindet sich der Sitz des Regionalrates.

Ungewisse Zukunft, trotz Unterstützung

Wir haben ein Treffen im Gymnasium von Briançon vereinbart. Movado ist vor anderthalb Jahren hier angekommen. Im Gymnasium macht er eine Fortbildung im Bauwesen. Er wurde während seiner Flucht aus den Bergen gerettet. Der junge Mann aus Guinea ist bei einem Paar in der Region untergekommen. Er lebt mit ihnen in einem kleinen Dorf, rund 20 Kilometer von Briançon entfernt:

"Die Familie, die mich aufgenommen hat ist sehr freundlich. Sie sind sehr nett, und kümmern sich sehr um mich. Sie haben mir geholfen, eine Ausbildung anzufangen. Ich bin zwar nicht wie ein Sohn für sie, aber sie haben sich sehr gut um mich gekümmert. Sie sind wie meine Eltern für mich."

In diesem Haus hat der junge Mann seine Rettung gefunden. Nach seiner Ankunft nahm das Paar ihn bei sich zu Hause auf: Krank und mit schweren Erfrierungen. Sie unterstützten seine Genesung, und unnachgiebig begleiten sie ihn bei Behördengängen.

Das Paar hat noch drei weitere junge Männer aufgenommen, darunter Fousseyni und Malian. Die Sahara, libysche Gefängnisse, die Reise über das Mittelmeer - alle drei haben die Hölle kennengelernt. Doch die Unterstützung des Paars kann ihre Probleme nicht lösen.

"Es geht ihnen gut. Aber alles andere ist furchtbar, denn... wir können nicht sagen, das wars, es geht ihnen gut, wir sind zufrieden. Nein. Wie lange wird es ihnen gut gehen? Die Gesetze ändern sich. Und in ein paar Monaten werden sie noch härter sein. Was wird daraus werden, was wird aus ihnen werden?", fragt sich Fanfan Guillemeau. Ihr Mann Yves Carpenter ergänzt:

"Und sie bringen eine ganz schöne Energie mit. Denn es stimmt, dass ihr starker Wille, der sie den ganzen Weg über begleitet hat, der ist nicht weg. Ihre Energie lädt uns auch irgendwie wieder auf."

Der 19-jährige Movado träumt davon, Klempner zu werden und sich in Frankreich niederzulassen. Eine Hoffnung, die davon abhängt, ob er den Flüchtlingsstatus bekommt: "Ich fühle mich nicht richtig frei, denn ich bin hier, aber ich habe keine Papiere. Ich muss auf eine Antwort waren. Wenn sie positiv ausfällt, dann werde ich Papiere haben, wenn nicht, dann muss ich Einspruch erheben. All das belastet mich. Ich denke oft daran, aber ich habe noch Hoffnung. Schritt für Schritt."

Yves und Fanfan tun alles in ihrer Macht stehende, um ihre Schützlinge zu unterstützen, auch mit Hilfe von Anwälten. Aber sie wissen, dass noch nichts gewonnen ist.

"Das Wichtigste ist, dass sie Selbstbewusstsein entwickeln. Denn wenn sie das haben, sind sie stärker. Und das macht sie weniger angreifbar, vielleicht erhöht das ihre Chancen. Das ist alles, was wir sagen können", sagt Fanfan.

"Man hört ja viel über die Gastfreundschaft, die Solidarität der Bergbewohner. Aber tätsächlich verliert das heutzutage angesichts der Ablehnung die man seitens der Politiker spürt, an Bedeutung. Das macht uns nach wie vor wütend", fügt Yves hinzu.

Gedenkfeier für Blessing

Einige Einwohner des Dorfes haben sich am Rande des Flusses versammelt. Hier wurde Blessing gefunden, die Nigerianerin, die tot im Fluss angespült wurde. Eine Mischung aus Melancholie, Trauer und Ärger liegt in der Luft. Die Aktivisten haben ihr zu Ehren eine Gedenkfeier organisiert.

Benoit Ducos spricht: "Können wir es nicht mehr wagen, Wasser aus unseren Quellen zu trinken? Können wir nicht mehr ruhigen Gewissens in die Berge gehen, wenn wir doch wissen, dass exilierte Freunde dort ihre Leben gelassen haben, wie wilde Tiere gejagt.

Ooh Blessing, alle betrauern dich hier in Briançon, alle. Was hat sie getan, um ein solches Schicksal zu verdienen?"