Warum so viele Babys mit RS-Virus? Was Sie über Bronchiolitis und RSV wissen sollten

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Von Kirsten Ripper  & Euronews  mit AFP, NZZ, Tagesanzeiger
Kleinkind wegen Bronchiolitis auf der Notaufnahme in Frankreich - Archiv
Kleinkind wegen Bronchiolitis auf der Notaufnahme in Frankreich - Archiv   -   Copyright  JEAN AYISSI/2003 AFP

In der Schweiz schlagen die Krankenhäuser Alarm. "Noch nie waren so viele Kinder mit RSV-Infektionen im Spital" titelt der Tagesanzeiger. Allein im Kinderspital Zürich werden derzeit 30 Kleinkinder deswegen stationär behandelt, viele müssen zumindest kurzzeitig beatmet werden. Zu Beginn der Welle von Bronchiolitis in der Schweiz musste ein Kind sogar von Zürich nach Genf transportiert werden.

Auch in Deutschland grassiert die RS-Virus-Welle seit Ende Oktober.

Wie Eltern erkennen können, dass ihr Baby am RS-Virus leidet, erklärt Kinderarzt und Infektiologe Christoph Berger bei SRF: "Das Kind ist erkältet, hat eine verstopfte Nase und hustet. Es kann auch nicht mehr die übliche Menge trinken. Es ist offensichtlich, dass es eine Infektion der Atemwege mit viel Sekret hat. Dann ist es angezeigt, zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt zu gehen und er oder sie schickt die Eltern mit dem Kind dann weiter in die Kinderklinik, wenn das notwendig ist und wenn sie hospitalisiert werden müssen. Wir machen alles, was möglich ist, aber es braucht Geduld, und die Spitäler sind an der Belastungsgrenze."

Zu den Symptomen gehört auch die sogenannte "Keuchatmung".

Warum die RSV-Welle?

RSV steht für das Respiratorische Synzytial Virus. Das RS-Virus ist - laut Robert-Koch-Institut - weltweit verbreitet und einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere bei Frühgeborenen und Kleinkindern. 

"Häufig kommt es bei einer RSV-Infektion zu einer Lungenentzündung oder Bronchiolitis, einer Entzündung der kleinen bronchialen Verästelungen", sagt Dr. Tanja Brunnert aus Göttingen, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen in der Apotheken-Umschau. "Die unteren Atemwege verengen sich. Das kann bis hin zu bedrohlichen Atemaussetzern und einer mangelnden Sauerstoffversorgung der Kinder führen."

Wie bei der Grippe gibt es im Herbst und im Winter besonders viele Fälle - auch die Symptome sind ähnlich.

Experte Christoph Berger begründet die besonders heftige Welle 2022 damit, dass während der beiden vergangenen Jahre durch die Corona-Regeln weniger Viren zirkulierten. Er sagt: "Das wird bis zu einem gewissen Grade nachgeholt, weil diese Viren nicht zirkuliert sind und es auch bei den größeren Kindern weniger Immunität dagegen gibt. Jetzt zirkulieren die Viren wieder frei. Wir haben deshalb auch nicht nur Säuglinge, sondern mehr ältere Kinder, die daran erkranken."

Trauriger Rekord in Frankreich

In Frankreich haben die Gesundheitsbehörden seit mehr als 10 Jahren nicht mehr so viele Notfälle und Krankenhaus-Einweisungen von Kleinkindern wegen Bronchiolitis registriert wie in diesem Herbst. Zuletzt ist die Zahl der erkrankten Babys leicht zurückgegangen.

Insgesamt 5.565 Kinder unter zwei Jahren wurden in der Woche vom 7. bis 13. November in Frankreich in Notaufnahmen wegen Bronchiolitis behandelt. Mehr als 2.000 Kinder wurden ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Beschäftigten von Kinderkrankenhäusern sind am Limit. Deshalb hat Frankreich Anfang November einen Notfallplan in Kraft gesetzt. Diese Bronchiolitis-Epidemie trifft die pädiatrischen Notaufnahmen, die sich wegen  Personalmangel ohnehin in der Krise befinden.

In Frankreich wurden unter Bronchiolitis leidende Babys mehr als 20 Jahre lang von Physiotherapeuten behandelt. Einige von ihnen meinen, die Krankenhäuser seien jetzt voll, weil die Gesundheitsbehörden diese Behandlung nicht mehr für sinnvoll ansehen, Ärztinnen und Ärzte sie nicht mehr verschreiben.

MYCHELE DANIAU/2003 AFP
Physiotherapeut behandelt Baby mit Brochiolitis in FrankreichMYCHELE DANIAU/2003 AFP

Das RKI schreibt, dass es keine wirksame kausale Behandlung der RSV-Infektion gibt. Die Therapie bestehe aus ausreichend Flüssigkeitszufuhr - und aus Nasenspray.

Hoffnung auf Impfung gegen RSV

Anfang September meldete der US-Pharmakonzern Pfizer Erfolge bei Tests zu einem Impfstoff gegen RSV. Dabei sollen aber keine Babys, sondern Schwangere geimpft werden. 

In der NZZ beklagt Christoph Aebi, Chefarzt an der Universitätsklinik für Kinderheilkunde am Inselspital Bern, dass die Firma ihre Resultate ohne Publikation der Studiendaten kommuniziert. Aebi erklärt auch, dass die Pädiatrie schon seit Jahrzehnten auf eine Impfung gegen RSV wartet.

Auch andere Pharma-Konzerne - nämlich laut NZZ GlaxoSmithKline, Janssen, Bavarian Nordic und Moderna - arbeiten an Vakzinen gegen das RS-Virus.

Stillen senkt das Risiko einer RS-Virus-Infektion

Laut einer Studie der American Academy of Pediatrics leiden Babys, die von ihren Müttern mehrere Monate lang gestillt wurden, weniger häufig und weniger stark an RSV. Ausschließliches Stillen über einen Zeitraum von mehr als 4 Monaten senkt offenbar die Zahl der Krankenhausaufenthalte und die Notwendigkeit der Sauerstoff-Versorgung erheblich. Stillen über einen Zeitraum von 4 bis 6 Monaten reduziert auch ungeplante Hausarztbesuche und Notaufnahmen. Bei hospitalisierten Säuglingen war die Wahrscheinlichkeit signifikant höher, dass sie ≤ 2 Monate oder gar nicht gestillt wurden. Das Risiko, an einer RS-Virus-Infektion zu versterben, ist bei Babys, die nur mit Milchpulver ernährt wurden, erhöht. 

Die Forschenden kommen zu der Schlussfolgerung: Stillen hat nachweislich eine schützende Wirkung für Säuglinge mit RSV-Bronchiolitis. Die WHO empfiehlt, mindestens 6 Monate lang ausschließlich zu stillen, um einen maximalen Immunschutz gegen Virusinfektionen bei Säuglingen zu erreichen.