Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Kaliningrad: Deutsche Vergangenheit und keine Angst vor Sanktionen

Access to the comments Kommentare
Von David Mac Dougall & Verena Schad
euronews_icons_loading
Eine Frau schießt ein Foto am Fluss Pregel in Kaliningrad
Eine Frau schießt ein Foto am Fluss Pregel in Kaliningrad   -   Copyright  VITALY NEVAR/nevarphoto(c)

Kaliningrad ist eine an der Ostsee gelegene russische Exklave. Sie gehört der Russischen Föderation an, wird aber von Litauen, Polen und der Ostsee eingeschlossen.

Das Gebiet und die gleichnamige Stadt waren als Königsberg früher Teil des Deutschen Reiches.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ostpreußen durch das „Potsdamer Abkommen“ von 1945 zwischen Polen und der Sowjetunion aufgeteilt: Aus dem östlichsten Winkel Deutschlands wurde der westlichste des Sowjetreichs. Danach wurde gründlich russifiziert, deutsche Spuren wurden, so weit es ging, ausgelöscht.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 legen Kaliningrader aller Generationen die verschütteten Spuren der Geschichte wieder frei. Heute gibt es eine Art ostpreußische Renaissance, ein neues Interesse an der Geschichte der Region, in der man lebt.

Aufschwung auch dank der Fußball-WM

„Natürlich gibt es noch die Straßen mit tiefen Löchern in der Stadt, die verfallenen Gebäude. Kaliningrad wurde von Moskau immer etwas vernachlässigt", so die Sprecherin des Deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad gegenüber euronews. „Aber es wurde viel in die Infrastruktur investiert, nicht nur zur Fußball-WM. Während der COVID-19-Pandemie hat der Tourismus angezogen, Russen aus anderen Teilen des Landes haben verstärkt Urlaub an den Ostseestränden von Kaliningrad gemacht. Es wurde in die Tourismusinfrastruktur investiert“, sagt sie.

„Hier lässt es sich besser leben, als man gemeinhin annehmen würde“, betont die Sprecherin der deutschen Auslandsvertretung in der russischen Enklave. Sie erklärt, dass sich besonders seit der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland 2018 eine Menge getan habe. Kaliningrad war einer der Austragungsorte der Vorrundenspiele, ein neues Stadion wurde gebaut, alte Gebäude wurden renoviert, moderne Gebäude und Straßen sind für die Urlaubsgäste entstanden. Die Lebensqualität sei gestiegen, man bekomme alles, was man brauche, sagt sie.

Beliebt bei Städtereisenden und bei Filmdrehs

Besonders in den Dörfern hat die Russifizierung nicht so stark um sich gegriffen, „hier stehen noch viele alte verfallenen Kirchen“, so die Sprecherin des Deutschen Generalkonsulats. „Kaliningrad mit seinem ostpreußischen kulturellen Erbe ist etwas Besonderes für die russischen Touristen“, sagt sie. Diesen Vorzug nutze man auch bewusst, indem sich neben dem Erhalt alter Bausubstanz neue Bauvorschriften am alten Stil orientieren sollen und so selbst Neubauten den ostpreußischen Charme aufgreifen. Aber das koste viel und man sei immer auf der Suche nach Investoren, so die Sprecherin.

„Auch als Filmkulisse ist Kaliningrad beliebt, mit seinen alten Villen und pittoresken Stadtansichten, zum Beispiel das wohlhabende ehemals deutsche Viertel Amalienau mit seinen alten Backsteinvillen und kunstvollen Flachreliefs, Museum und Cafés“, sagt sie.

OZAN KOSE/AFP
Bootsfahrt auf dem PregelOZAN KOSE/AFP

Es gebe Initiativen und Aktivisten, die sich für den Erhalt des kulturellen Erbes einsetzen, so die Sprecherin. Eine andere Fraktion hingegen wende sich eher Moskau zu und schüre Ängste vor einer Re-Germanisierung, sagte sie euronews.

Generell könnte man sagen, so die Sprecherin, dass Menschen, die sich entscheiden, in Kaliningrad zu leben, tendenziell eher dem Westen zugewandt sind, gerne nach Europa reisen und zum Einkaufen nach Polen fahren. Moskau ist 1200 Kilometer von Kaliningrad entfernt, Berlin nur halb so weit. Wer in Kaliningrad zu Hause ist, führt ein Inselleben.

Die Bevölkerung in Kaliningrad sei besonders „Putin-kritisch“ und solle nicht an einer Ausreise gehindert werden, meint der EU-Abgeordnete und ehemalige Verteidigungs- sowie Außenminister von Polen, Radek Sikorski. „Die baltischen Russen sind eine Hoffnung für die Zukunft ihres Landes", so Sikorski.

Heute ist die russische Ostsee-Flotte in Kaliningrad ansässig. Die Truppenstärke vor Ort beträgt mehrere Tausend, die hiesige Bewaffnung umfasst Iskander-Raketen, die mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden können.

EU-Sanktionen? Viele sind unbesorgt

Nach Angaben der Bevölkerung macht man sich bislang wenig Sorgen über mögliche Auswirkungen der Sanktionen der Europäischen Union. Aufgrund seiner Lage ist Kaliningrad auf die Einfuhr von Waren angewiesen.

Der Student Konstantin Savva meint: „Vielleicht wird es ein paar Schwierigkeiten mit der Warenlieferung geben, aber bisher spürt man nichts. Uns hat das bislang nicht eingeschränkt."

Olga Klimowa, die in Kaliningrad in der Verwaltung tätig ist, sagt: „Natürlich werden die Sanktionen wie auch die vorherigen Auswirkungen auf unser Gebiet haben. Einige Mangelwaren werden wohl nicht mehr zu bekommen sein, aber nicht für lange Zeit. Ich glaube, dass die Regierung eine Lösung finden wird, alles wird in naher Zukunft geklärt sein. Wir machen uns nicht verrückt."

Der Seemann Semen Shchegoljatow sagt: „Ich mache mir keine Sorgen, weil alle darauf bereits vorbereitet waren. Ich weiß nicht, warum die Regierung erst jetzt darüber spricht und darüber so schockiert ist."

Ilja Tatianin meint: „Es ist ein bisschen beängstigend, weil wir nicht wissen, wie die Russische Föderation darauf antworten wird und wie die litauische Regierung dann wiederum reagieren wird."

Die neuen EU-Sanktionen betreffen rund die Hälfte der Waren, die nach Kaliningrad gebracht werden. Russischen Angaben nach sollen Waren künftig verstärkt auf dem Seewege nach Kaliningrad gebracht werden.