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Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen: "Jeder sollte tragen dürfen, was er will"

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Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen: "Jeder sollte tragen dürfen, was er will"
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Die niederländische Mode-Visionärin gilt als eine der innovativsten Schöpferinnen der Branche. Sie gehört zu den zehn Designern, die sich zur Haute Couture zählen dürfen. Die Haute Couture-Designerin Iris Van Herpen spricht mit Euronews über Mode, Geschlechterklischees und das Burka-Verbot in ihrer Heimat.

Iris van Herpen studierte Fashion Design an der niederländischen ArtEZ Kunsthochschule in Arnheim. Während ihres Studiums machte sie Praktika bei Alexander McQueen in London, Viktor & Rolf in Paris und Claudy Jongstra in Amsterdam. Nach ihrem Abschluss 2006 reiste sie um die Welt und ließ sich von verschiedenen Kulturen inspirieren. Ihre Erlebnisse setzte die junge Designerin in ihrer ersten Kollektion "Fragile Futurity" 2007 um. Die junge Designerin verfolgt ihren eigenen Stil. Sie folgt keinen Trends. Ihre Art, Mode zu machen, geht weit über konventionelle Materialien und Produktionsweisen hinaus - das macht ihre Kreationen zu Kunstwerken.

Euronews-Reporterin Jane Witherspoon:
Euronews traf Iris Van Herpen in Dubai, als sie auf der arabischen Modewoche für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Vielen Dank, dass Sie euronews ein Interview geben. Sie sind zum ersten Mal auf der arabischen Modemesse in Dubai. Was halten Sie davon?

Modedesignerin Iris van Herpen:
Ich freue mich wirklich sehr, hier zu sein. Dubai ist wirklich ein besonderer Ort. Ich bin erst zum zweiten Mal hier. Ich würde das Land gern öfter besuchen. Die Modeszene hier ist so lebendig. Man ist so zukunftsgewandt, man geht neue Wege in der Mode. Und ich habe wirklich das Gefühl, dass meine Arbeit hier gut hinpasst.

Euronews:
An welcher Stelle steht Dubai als Modehauptstadt?

Iris van Herpen:
Hier passiert viel. Die Stadt wird in puncto Mode immer ausdrucksstärker. Ich könnte mir Dubai wirklich als Modehauptstadt vorstellen.

Mode drückt unsere Identität aus

Euronews:
Sprechen wir von der Wirtschaft, insbesondere der lokalen Wirtschaft. Die Mode schwemmt so viel Geld in die Region. Warum ist die Modeindustrie ein wichtiger Teil des Lebens?

Iris van Herpen:
Mode drückt unsere Identität aus. Für mich ist Mode wirklich ein Labor aus dem wir unsere Identität schaffen. Mode sollte dazu inspirieren, sich auszudrücken. Und Mode ist meiner Meinung nach wirklich ein großer Teil unserer Kultur. Es geht darum, wer wir sind und wofür wir stehen. Sie drückt so viel Unausgesprochenes aus. Man kann sich gegenseitig direkt seine Werte und seine Sichtweise auf das Leben vermitteln, indem man entscheidet, was man anzieht. Das ist wirklich eine starke Botschaft.

Euronews:
Fantasie-Couture ist das Etikett, mit dem Ihre Arbeit beschrieben wird. Wie würden Sie sie beschreiben?

Iris van Herpen:
Für mich ist Mode eine Form der Kunst. Haute Couture ist die Kunst der Mode. Und sie ist innovativ, sie ist kollaborativ. Ich schöpfe gern aus anderen Disziplinen, um ihr Wissen zu nutzen, um die Mode intellektueller zu machen. Die verschiedenen Seiten der Gesellschaft in einem Medium zu vereinen.

Euronews:
Wie ist die Branche über die Jahre gewachsen, wie hat sie sich verändert, seit ihrem Start?

Iris van Herpen:
Wir leben in einer sehr aufregenden Zeit. Mode wird sehr viel integrativer, viel offener, viel demokratischer, vielfältiger, nachhaltiger, was auch wirklich wichtig ist. Gerade im Bereich der Nachhaltigkeit muss noch viel passieren.

Haute Couture steht für Nachhaltigkeit

Euronews:
Wie nachhaltig ist ihre Mode?

Iris van Herpen:
Ich konzentriere mich auf die Haute Couture, die meiner Meinung nach von Grund auf für Nachhaltigkeit steht. Denn man produziert nur auf Nachfrage und ist nicht Teil eines Wegwerf-Systems. Außerdem arbeite ich mit Wissenschaftlern, Biologen, Architekten und Künstlern zusammen, um die Art und Weise, wie ich Mode mache, zu verbessern. Wir erfinden Techniken neu und auch Materialien entwickeln wir oft selbst. Ich versuche also, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Euronews:
Wie schwierig war es für Sie als Geschäftsfrau, Ihre Marke auf den Weg zu bringen?

Iris van Herpen:
Das war eine Herausforderung. Es ist nicht immer einfach, eine Marke zu gründen. Und für eine Frau ist es natürlich noch schwieriger. Ich mag es wirklich, in einem Frauenteam zu arbeiten. Der Großteil meiner Firma ist weiblich. Das ist also meine kleine Botschaft an die Welt, dass es so viele tolle Frauen gibt, mit denen man arbeiten kann. Das lebe ich gern in meiner Firma vor.

Die Modebranche wird immer noch von Männern beherrscht

Euronews:
Ist das Gleichgewicht der Geschlechter in der Modebranche noch immer ein Thema?

Iris van Herpen:
Auf jeden Fall.

Iris van Herpen:
Warum ist das so? Was sind Ihre Erfahrungen damit?

Iris van Herpen:
Die Branche wird immer noch von Männern beherrscht, besonders in der Haute Couture. Das ist etwas was meiner Meinung nach demokratischer werden sollte. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Ländern. Aber wenn man die Mode global betrachtet, gibt es immer noch eine große Lücke. Wir alle sollten versuchen, das in unserem direkten Umfeld zu ändern. Und wenn wir das alle tun, machen wir einen großen Schritt.

Euronews:
Wann ist Mode politisch? In ihrer Heimat, den Niederlanden, wurde im August 2019 das Burka-Verbot eingeführt. Man folgte Frankreich, dass das Tragen von Burkas in der Öffentlichkeit 2010 verbot. Was halten Sie davon?

Iris van Herpen:
Ich finde das schwierig. Mit meinem Label will ich keine politischen Botschaften vermitteln. Es gibt so viel zu sagen und das will ich auch ausdrücken. Und am Ende ist das alles nur vorübergehend. Mit meiner eigenen Marke versuche ich, Dinge zu schaffen, die zeitloser sind. Ich betrachte meine Arbeit wirklich gerne aus der Vogelperspektive.

Mode ist Freiheit

Euronews:
Was ist Ihre Ansicht zu einem Modediktat, sollte irgendjemand bestimmen, was man tragen darf und was nicht?

Iris van Herpen:
Nein, nein. Bei meiner Arbeit dreht sich alles um Freiheit. Wir sollten alle ausdrücken dürfen, wie wir uns fühlen. Wir sollten unsere Persönlichkeit zeigen und dabei kreativ sein dürfen. Jeder sollte tragen dürfen, was er will.

Euronews:
Was halten Sie vom geschlechterneutralen Status?

Iris van Herpen:
Das ist im Prinzip eine gute Sache. Aber wir sollten auch zu den Geschlechtern stehen, denn sie sind wirklich ausdrucksstark. Es liegt viel Schönheit in der Weiblichkeit, in der Männlichkeit. Ich finde es toll, dass man auch eine geschlechtsneutrale Haltung einnehmen kann. Aber es sollte einfach eine weitere Alternative sein.

In der Mode sollte man das Handwerk nicht vergessen

Euronews:
Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, welchen Ratschlag würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?

Iris van Herpen:
Gute Frage! So viele, ich habe so viele Fehler in meinem Leben gemacht!

Euronews:
Wilkommen im Club!

Iris van Herpen:
Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich war so naiv am Anfang. Ich war nur auf meine Kreativität konzentriert - was eine gute Sache ist. Aber eine Marke aufzubauen bedeutet auch, ein Unternehmen zu leiten. Ich hätte von Anfang an mehr Hilfe auf der Geschäftsseite gebrauchen können.

Euronews:
Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie zu den zehn Menschen gehören, die sich als Haute-Couture-Designer bezeichnen dürfen?

Iris van Herpen:
Ja, das stimmt.

Euronews:
Das ist eine exklusive kleine Gruppe, der sie da angehören.

Iris van Herpen:_
Ich glaube, ich war auch die Jüngste._

Euronews:
Sind Sie immer noch.

Iris van Herpen:
Vielleicht, ich habe das nicht im Blick.

Euronews:
Welchen Ratschlag würden Sie der nächsten Designer-Generation geben?

Iris van Herpen:
Man sollte das Handwerk und die Neuerungen nicht vergessen. Denn das sind die Wurzeln der Mode. In der Schneiderei ging es schon immer um Innovation. Meiner Meinung nach liegt der Fokus derzeit auf kulturellen Aspekten. Aber ein Großteil des Wissens innerhalb der Modebranche, wie z.B. Schnittmuster machen zu können, gehört auch dazu. Aber an den Schulen wird keine handwerkliche Tradition mehr gelehrt. Und wenn man nur ein Werkzeug hat, verpasst man in seiner Karriere etwas.