Eilmeldung
This content is not available in your region

Europäischer Klimabericht 2019 des Copernicus-Klimawandeldiensts

Europäischer Klimabericht 2019 des Copernicus-Klimawandeldiensts
Copyright  euronews
Schriftgrösse Aa Aa

„Rekordtemperaturen schaffen es in die Nachrichten; wissenschaftlich gesehen sind sie jedoch nicht sonderlich überraschend“

Letzte Woche veröffentlichte der vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) im Namen der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Copernicus-Klimawandeldienst (C3S) den Europäischen Klimabericht 2019. Diese wichtige jährliche Publikation betrachtet Klimabedingungen, Trends und Extremereignisse, die das vergangene Jahr geprägt haben, und wie sie in die Trends der letzten Jahrzehnte hineinpassen. Der Bericht kann eine gute Ausgangsposition für Aussagen über die Zukunft sein, sodass sich verschiedenste Sektoren anpassen und effizienter werden können, zum Beispiel auch der European Green Deal.

Carlo Buontempo, Direktor des C3S, hat über die Hauptpunkte des Berichts gesprochen und erklärt, was sie für die Zukunft Europas bedeuten könnten.

Die Daten des Berichts bestätigen einen Erwärmungstrend in Europa. Inwiefern war 2019 ein Ausnahmejahr, und was sollten wir aus den Temperaturdaten lernen?

Carlo Buontempo: 2019 war das wärmste Jahr in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen und in den meisten Teilen des Kontinents überdurchschnittlich. Normalerweise gibt es sowohl nach oben als auch nach unten Temperaturanomalien, aber das letzte Jahr war durchweg warm – wirklich außergewöhnlich. Rekordtemperaturen schaffen es in die Nachrichten; wissenschaftlich gesehen sind sie jedoch nicht sonderlich überraschend, weil wir wissen, dass das Klima sich erwärmt. Wir sehen, wie sich die Rekordereignisse mit hohen Temperaturen immer mehr häufen; mehr, als die Klimavariabilität es erwarten lassen würde. Wir sehen, dass von den letzten 12 Jahren 11 die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen waren. Das ist keine seltsame statistische Ausnahme, sondern die Folge eines sich erwärmenden Klimas.

Anomalien der europäischen Lufttemperatur am Boden für die Jahresdurchschnittswerte von 1979 bis 2019 im Vergleich zu den Jahresdurchschnittswerten des Referenzzeitraums 1981 bis 2010

Wie viel wärmer war 2019 im Vergleich zu anderen warmen Jahren?

Es ist nicht nur ein Spitzenwert, der sehr viel höher liegt als alles andere, was wir bisher gesehen haben. 2019 war wärmer als jedes andere Jahr, aber es war ähnlich warm wie 2014 und 2015. Es ist, als würde es sich um eine Gruppe warmer Jahre handeln, die fast 1,3 °C wärmer sind als die 1970er. Diese Gruppenbildung ist sehr wahrscheinlich die Folge eines sich erwärmenden Klimasystems. Diese Annahme wird dadurch unterstützt, dass sich das Klima überall in Europa zweifelsfrei erwärmt und dass der Hauptgrund dafür anthropogen verursachte Treibhausgasemissionen sind.

Was kommt als nächstes?

Die Temperaturen werden sich weiter erhöhen. Das sagen uns das Modell und unsere Beobachtungen. Zusätzlich zur natürlichen Klimavariabilität gibt es einen Trend. Es kann immer mal ein kaltes Jahr geben, aber die Wahrscheinlichkeit wird in der Zukunft aufgrund dieses Erwärmungstrends sinken. Wir wissen nicht genau, wie warm die zukünftigen Jahre werden, aber im Schnitt werden sie wahrscheinlich wärmer als die bisherigen Jahre sein.

Welchen Einfluss hatte die Hitze 2019 auf den Alltag?

Das letzte Jahr war nicht nur das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, sondern es gab auch mehrere Hitzewellen: zuerst im Februar, als Temperaturen in einigen Regionen auf über 20 °C stiegen, und dann Ende Juni und Juli – Rekordereignisse in ganz Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und im Vereinigten Königreich. Diese Extremereignisse kamen zu der ohnehin warmen Jahreszeit hinzu und geben einen Vorgeschmack darauf, wie das Leben in einem heißeren Klima sein könnte. Dieser Vergleich hat natürlich auch seine Grenzen.

Maximaltemperatur (in °C) vom 25.–29. Juni (links) und Anomalie im Vergleich zum Referenzzeitraum 25.–29. Juni 1981–2010 (rechts). Quelle: E-OBS, Credit: C3S/KNMI

Wir haben gesehen, dass in ganz Europa nicht nur die Menschen, sondern auch Gerätschaften und Infrastruktur betroffen waren. Die Wärmeausdehnung war ein Problem für den Zugverkehr; im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Frankreich und Italien haben sich Schienen verformt und den Verkehr zum Erliegen gebracht. Brücken, Kraftwerke, Stromverteilung und -erzeugung sowie Landwirtschaft litten ebenfalls unter den Temperaturen. Wahrscheinlich sind alle Branchen von einem sich erwärmenden Klima betroffen. Die wichtigsten Infrastrukturen müssen neu gedacht werden, um diese Klimaveränderungen aufzufangen.

Der November 2019 war für einige europäische Länder der niederschlagsreichste seit Beginn der Aufzeichnungen. Was sagt der Bericht zu Regentrends?

Der extrem nasse November betraf hauptsächlich Westeuropa – Frankreich, Nordspanien, Norditalien und das Vereinigte Königreich; Gebiete, die zuvor Trockenheit erlebten. Wir können definitiv sagen, dass es ein sehr abwechslungsreiches Jahr war: Es gab Dürren, Überflutungen und Extremereignisse. Beim Regen an sich gibt es keinen gesamteuropäischen Trend, weil es schwierig ist, ein eindeutiges Muster zu identifizieren. Auf regionaler Ebene sieht das anders aus. Wenn man sich Südeuropa ansieht, dann zeigen sich eindeutig Hinweise darauf, dass sich intensive Niederschläge mehren, selbst in Regionen, die auf das gesamte Jahr gesehen wahrscheinlich einen Rückgang der Niederschläge verzeichnen.

Dem Bericht zufolge sank die Bodenfeuchtigkeit 2019 auf den zweitniedrigsten Wert seit 1979. Was steckt dahinter?

Die historischen Aufzeichnungen auf europäischer Ebene zeigen einen rückläufigen Trend der Bodenfeuchtigkeit. Das ist nicht überraschend. Der einfachste Grund dafür ist, dass die Verdunstung zunimmt, wenn Niederschlagsmengen gleich bleiben, die Temperaturen aber ansteigen. Natürlich beeinflussen je nach Standort verschiedene Dinge die Bodenfeuchtigkeit. Letztes Jahr konnten wir von Westeuropa bis nach Deutschland eine Reihe von negativen Anomalien der Bodenfeuchtigkeit beobachten. Normalerweise werden diese Regionen nicht mit Dürrebedingungen in Verbindung gebracht.

Jährliche Bodenfeuchtigkeitsanomalie 2019 im Vergleich zu den Jahresdurchschnittswerten der datensatzspezifischen Referenzzeiträume

2019 erlebte Grönland eine Rekordschmelze, und das Meereis hatte im letzten Jahr durchgängig eine geringe Ausbreitung. Welche Ursachen gibt es dafür?

Das Ausmaß des Phänomens in Grönland war überraschend; sehr hohe Temperaturen haben auf dem gesamten Gebiet des Eisschilds dafür gesorgt, dass er schmilzt. Die arktische Eisschmelze war insgesamt geringer, und wir haben im Winter rund um das Archipel Spitzbergen auch mehr Meereis als gewöhnlich beobachtet. Das widerspricht nicht der Abnahme des Meereises, die wir bisher beobachtet haben; es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in den nächsten Jahren ein weiteres Minimum an Meereis sehen werden, auch, weil es in der Polarregion einen eindeutigen Feedback-Mechanismus gibt, bei dem weniger Meereis zu einer stärkeren Erwärmung und somit einer größeren Schmelze führt. Dieser Effekt verschlimmert schon jetzt die Erwärmung in der Region.

Welche Auswirkungen hat das auf Europa?

Es hat definitiv Auswirkungen auf das lokale Klima und die lokalen Lebensumstände, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten für die Arktis. Es wird wahrscheinlich einen Einfluss auf das Wetter an weiter entfernten Orten haben, und es gibt immer mehr Literatur, die auf eine enge Beziehung zwischen der arktischen Meereisdecke und dem Wetter in Europa hindeutet.

Wie sah es 2019 mit den Treibhausgasemissionen aus?

Die Konzentrationen haben zugenommen. Wir sehen keinen Rückgang, und das heißt, dass die Hauptgründe für den Treibhauseffekt nicht verschwunden sind, was nur eine weitere Erwärmung bedeuten kann. Wir haben kein Zeichen einer Trendwende gesehen. Die Wachstumsrate der Treibhausgaskonzentrationen letztes Jahr folgte den Daten der letzten Jahre.

Der Bericht sagt auch, dass Europa sich schneller erwärmt als andere Regionen. Wie erklären Sie sich das?

Im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten war es 2019 in Europa 2 °C wärmer; global gesehen lag die Durchschnittstemperatur 1,1 °C höher. Doch es gibt zwei Punkte, wegen derer man vorsichtig sein muss. Erstens erwärmen sich Landmassen generell schneller als das Meer, und zweitens fokussieren sich unsere Analysen eher auf Landmassen und nicht auf Ozeane, einen Großteil der Arktis eingeschlossen. Wir wissen, dass sich die Polarregionen signifikant mehr erwärmt haben als andere Regionen. Das könnte zu der gemessenen schnelleren Erwärmung Europas beitragen.

Gibt es laut Bericht auch positive Neuigkeiten?

2019 war das sonnigste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Nicht nur in Südeuropa, wo es oft viele Sonnenstunden gibt, sondern auch in Mittel- und Nordeuropa. Das ist Teil eines Musters – wir sehen eine Zunahme an Sonnenstunden.

Jährliche Durchschnittsanomalien der Sonnenscheindauer (in Stunden) in Europa von 1983 bis 2019 im Vergleich zum Referenzzeitraum von 1983 bis 2012

Aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie gibt es weniger menschengemachte Umweltbelastung. Inwiefern hat das Einfluss auf zukünftige Klimaindikatoren?

Wir haben eine Auswirkung auf Schadstoffe festgestellt, die die Luftqualität beeinflussen, so zum Beispiel PM 2,5 und Stickoxide. Diese Stoffe haben in Gebieten, in denen die Luftverschmutzung häufig hoch ist, so wie China und Europa, abgenommen. Es gibt einige Behauptungen, dass der Lockdown zu einer Abnahme der Treibhausgase führt, aber ich glaube nicht, dass es möglich sein wird, dies in messbare Auswirkungen auf Klimaindikatoren umzurechnen. Das liegt an der großen Trägheit des Klimasystems: Selbst, wenn es ab heute keine Emissionen mehr gäbe, würde es lange dauern, sagen wir 20 Jahre, bis wir Auswirkungen auf die globale Durchschnittstemperatur sehen würden.

Wie können Bericht und Klimadaten zu sachkundigen Adaptationen beitragen?

Der C3S begreift sich gerne als der Motor der Adaptation. Wir setzen Anpassungsmaßnahmen nicht selbst um, sondern stellen den Autoritäten, die für solche Maßnahmen zuständig sind, qualitativ hochwertige Daten zur Verfügung, damit sie mithilfe dieser Informationen planen können. Der Bericht richtet sich an ein allgemeines Publikum und erlaubt einen genaueren Einblick in Klimadaten. Hinter dem Bericht steht natürlich eine riesige Datenmenge, und all das ist für alle möglichen Anwendungsfelder kostenlos verfügbar.

Wir haben 40.000 registrierte Nutzende und stellen pro Tag 50 TB Daten zur Verfügung. Der Anteil an Unternehmen, Regierungsbehörden und internationalen Organisationen, der auf unsere Daten zugreift, hat sich stetig erhöht und steigt weiter, seit wir die Klimadatenbank Climate Data Store ins Leben gerufen haben. Sie und der Bericht sind nur aufgrund der systematischen Datenerfassung des C3S, seiner Infrastruktur, seines Qualitätskontrollsystems und seines Teams, das den Betrieb beinahe rund um die Uhr unterstützt, möglich.

Das Klima ist nicht länger etwas Selbstverständliches; das Klima der Vergangenheit gibt uns keinen Hinweis mehr darauf, wie die Zukunft aussehen könnte. Das bedeutet, dass wir unsere Einstellung gegenüber Klimainformationen und -daten ändern müssen. Vom Transport- zum Gesundheitswesen, von der Landwirtschaft zur Versicherungsindustrie: Viele Sektoren benötigen hochwertige Klimadaten. Nicht nur gute Aufzeichnungen des vergangenen Klimas, sondern auch ein Verständnis davon, wie die Zukunft aussehen könnte, damit sie sich anpassen und effizienter werden können.

Klicken Sie hier, um eine Zusammenfassung des Berichts herunterzuladen (Englisch).

Klicken Sie hier, um eine Übersicht über die verschiedenen Bereiche des Berichts anzusehen (Englisch).