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José Bové. Der Parlamentarier.

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José Bové. Der Parlamentarier.

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Immer noch mit Pfeife, auch in Zeiten der Rauchverbote all-überall. Der aufmüpfige Bauer, der so geschickt wider den Stachel löckte.

Der als ewiger Störenfried multinationalen Konzernen eine schlechte Presse bescherte.

Der Asterix des 20. Jahrhunderts scheint im 21. Jahrhundert seinen Frieden mit den Institutionen gemacht zu haben. José Bové , der Gesetzesbrecher à la Robin Hood macht jetzt die Gesetze – als Abgeordneter im Europa-Parlament.

Er sagt: “Meine Seele an den Teufel verkauft zu haben, diesen Eindruck habe ich nicht. Eher umgekehrt. Ich habe das Gefühl,dort zu sein, wo die Entscheidungen getroffen werden – und auch daran beteiligt zu sein. Aber gleichzeitig lassen ich nicht ab vom Kampf an der Basis. Aktuell kämpfe ich zum Beispiel dagegen, dass die Genehmigungen für das Bohren nach Gas im Kupferschiefer komplett an multinationale Konzerne gehen. Der Kampf vor Ort ist für mich unerlässlich, ebenso wie auf europäischem und internationalem Niveau.”

Ursprünglich hatte der ewige Störenfried mit den Machtmechanismen nichts am Hut. Er lernt nun Schritt für Schritt, wie diese Maschinerie funktioniert. Wir folgen ihm nach Strasburg zu einer Parlamentsdebatte. Hier treffen wir auch seine beiden Assitenten, die dem Europa-Abgeordneten zuarbeiten. Das Tagesprogramm – ein Marathon von Terminen.

Bovés Kommentar dazu: “Man muss die Mechanismen verstehen und vor allem effektiv arbeiten. Weil man dann etwas frischen Wind ins Europaparlament bringen kann. Man kann wirklich auf eine Menge Dinge einwirken. Nur, wenn man dabei keine klare Linie hat, kann man sich leicht verzetteln. Ich kam mit einem klaren Ziel ins Parlament. Meine Themen sind Landwirtschaft und internationale Vermarktung. Dort liegen meine Hauptaktivitäten.”

Der Mann ist immer in Eile, gar nicht so einfach ihm zu folgen. José Bové verfolgt konsequent sein Ziel:

das System von innen heraus verändern. Soweit wie möglich jedenfalls. Auf der Liste der Grünen wurde er 2009 gewählt, inzwischen ist er Vize-Präsident im Landwirtschaftsausschuss .

Am Rande der Parlamentssitzung treffen wir den Fraktionsvorsitzenden der Grünen Daniel Cohn-Bendit. 2005, als es um den Verfassungsvertrag ging, vertraten beiden gegensätzliche Positionen.

Aber das ist erledigt, sagen heute beide.

Cohn-Bendit ergänzt: “Ein Teil seiner Kritik war gar nicht so falsch. Wir sagten : trotz der Dinge, die er kritisiert , sind wir ein Stück weiter.

Er sagte: Trotz der Fortschritte kann man nicht zustimmen. Es geht nicht darum, mit allem komplett einverstanden zu sein. Vielmehr kann man in der Politik Kämpfe gemeinsam ausfechten, kann man miteinander diskutieren, auch wenn man unterschiedliche Standpunkte hat.”

Was Bové 2005 abgelehnt hat, war das stets auf Gewinn orientierte Modell. Er ist deshalb nicht gegen die EU. Seine Position erklärt er so: “Ich bin zuerst Föderalist, weil denke, dass die größten Hindernisse in Europa heute die Nationalstaaten sind. Die blockieren den europäischen Fortschritt.

Der EU-Haushalt macht weniger als ein Prozent des BIP seiner Mitgliedsstaaten aus. Das ist doch lachhaft. Die Staaten müssen begreifen, dass die Zukunft der 500 Millionen EU-Bürger nur mit einem wirklichen Budget zu bewerkstelligen ist –

und folglich mit einem föderalen Europa.”

Szenenwechsel. Zur Mittagspause treffen wir uns in einem typisch elsässischen Restaurant. Zwischen zwei Happen diskutiert José Bové mit Journalisten.

Es geht um gen-veränderte Pflanzen, um Spekulationen mit Nahrungsmitteln, um Klimawandel. Bei dieser Gelegenheit erfahren die Journalisten auch von seinem jüngsten Erfolg:

Bové wird den Bericht des Landwirtschaftsausschusses über den Einsatz chemischer Mittel beim Ackerbau verfassen.

José Bové hat gelernt, sich gegenüber den Medien auch manchmal zurück zu halten und sagt darüber:

“Wenn Sie nicht da sind, macht man Ihnen den Vorwurf, sie seien nicht auf der Höhe der Aufgaben.:

Wenn man Sie mehrmals hintereinander im Fernsehen sieht, heisst: immer nur derselbe!

Da den goldenen Mittelweg zu finden, ist nicht leicht. Ich versuche das so zu lösen, indem ich bei meinen Themen immer Präsenz zeige.”

Hier spricht Bové jetzt über sein Buch, in dem er gemeinsam mit dem französischen Journalisten Jean Quatremer seine Vision von Europa darlegt.

Da kommt dann auch die Frage auf, wie schwierig es ist, das ihm einmal verpasste Klischee vom ewigen Streithammel wieder loszuwerden. Für

Jean Quatremer hat das Klischee zwei Seiten:

“Da ist diese Seite des Astérix-Typen mit Schnauzbart, denn medienwirksam eine McDonalds-Filiale zerlegt, Felder mit Genmais verwüstet.

Da wird vereinfacht, das ist Schwarz-Weiß-Malerei.

Die Medien mögen es simpel. Man muss aber auch klar erkennen, wozu diese Karrikatur dient. Die ist nützlich, weil die Bürger gern jemanden haben, mit dem sie sich leicht identifizieren können. Der nicht zu komplex daher kommt. Zu viele Facetten erschweren die Identifikation.”

Zurück ins Parlament zu einer Beratung der Arbeitsgruppe Naher Osten. Dabei ist auch der ehemalige französische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Stéphane Hessel. Eben sorgt sein Buch mit dem Titel “Empört Euch!” in mehreren europäischen Staaten für Diskussion.

Hessel steht Bové und der Umweltschutz-Bewegung nahe.

Hessel über Leute wie Bové: “Ich stelle fest, wir haben zu viele Leute mit guten Ansätzen, die nichts erreichen. Und wir haben einige vorlaute Typen. Wenn man so einen hat, muss man an ihm festhalten, weil er uns mit seiner frechen Art den Weg zeigt zu den echten Werten.”

Es ist Abend geworden. Der bekannte Streithammel steuert ein weiteres umstrittenes Gebiet an.

In einem der “heissen” Vororte von Straßburg, in dem öfter mal Autos angezündet werden, will er den örtlichen Kandidaten der Partei “Europe Ecologie” für die Kommunalwahl unterstützen.

Wenn er sich an anderen Meinungen reiben kann, läuft Bové zu großer Form auf. Das hier ist sein Terrain. Man hört ihn und versteht auch ohne Übersetzung….

“Après tout moi, je suis libre, je m’en fous, je suis à l’Europe. Donc, je peux dire ce que je veux ce soir. Après vous verrez avec lui…”