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Nach Mladics Verhaftung: Boris Tadic über Serbien

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Nach Mladics Verhaftung: Boris Tadic über Serbien

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Boris Tadic hat gerade viel um die Ohren. Der Grund: Innerhalb von einer Woche hat er die Festnahme des meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers – des früheren Kommandanten der bosnischen Serben Ratko Mladic – verkündet, seine Auslieferung nach Den Haag gemanagt und seine Entscheidung gegenüber denen verteidigt, die den Kriegsführer als Helden und nicht als Kriminellen sehen. Es war keine unumstrittene Entscheidung für Tadic, der seit 2004 serbischer Präsident ist.

euronews:

Herr Tadic, meine erste Frage ist wahrscheinlich keine Überraschung. 16 Jahre auf der Flucht, 11 davon auf serbischem Gebiet. Wie antworten Sie auf die Kritik, dass die Verhaftung Mladics zu spät kommt?

Boris Tadic:

Meine Antwort ist sehr einfach. Ich kann leicht erklären, was passiert ist. In den sechzehn Jahren war bei uns nicht immer die gleiche Regierung an der Macht. Wir hatten eine demokratische Revolution in Serbien.

Vor sechzehn Jahren hat Slobodan Milosevic regiert. Bis zum 5. Oktober 2000 lief Ratko Mladic frei herum. Er wurde von Staatsbediensteten geschützt. Das ist ganz klar.

Wir hatten politische Spannungen in meinem Land, aber nachdem wir die derzeitige Regierung gebildet haben, riefen wir den Nationalen Sicherheitsrat ins Leben. Wir haben Reformen durchgeführt und im Anschluss Radovan Karadzic und zweieinhalb Jahre später Ratko Mladic festgenommen.

euronews:

Ich habe einen Leitartikel gelesen, in dem stand, dass die Suche nach Kriegsverbrechern ein bisschen dem Warten auf den Bus gleicht. Sie können eine sehr lange Zeit warten und dann kommen gleich zwei auf einmal: in diesem Fall Osama Bin Laden und Mladic. Was halten Sie von diesem Vergleich, vor allem, da einige vermuten, dass Sie, ebenso wie Präsident Obama, etwas mit dem “Busfahrplan” zu tun haben?

Boris Tadic:

Das ist einfach nicht wahr, was soll ich also dazu sagen…

Für Serbien wäre es viel besser gewesen, dieser Verpflichtung früher nachzukommen, vor vielen Jahren. Jeder Tag unserer Ermittlungen war extrem schmerzhaft für Serbien. Den moralischen Preis, den wir in der internationalen Gemeinschaft gezahlt haben, war extrem hoch. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Investoren verloren.

Wenn ich also ein anderes Datum für die Festnahme hätte wählen können als jetzt, wäre es viel effizienter gewesen als vor der Entscheidung der EU-Staaten über den Beginn von Aufnahmegesprächen.

euronews:

In einer Meinungsumfrage, die man natürlich immer mit Vorsicht genießen muss, habe ich gelesen, dass vor der Festnahme Mladics 34 Prozent der Serben eine Festnahme guthießen und 80 sagten, sie würden sein Versteck nicht verraten, wenn sie es kennen würden. Warum haben sie sich bei solchen Zahlen entschieden, Mladic nach Den Haag auszuliefern?

Boris Tadic:

Wenn sie sich auf Meinungsumfragen berufen als Präsident oder Politiker, verdienen Sie es nicht, Präsident oder Politiker zu sein.

Ich sage nicht, dass Ratko Mladic im Krieg nur an Fällen wie Srebrenica beteiligt war. Ich sage auch nicht, dass er gewöhniche Serben nicht verteidigt hat, die in Bosnien-Herzegowina lebten. Er hat es getan. Ich weiß, dass es im Krieg auf bosnischer und kroatischer Seite viele Extremisten gab. Aber der Vorwurf von Srebrenica wiegt so schwer, dass er sich in Den Haag dafür verantworten muss – um einen fairen Prozess zu bekommen und auch, um Antworten zu geben. So sehe ich die derzeitige Situation. Gleichzeitig schaffen wir eine bessere Atmosphäre bezüglich der Aussöhnung zwischen den Balkanländern, wenn wir alle Angeklagten festnehmen.

euronews:

Sprechen wir über Kosovo. Jetzt, wo Karadzic und Mladic in Den Haag sind, ist Kosovo das größte Hindernis für einen EU-Beitritt Serbiens. Ist es nicht unvermeidbar, dass Serbien eines Tages Kosovo anerkennt oder zumindest die Beziehungen normalisiert?

Boris Tadic:

Ich erwarte nicht, dass Politiker der Europäischen Union mich davon überzeugen wollen, Kosovos Unabhängigkeit anzuerkennen. Die, die das versuchen wollen, werden scheitern.

Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Serbien sich erlauben kann, einen neuen Konflikt innerhalb der EU zu beginnen. Deshalb haben wir mit den 27 EU-Staaten eine Resolution auf den Weg gebracht, zusammen mit den Vereinten Nationen, wo wir einen Dialog mit Pristina begonnen haben.

Es gibt viele Lösungen, aber über diese Lösungen muss es Einverständnis geben. Die andere Seite muss flexibler werden, bereit zum Dialog, mutig und innovativ. Wenn wir hart und unbeugsam sind, können wir keine Lösung für Probleme finden, die es auf dem Balkan schon seit über hundert Jahren gibt.

Okay, ich bin nicht sehr glücklich darüber, an allen Problemen auf dem Balkan beteiligt zu sein. Und ich trage auch keine Schuld an Problemen, die es seit über hundert Jahren gibt. Aber ich erwarte von jedem, dass er die legitimen serbischen Interessen berücksichtigt und respektiert.

Wir sind Mitglied der Vereinten Nationen. Wir sind ein Gründungsmitglied der Vereinten Nationen. Wir sind ein altes Land und wir haben unsere legitimen Rechte. Wir haben eine Identität und der Ursprung unserer Identität liegt im Kosovo. Aber wir sind bereit, uns zu unterhalten und Lösungen zu finden.

euronews:

Was nicht einfach sein wird…

Boris Tadic:

Was ist schon einfach?Ist es einfach, Ratko Mladic zu finden? Oder Slobodan Milosevic? Oder Radovan Karadzic? Zwei frühere serbische Präsidenten? Präsidenten der Republika Serpska, beide Generäle?

Es ist nicht einfach, diese Art Risiken einzugehen. Ich bin aber immer bereit, solche Risiken einzugehen, wenn wir eine aussichtsreiche Zukunft haben. Wenn wir eine Lösung für Probleme finden können, die eine unerträgliche Atmosphäre in der Region schaffen. Wenn wir eine wirklich rationale Strategie finden und am Ende alle Menschen des Balkans in die Europäische Union bringen können.