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Asghar Farhadi: "Restriktionen führen nur kurzfristig zu Kreativität"

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Asghar Farhadi: "Restriktionen führen nur kurzfristig zu Kreativität"

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Beim 65. Filmfestival in Cannes steht einmal mehr der iranische Regisseur Asghar Farhadi im Mittelpunkt. Diesmal wegen seines neuen Projektes. Die EU-Kommission bedachte es mit dem “MEDIA-Preis” in Höhe von 60.000 Euro. Der Film soll in Paris spielen und teils mit europäischen Schauspielern besetzt werden. Zuvor war Farhadis Film “Nader und Simin – Eine Trennung” zweimal für den Oscar nominiert und als erste iranische Produktion als bester ausländischer Film prämiert worden. Im Exklusiv-Interview mit euronews-Reporter Wolfgang Spindler spricht Farhadi über sein neues Projekt, die Reaktionen darauf im Iran, seinen cinematographischen Stil und die Restriktionen gegen iranische Filmemacher.

euronews: “Herzlich willkomen bei euronews. Sie haben gerade den europäischen “MEDIA-Preis” gewonnen, der unter anderem für kulturelle Vielfalt vergeben wird. Was bedeutet dieser Preis für Sie als iranischer Filmemacher?”

Asghar Farhadi: “Für mich bedeutet es dieselbe Ermutigung, die ich auch in den vergangenen Jahren schon erhalten habe. Andererseits bedeutet es für mich als Iraner, der seine Dialoge immer auf persisch geschrieben hat, dass nun ein Teil der Besetzung in einer anderen Sprache arbeiten wird. Und schließlich heisst es, dass diejenigen, die das Drehbuch für meinen neuen Film gelesen haben, darauf eingegangen sind und dass die Geschichte auch für Leute, die kein Persisch sprechen, nachvollziehbar ist. Das bedeutet mit sehr viel.”

euronews: “Sie haben für ihren letzten Film ‘Eine Trennung’ zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Oscar für die beste ausländische Produktion. Aber als Sie in den Iran zurückgekehrt sind, wurde das Ehrendinner für Sie abgesagt. Was ist passiert?”

Asghar Farhadi: “Meine Kino-Freunde und Kollegen wollten eine kleine Feier für mich veranstalten – ganz simpel und einfach. Nun, sie haben Probleme bekommen und konnten diese Feier dann nicht veranstalten, haben es aber doch versucht. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr Probleme bekommen und habe sie darum gebeten, nicht weiterzumachen. Die Feier wurde dann nicht vom inzwischen geschlossenen ‘Haus des Kinos’ veranstaltet, sondern von Freunden, die ihm angehörten. Was sie taten, hat mir sehr viel bedeutet, obwohl sie es nicht so machen konnten, wie sie ursprünglich wollten. Ich habe nie herausgefunden, warum die Feier abgesagt wurde. Aber selbst das war sehr wichtig für mich. Ich erhalte immer so viel Unterstützung von den Leuten in meinem Land, und ich bin geehrt von ihrer Zuvorkommenheit. Ihre Unterstützung war immer eine Auszeichnung und sehr wichtig für mich.”

euronews: “In Ihren Filmen haben sie einen gewissen Stil, der an Tschechov, Ibsen und Kieslowski erinnert. In Ihrem letzten Film ‘Eine Trennung’ würde ich von einem neo-realistischen Stil sprechen. Was wollen Sie damit erreichen?”

Asghar Farhadi: “Das könnte an den Büchern liegen, die ich als Teenager gelesen habe. Die Geschichten damals waren immer sehr realistisch. Nicht nur Porträts der Realität, sondern eine Auswahl von Auszügen aus der Realität, die in sich selbst wiederum weitere komplizierte Auszüge aus der Realität beinhalteten. Diese Geschichten als junger Erwachsener zu lesen, hat bei mir unbewusst einen bestimmten Geschmack erzeugt, der sich zeigt, wenn ich Drebücher für Filme und Theaterstücke schreibe.”

euronews: “Ein Künstler, und als solchen sehe ich Sie als Filmemacher und Autoren, muss eine gewisse Freiheit des künstlerischen Ausdrucks haben. Wo ist die Grenze zwischen künstlerischem Ausdruck, Freiheit und Staatsräson?”

Asghar Farhadi: “Für jemanden wie mich und meine Generation, die unter diesen Restriktionen aufgewachsen ist, ob zu Hause, in der Schule, auf der Straße oder an der Universität – manchmal ist diese Grenze zwischen Restriktion und keiner Einschränkung etwas verwischt. Nicht im Sinne, wie ich es manchmal höre ‘Restriktionen führen zu Kreativität’. Es ist falsch, das zu sagen. Vielleicht können Restriktionen kurzfristig zu Kreativität führen, aber langfristig zerstören sie sie. Wenn es keine Restriktionen für iranische Filmemacher geben würde, würden wir mehr Kreativität bei ihnen sehen.”

euronews: “Es gibt viele iranische Filmemacher, die in ihrem Land nicht so arbeiten können, wie sie wollen. Manche westliche Journalisten sprechen von Zensur. Wie würden Sie das Problem beschreiben?”

Asghar Farhadi: “Das Problem ist nicht so klar und transparent, als dass ich es definieren könnte. Vielleicht können wir es in einem Wort zusammenfassen, wie Sie sagen, Zensur und Restriktion. Das kommt aber nicht nur vom herrschenden System, eine gewisse Zensur ist im Künstler selbst, oder dem Filmemacher, ohne dass er sich darüber im Klaren ist. Das macht es viel gefährlicher, denn wenn es Restriktionen von außen git, kann man es sehen, wahrnehmen, erfahren und einen Weg finden, wie man damit umgeht. Aber wenn es in Ihnen ist, werden Sie es nicht finden können. Es ist wie jemand, der krank ist und der nichts über seine Krankheit weiss und sich gesund fühlt. Das ist gefährlich.”

euronews: “Das ‘Haus des Kinos’, eine wichtige Institution, die im Iran Künstler und Filmemacher unterstützt, wurde vor einigen Monaten geschlossen. Das hat viele Filmemacher, Schauspieler und Schauspielerinnen schockiert. Was denken Sie darüber?”

Asghar Farhadi: “Da habe ich gute Nachrichten. Ich habe erfahren, dass diejenigen, die sich dafür engagiert haben, die aktiv waren und die Mitglieder des ‘Hauses des Kinos’, es geschafft haben, dass es bald wieder eröffnet wird. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich habe die Nachricht gehört. Dass das ‘Haus des Kinos’ geschlossen wurde, war sehr schlecht. Weder ich noch einer meiner Kollegen konnten herausfinden, warum eine derartige Institution geschlossen wurde. Es wurden uns Gründe genannt, aber keiner davon hat uns überzeugt. Ich denke, das waren nicht die echten Gründe für die Schließung des ‘Hauses des Kinos’. Ich bin aber glücklich, dass dieser Vorfall Dank der Bemühungen der Kinoleute nicht vergessen wurde – anders als viele andere Dinge, die im Lauf der Zeit vergessen wurden.”