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Kampf ums Wasser

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Kampf ums Wasser

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Wasser ist eine Kostbarkeit – vor allem in einem trockenen Land wie Zypern. Das liegt zwar mitten im Wasser, im Mittelmeer, aber Süßwasser ist hier Mangelware. Die Republik Zypern hat während ihrer laufenden EU-Ratspräsidentschaft das Wasser zum Thema gemacht.

Auf diesem Kartoffelacker von Kostas Karagiannis steht die zweite Ernte des Jahres bevor – wie überall in der Region Xylophagou im Süden Zyperns. Das Wasser, das von den Talsperren kommt, reicht für die Landwirtschaft nicht aus. Die Bauern müssen deshalb Wasser auch aus der Tiefe des Bodens holen.

“Kartoffeln brauchen viel Wasser. Wir schaffen deshalb Hohlräume, in denen wir Brunnenwasser aufbewahren können. Manchmal ist das Brunnenwasser salzig. Wir müssen es trotzdem auf den Feldern verwenden. Also mischen wir es mit Wasser von den Talsperren. So verringern wir den Salzgehalt.”

Rund 50.000 illegale Brunnen soll es auf Zypern geben. Sie haben zur Senkung des Grundwasserspiegels beigetragen. Das ist ein großes Problem für die Behörden, denn eine gute Wasserwirtschaft ist auf dieser trockenen Insel besonders wichtig. Darum geht es bei dem europäischen Wasser-Aktionsplan. Die Republik Zypern hat ihn an die Spitze der Tagesordnung der EU-Ratspräsidentschaft gesetzt, die sie bis Ende Dezember innehat.

Die Insel hat ein sogenanntes Steppenklima und leidet oft unter Dürre. Zahlreiche Talsperren liefern Wasser, aber die Speicher reichen nicht aus, um die Bevölkerung zuverlässig zu versorgen. Andere Lösungen sind vonnöten, sagt Kyriakos Kyrou, Direktor der zuständigen Abteilung des Landwirtschaftsministeriums der Republik Zypern:

“Wir haben zwar viele Dämme, wir halten jeden Tropfen fest, aber das System reicht nicht aus. Deshalb haben wir uns unkonventionellen Methoden zugewandt, wie der Meerwasser-Entsalzung.”

Während der Dürre von 2008 wurden Millionen Tonnen Trinkwasser mit Tankschiffen aus Griechenland herbeigeschafft. So etwas soll nie wieder nötig sein. Deshalb haben die Behörden Entsalzungsanlagen bauen lassen, die einen Teil des Trinkwassers liefern sollen, wenn die Staudämme trocken liegen. Fünf derartige Anlagen gibt es hier inzwischen; eine ist noch im Bau.

Diese Lösung ist allerdings umstritten – wegen des hohen Energieverbrauchs, der die Kohlendioxid-Emissionen steigert. Die Entsalzungsanlagen leiten außerdem große Mengen Salzlake ins Meer zurück. Umweltschützer sagen, die Artenvielfalt sei dadurch bedroht. Das sei das geringere Übel, sagt G.Y. Caramondanis, Manager einer Entsalzungsanlage:

“Gewiss, es ist teuer, der Strom muss nebenan erzeugt werden, und es gibt Verschmutzung. Aber was ist die Alternative? Wasser in Flaschen kaufen? Evian vielleicht, oder San Pellegrino? Oder Trinkwasser importieren!”

Man müsste wenigstens auf saubere Energien wie die Sonnenenergie zurückgreifen, um die Schäden zu begrenzen, sagt der Forscher Manfred Lange, Direktor des Cyprus Institute. Die Klimaerwärmung werde den Wasserbedarf in den trockensten Gebieten weiter erhöhen. Deshalb müssten die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden.

“Ich würde zweierlei sagen: Erstens müssen andere Energiequellen für die Entsalzung gefunden werden.
Zweitens – und das ist ebenso wichtig – muss das Wasser effizienter genutzt werden, etwa durch Regenwassersammlung und viel bessere städtische Abwassersysteme. Das sind Maßnahmen, die ich nachdrücklich empfehlen würde.”

Der Anteil der Stadtbevölkerung auf der noch immer geteilten Insel beträgt 70 Prozent. Die Demarkationslinie läuft mitten durch die Hauptstadt Nikosia. Im Norden der Stadt, im international nicht anerkannten Separatstaat der türkischen Zyprer, wird eine Wasseraufbereitungsanlage modernisiert. Das Projekt wird weitgehend von der Europäischen Union finanziert – und von den Behörden beider Volksgruppen unterstützt: Die Modernisierung soll der weithin spürbaren Belästigung durch diese alte Anlage ein Ende setzen. Sie verströmt üble Gerüche, verschmutzt den Boden, und das wiederaufbereitete Wasser ist von schlechter Qualität. Die Anlage soll künftig auch Wasser für die Landwirtschaft bereithalten, sagt Faik Ozkaynak, Chef der Abwasserwerke im türkischen Teil von Nicosia:

“Die neue Anlage wird 12 Millionen Kubikmeter Wasser liefern, das in allen Bereichen der Landwirtschaft verwendet werden kann.
Und das wichtigste ist, dass wir aufhören, die Umwelt zu verschmutzen. Die Wasserspeicher und die unterirdischen Quellen werden nicht mehr verunreinigt.”

Der Landwirt Murat Rustemoglu ist Bürgermeister von Yayla in Nordzypern. Zwei Drittel der Obstbauern dieser Region, die für ihre Zitrusfrüchte bekannt ist, hätten wegen der Versalzung bereits aufgeben müssen, sagt er.

“Hier gibt es kein Wasser. Das Meer ist sehr nah. Wir holen Wasser aus Tiefbrunnen, aber die Reserven sind erschöpft. Es kommt Salzwasser hoch. Nur 30 Prozent der Obstgärten können noch bewirtschaftet werden. Zur Bewässerung muss man Wasser von anderswo herbeischaffen. Unsere einzige Hoffnung ist nun das Wasser, das aus der Türkei herübergeleitet werden soll.”

Sie gilt als Jahrhundertprojekt: Eine Pipeline unter dem Meeresboden, mehr als 100 km lang. Sie soll Wasser nach Zypern leiten, genauer: nach Nord-Zypern, in den Separatstaat der türkischen Zyprer, der 1974 ausgerufen wurde, nach dem von der griechischen Militärjunta unterstützten Putsch und der nachfolgenden türkischen Invasion.

Die Pipeline soll jährlich rund 75 Millionen Kubikmeter Wasser in den Stausee von Gecitkoy leiten. Der wird gerade vergrößert.

Das Projekt könnte noch weiterentwickelt werden, versichern die nord-zyprischen Behörden. Bei Bedarf könnte dann auch der Süden mit Wasser versorgt werden. Doch um das zu ermöglichen, müsste auch eine politische Lösung gefunden werden, heißt es auf Seiten der griechischen Zyprer.

Umweltschützer betonen, die politischen Amtsträger müssten ein Mindestmaß an Kohärenz zeigen. Die Maßnahmen für eine bessere Bewirtschaftung des Wassers als natürlicher Ressource würden oftmals von wirtschaftlichen Interessen durchkreuzt, sagt Costas Orountiotis, stellvertretender Direktor der regierungsunabhängigen Organisation Terra Cypria.

“Es wurde zum Beispiel beschlossen, 14 Golfplätze anzulegen, umgeben von Villen, Hotels, Restaurants, Schwimmbecken. Damit wird der Wasserverbrauch gesteigert. Wir halten das nicht für eine gute Entscheidung.
Wüstenbildung wird meines Erachtens unser größtes Problem der kommenden Jahrzehnte sein. Wir können jetzt Maßnahmen ergreifen, um dagegen anzugehen, oder um sicherzustellen, dass wir uns anpassen können.”

Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Verstädterung: Das sind Faktoren, die zum Wassermangel beitragen. Ganz Europa wird sich damit auseinandersetzen müssen. Eine bessere Bewirtschaftung der Ressource Wasser wird für Millionen Europäer lebenswichtig sein.