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„Wie erhaben ist es, zu sagen: Ich bin ein Türke!“

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„Wie erhaben ist es, zu sagen: Ich bin ein Türke!“

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Am 25. Juli 1951 wird das „Gesetz über strafbare Handlungen gegen Atatürk“ verabschiedet. Das Andenken an Mustafa Kemal Atatürk, dem Vater der Türken, steht seitdem unter strafrechtlichen Schutz.
Auslöser war der Sieg der Demokratischen Partei (DP) bei den Parlamentswahlen im Mai 1950. Diese gilt als weniger laizistisch als die von Atatürk gegründete Republikanische Volkspartei (CHP).

Die DP führte es wieder ein, dass die Gebetsrufe auf Arabisch und nicht länger auf Türkisch, wie es seit 1932 Gang und Gebe war, erfolgten. Islamistische Kräfte im Land nehmen diese Reform zum Anlass mit dem Erbe Atatürks streng ins Gericht zu gehen. Eine Zeit lang toleriert die Regierung dieses Verhalten, bis schließlich das „Gesetz über strafbare Handlungen gegen Atatürk“ ausgearbeitet wird und in Kraft tritt. Korrekterweise müsste es „Gesetz über strafbare Handlungen gegen das Andenken Atatürks“ heißen.

Artikel 1 des Gesetztes Nr. 5816 beinhaltet folgendes:
(1) Wer das Andenken an Atatürk öffentlich beschimpft oder beleidigt, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu drei Jahren bestraft.
(2) Wer Atatürk darstellende Statuen, Büsten und Denkmäler beziehungsweise das Mausoleum Atatürks zerstört, zertrümmert, beschädigt oder verschmutzt, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft.
(3) Wer andere Personen zu den in den obigen Absätzen erläuterten Straftaten ermuntert, wird gleich einem Täter bestraft.

Aber wer war dieser Mann, dessen Andenken strafrechtlich gefestigt werden musste?
Soldat, Revolutionär, Visionär….Vater der Türken, um es kurz zu halten.

Schon als junger Mann ist Mustafa Kemal von der westeuropäischen Lebensweise fasziniert. „Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische.”, meint er.
Das einstige Großreich der Osmanen steht nunmehr auf wackeligen Beinen, es nur noch eine Frage der Zeit, bis es zerfällt. Nach dem Ersten Weltkrieg werden Teile des osmanischen Reiches von den Alliierten besetzt und aufgeteilt. Doch Mustafa Kemal will den Status Quo nicht akzeptieren: gemeinsam mit patriotisch gesinnten Kameraden organisiert er den Widerstand. Innerhalb kürzester Zeit gelingt es ihm 1919 sich an die Spitze der Opposition zu setzen. Im folgenden Jahr wird die Große Nationalversammlung gebildet, die den Oppositionsführer zum Präsidenten und Regierungschef in Personalunion wählt. Den von den Alliierten diktierten Friedensvertrag von Sèvres lehnt er, im Gegensatz zum Kalifen, ab. Dadurch festigt sich seine Position im Land. 1923 wird er den gemeinsam ausgearbeiteten Friedensvertrag von Lausanne unterzeichnen.
Atatürk hat die Autorität seine Visionen durchzusetzen. Kernpunkt seiner Politik ist der strikte Laizismus, für die über Jahrhunderte übliche Verbindung von politischer und religiöser Macht ist in der neuen Türkei keinen Platz.
1922 wird Sultan Mehmed VI. abgesetzt und flieht ins Exil nach San Remo. Das Kalifat spielte schon seit langem auch symbolisch kaum noch eine Rolle. 1924 muss auch der letzte Kalif Abdülmecit II. abdanken. Das hat zur Folge, dass der muslimischen Gemeinde die moralische, religiöse und gesellschaftliche Bindeglied entzogen wird.

Atatürk formt einen neuen Staat: Politik, Kultur, Familienleben, alles wird von Grund auf neu modelliert. Dabei geht der Präsident nicht sachte vor. Seiner Auffassung nach müssten Reformen schnell und ohne alten Traditionen nachzuweinen implementiert werden. Er entreißt seinem Volk regelrecht die Grundlagen und verordnet ihm neue, westliche.

„Sollte ich eines Tages großen Einfluss oder Macht besitzen, halte ich es für das Beste, unsere
Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit – zu verändern. Denn im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, dass sich diese Veränderung erreichen lässt, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden. Mein Innerstes sträubt sich gegen eine solche Auffassung. Aus welchem Grund sollte ich mich auf den niedrigeren Stand der allgemeinen Bevölkerung zurückbegeben, nachdem ich viele Jahre lang ausgebildet worden bin, Zivilisations- und Sozialgeschichte studiert und in allen Phasen meines Lebens Befriedigung durch Freiheit erfahren habe? Ich werde dafür sorgen, dass sie auch dahin kommen. Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annähern.“, schreibt Atatürk schon 1918 in sein Tagebuch.

Neuer Identitätsfaktor wird das Türkentum. Die osmanische Vergangenheit gehört der Vergangenheit an und ein nach innen gerichteter Nationalismus bestimmt das Zugehörigkeitsgefühl der verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Vielvölkerstaates. Jeder soll sich als Türke fühlen, gleich ob Türke, Kurde oder Armenier, unabhängig von Religion und Tradition.
Aus diesem Grund setzt Mustafa Kemal zahlreiche Reformen durch, die einen direkten und radikalen Einfluss auf das tägliche Leben der Bevölkerung haben. So ist das Tragen religiöser Trachten ausschließlich Geistlichen bei der Ausübung ihres Amtes vorbehalten, Männer haben die traditionellen Fes’ nicht mehr zu tragen: sie sollen sich stattdessen Hüte aufsetzen. In manchen Regionen erheben sich erbitterte Widerstände gegen die Hutrevolution, die von der Polizei brutal niedergeschlagen werden.

Die Umwälzung der gesellschaftlichen Strukturen hat auch zur Folge, dass erste Schritte zur Frauenemanzipation getan werden: Männer und Frauen werden rechtlich gleichgestellt, Frauen werden dazu ermutigt auf der Universität zu studieren und sind ab 1930 wahlberechtigt. Ferner sollten Ehen von nun an staatlich und nicht mehr religiös geschlossen werden.
Die osmanische Hochsprache wird von der türkischen Volkssprache als Amtssprache abgelöst. Auch die arabische Schrift wird durch die lateinische ersetzt. Außerdem führte Atatürk den gregorianischen Kalender ein. Der Sonntag wird zum offiziellen Ruhetag.

All diese Reformen zeigen auf welchen Kontinent Atatürk das geographisch gespaltene Land ausrichten möchte. Das kemalitische Erbe prägt noch heute die Türkei, auch wenn die Agenda Recep Tayyip Erdogans auf etwas anderes schließen lässt.

Auch an einem 25. Juli:
1934: Der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wir im Zuge eines nationalsozialistischen Putschversuches ermordet.
2000: Bei dem Absturz einer Concorde der Air France kurz nach dem Start kommen bei Paris 113 Menschen ums Leben.
1999: Lance Armstrong gewinnt seine erste Tour de France.

An einem 25. Juli geboren:
1869: Carl Miele (deutscher Konstrukteur und Industrieller)
1876: Elisabeth Gabriele in Bayern (Königin von Belgien)
1905: Elias Canetti (bulgarisch-britisch-schweizerischer Schriftsteller deutscher Sprache und Nobelpreisträger)
1920: Rosalind Franklin (britische Biochemikerin und Spezialistin für Röntgenstrukturanalyse)