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Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf - gute Absicht, schlechtes Timing

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Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf - gute Absicht, schlechtes Timing

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In Deutschland herrscht Wahlkampf. Am 22. September werden die Mitglieder des Bundestags neu gewählt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Asylbewerber. Wie leicht da aus einem schlechten Timing ein Politikum werden kann, sieht man derzeit in Berlin-Hellersdorf, einem der Plattenbaubezirke im Nordosten der Stadt. Wo zu DDR-Zeiten der Schlosser neben dem Professor im gleichen Haus wohnte und froh war, eine moderne Wohnung mit Fernheizung und heißem Wasser zu bekommen, sind diese Häuser inzwischen vor allem von sozial Schwächeren bewohnt. Die Besserverdienenden sind in teurere Bezirke der deutschen Hauptstadt gezogen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung gingen die Geburtenzahlen und damit auch die der Schüler zurück. So kommt es, dass hier in Hellersdorf zwei Schulen aus DDR-Zeiten leer stehen. Da kam die für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständige Behörde auf die Idee, diese zu Wohnheimen für jeweils 200 Asylbewerber umzubauen. Denn die haben nach der deutschen Gesetzeslage ein Recht auf Unterbringung, bis über ihren Antrag offiziell entschieden ist. Was die zuständige Behörde nicht so genau bedachte, das waren die Sorgen der Nachbarn. Die wurden erst informiert, als schon alles entschieden war.

Da hatten auch schon deutsche Rechtsradikale das Thema aufgegriffen. Zur ersten öffentlichen Anwohnerversammlung kamen reichlich Besucher, die nicht in Hellersdorf wohnten, dafür aber klar ausländerfeindliche Positionen vertraten. Und die trafen auf Sorgen und Ängste von Nachbarn, von denen viele ohnehin schon reichlich Probleme haben. Plötzlich erschien dann im Internet eine Initiative unter dem Titel “Nein zum Heim”. Die war so formuliert, dass sich Anwohner dort teilweise besser verstanden fühlen als bei den Behörden. Der Berliner Innensenator und der neue Chef des Verfassungsschutzes in Berlin ließen wissen, dass sich ihre Behörden mit dieser Facebook-Seite beschäftigen, von der sie vermuten, dahinter stehe gar keine echte Initiative von Hellersdorfer Bürgern. Vielmehr sei das eine Initiative rechter Aktivisten aus dem Umfeld der NPD.

Wie immer, wenn irgendwo in Deutschland die extreme Rechte mobil macht, sind auch sofort deren politische Gegner zur Stelle. Und zwar zumeist in der Überzahl. Nun wohnen seit Beginn der Woche die ersten Asylbewerber in der einen ehemaligen Schule – und die Anwohner sind zunehmend von den Dauerdemonstrationen und Gegendemonstration wie vom Medienrummel genervt. Die Berliner Behörden müssen Polizei einsetzen, um die Contra-Asyl- und Pro-Asyl-Demonstranten voneinander zu trennen. Ein ruhiges Kennenlernen der neuen Nachbarn ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. Die zumeist schon an ihrer Hautfarbe zu erkennenden hilfesuchenden Fremden trauen sich kaum auf die Straße.
Die Linken, die den Asylbewerbern beistehen wollen, tragen ungewollt zu unguten Gefühlen bei den Anwohnern bei. Die fühlen sich plötzlich sehr unwohl mit einem nach Protestcamp aussehenden Zelt, vielen Spruchbändern und Plakaten und streitenden politischen Gruppen vor ihrer Haustür. Und sie fühlen sich mißverstanden, ja beleidigt, wenn ungenaue Berichterstatter von einem rassistischen oder ausländerfeindlichen Umfeld in Hellersdorf schreiben oder sprechen. Ein Nachbar sagte der Berliner “Abendschau”, er fühle sich an die Eskalation von Rostock-Lichtenhagen vor etwas mehr als 20 Jahren erinnert. Da hatte die Stadt das Büro, in dem sich Asylsuchende zu melden haben, in einer Wohnung in einem solchen Wohngebiet untergebracht. Ein ganz schnell hoffnungslos überlastetes Büro. Die Asylsuchenden warteten ohne ein Dach über dem Kopf Tag und Nacht vor der Tür, campierten in den liebevoll von den Bewohnern hergerichteten Grünanlagen. Es wurde laut und ungemütlich. Auch damals erschienen sehr bald rechte Ausländerfeinde mit ihren Parolen. Es kam ein mobiler Bierverkauf, es kamen viele Medien. Und dann brannte das Haus. Im Ausland war man schockiert, wie das im eben wiedervereinigten Deutschland geschehen konnte. Und die meisten der Rostocker Einwohner fühlten sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt. Auch in der Nachbarschaft der Asylbewerberheimes von Hellersdorf gibt es den einen oder anderen Berliner Einwohner, der sagt, er wolle keine Asylbewerber vor seiner Haustür. Die meisten Nachbarn aber wollen nur in Ruhe leben können und in guter Nachbarschaft mit allen Nachbarn. Der regierende Bürgermeister von Berlin, der SPD-Politiker Klaus Wowereit, betonte in einem Fernsehinterview ausdrücklich, er werde nicht an diesen Konfliktort gehen mit dem dann unvermeidlichen Medientroß. Und er rate auch anderen Politikern davon ab. Der Berliner Sozialsenator Mario Czaja von der CDU bekräftigte, es seien weniger Anwohner als vielmehr Rechtsextremisten, die gegen die Flüchtlinge Stimmung machten. Berlin dürfe sich “nicht von rechtsextremen Rattenfängern instrumentalisieren lassen”. Jetzt ist guter Rat teuer bei jenen, die Gutes tun wollen. Ängste abbauen kann man nicht mit Dauerdemonstrationen, wenn sich die Nachbarn im eigenen Wohngebiet an die Wand gedrückt fühlen. Damit sich die ungleichen Nachbarn kennenlernen und dann auch verstehen lernen, braucht Hellersdorf Ruhe.