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Portugal: Vorreiter der Entkriminalisierung

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Portugal: Vorreiter der Entkriminalisierung

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Wer konsumiert Drogen?

Vor der Revolution von 1974 waren Drogen kein wirkliches Problem in Portugal. Zwischen 1926 und 1974 hatte die Diktatur das Land vom Rest der Welt weitgehend isoliert. Unter den tausenden Soldaten und Siedlern aus den Kolonien, die nach dem Ende der Diktatur aus Afrika nach Portugal zurückkehrten, waren viele Drogenkonsumenten, die große Mengen illegaler Substanzen mit ins Land brachten.
Ende der 70er Jahre standen Drogen für Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit und zogen mehr und mehr Portugiesen an, die sie ausprobieren wollten. Doch das folgende Jahrzehnt war gezeichnet vom Aufkommen von HIV/AIDS – der Konsum von Drogen in Portugal gab immer mehr Anlass zu Sorge. Ganze Generationen litten unter Abhängigheit, Drogenkriminalität und durch die Spritzen übertragene Krankheiten.
In den vergangenen 12 Jahren ist die Zahl der Drogenabhängigen in Portagal ständig angestiegen. Dennoch zeigen Studien aus dem Jahr 2012, dass der Drogenkonsum insgesamt zwischen 2007 und 2012 leicht zurückgegangen ist und dass generell weniger Portugiesen aller Altersklassen illegale Drogen ausprobieren. Neue Studien belegen einen Anstieg des Konsums von Speed (Amphetaminen) unter Schülern, die 14, 16 oder 18 Jahre alt sind.
Wie anderswo in Europa sind mehr und mehr synthetische Drogen, deren Ziel es ist, die Betäubungsmittelgesetze zu umgehen, vorhanden. Auch in Portugal gibt es ständig neue synthetische Drogen, die billiger und einfacher zu haben sind, als andere Drogen.

Am weitesten verbreitete Drogen

Einer Studie des l’INPP (Institute for Neuro-Physiological Psychology) zufolge sind Alkohol, Tabak und Medikamente, die meistgebrauchten Drogen – ihr Konsum verstößt gegen kein Gesetz.
Cannabis ist die am meisten verbreitete illegale Droge: 8,3 Prozent der Portugiesen haben einer Umfrage zufolge Hasch ausprobiert. An zweiter Stelle folgt Ecstasy mit 1,1 Prozent – danach Kokain mit 1 Prozent.

Betroffene Gruppen

Der INPP-Studie von 2012 zufolge ist die Altersklasse der Portugiesen zwischen 15 und 44 Jahren am ehesten vom Drogenkonsum betroffen. In der Altersgruppe 25 bis 34 konsumieren 16,2 Prozent täglich Cannabis, 2,5 Prozent Ecstasy und 1,2 Prozent psilocybinhaltige Pilze.
Kokain wird von den 25 bis 34 Jahre alten Personen in Portugal mit 1,7 Prozent fast genauso hâufig konsumiert wie von den 35 bis 44 Jahre alten (1,8 Prozent). In der Altersgruppe von 25 bis 34 nehmen 0,8 Prozent Amphetamine ein, 0,7 Prozent in der Altersklasse zwischen 35 bis 44 Jahren.
Heroin ist in bei der älteren Gruppe mit 1,4 Prozent stärker verbreitet als in der jüngeren (0,4 Prozent)
Egal bei welcher Droge ist der Konsum unter Männern stärker verbreitet als unter Frauen.

Vorsorge und Behandlung

Die Vorsorge auf nationaler Ebene besteht vor allem darin, Angebot und Nachfrage auf dem Drogenmarkt zu senken – durch soziale und medizinische Maßnahmen.
In den Schulen ist die Zahl der Drogenkonsumenten, die seit den 90er Jahren angestiegen war, 2006 und 2007 zum ersten Mal zurückgegangen – nur 2010 gab es einen erneuten Anstieg.
In Portugal gibt es Präventionsprogramme auch in Unternehmen. Jährlich nehmen 91 015 Menschen an Vorsorgemaßnahmen teil, die etwa 3,5 Euros pro Person kosten.
Seit 1998 gibt es offizielle Substitutionsprogramme, bei denen Drogenabhängige mithilfe von ärztlich verordnetem Methadon oder Buprenorphin (einem Analgetikum), die die Drogen ersetzen und die Symptome des Entzugs erleichtern sollen.
Um Infektionen mit HIV zu vermeiden, werden auch Spritzenaustausch und spezielle Anti-Drogen-Progrmme in Gefängnissen angeboten.

Dem nationalen Plan im Kampf gegen Drogen zufolge ist die Zahl der Patienten von 30 226 im Jahr 2004 auf 38 292 im Jahr 2011 gestiegen. 2011 wurden etwa genausoviele Personen wegen Alkoholsucht behandelt wie wegen Abhängigkeit von illegalen Drogen.
Die neue Strategie, die zwischen 2013 und 2020 umgesetzt werden soll, trennt den Kampf gegen Alkoholismus vom Kampf gegen illegale Drogen.
Das Ziel der Behörden ist es, in den kommenden drei Jahren die Zahl der Drogenabhängigen um 10 Prozent zu senken.

Gesetzlicher Rahmen

Portugal war das erste Land in Europa, das im Juli 2001 den Besitz und den Konsum von illegalen Drogen entkriminalisiert hat. (Gesetz 30/2000, vom 29. November). Die Entkriminalisierung betrifft den Kauf, den Besitz und den Konsum aller Arten von Drogen zum persönlichen Gebrauch, “wenn er die Menge des durchschnittlichen Gebrauchs von einer Person in zehn Tagen nicht überschreitet” (art. 2 (2). Das bedeutet, dass Personen, die mit einer kleinen Menge Drogen festgenommen werden, keine strafrechtlichen Folgen fürchten müssen.
Wer bei der Festnahme unter dem Einfluss von Drogen steht, wird vor eine Kommission geschickt, die aus Anwälten, Richtern, Medizinern und Sozialarbeitern besteht und deren Aufgabe es ist, vom Drogengebrauch abzubringen. Diese Kommission kann Behandlungen vorschlagen und Geldstrafen verhängen, wobei jedoch der medizinische Aspekt im Vordergrund steht.

Der Drogenhandel bleibt aber gesetzlich verboten. Dealer und Drogenhändler werden weiterhin festgenommen und zu Gefängnisstrafen zwischen vier und zwölf Jahren verurteilt.