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Flüchtlinge in Jordanien: Die Solidarität hat einen Preis

UNHCR schlägt Alarm: Das Geld geht aus Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens mitten in der Wüste und nahe der Grenze zu Syrien: Aus dem

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Flüchtlinge in Jordanien: Die Solidarität hat einen Preis

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UNHCR schlägt Alarm: Das Geld geht aus

Meinung

Für Europa wäre es billiger die Nachbarländer Syriens zu unterstützen, damit die Flüchtlinge in diesen Ländern bleiben.

Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens mitten in der Wüste und nahe der Grenze zu Syrien: Aus dem Zeltlager ist eine richtige Stadt geworden. Das Camp entstand 2012 und heute leben hier knapp 80.000 syrische Flüchtlinge. Die meisten kommen aus dem Süden Syriens, vor allem aus Daraa. Die Stadt gilt als die Wiege des Aufstands. Dort fanden im März 2011 die ersten Proteste statt. Das Flüchtlingslager wird von den Vereinten Nationen und der jordanischen Regierung geleitet. Die Zelte sind durch Wohncontainer ersetzt worden und für viele Menschen hier ist das Flüchtlingslager zum Zuhause geworden. Sie haben sich damit abgefunden, dass sie länger bleiben werden.

Der Leiter des Camps, Hovig Etyemezian, erklärt: “Wir investieren in die Infrastruktur des Lagers, um die Zustände zu verbessern und weil es billiger ist. Wenn das Lager noch ein weiteres Jahr bestehen bleibt, ist es für uns sehr viel billiger jetzt in Wasserversorgung, sanitäre Anlagen und Stromversorgung zu investieren, statt weiter nur kurzfristige Lösungen zu finden.”

Er zeigt uns das Flüchtlingslager. Ein älterer Mann fragt ihn, ob es möglich sei auch am Nachmittag Strom zu haben. Er würde sich gerne die Nachrichten anschauen. Hovig Etyemezian erzählt, dass sie rund um die Uhr Strom hatten: “Das können wir uns aber nicht mehr leisten. Unsere Stromrechnung betrug fast 1 Million US-Dollar pro Monat. Also haben wir angefangen den Strom zu rationieren.

Die UNO will die Versorgung der syrischen Flüchtlinge verbessern, dazu ist aber Geld nötig. Noch fehlt mehr als die Hälfte der benötigten Summe.

Leben im Flüchtlingslager: Keine Hoffnung auf Zukunft

Die Familien hier haben keine Wahl, das Flüchtlingslager ist immer noch besser als ein Leben unter Beschuss. Ibrahim Al-Khalil lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Zaatari: “Wir haben uns an das Leben hier gewöhnt. In Syrien war es zu hart. Die Bombardierungen, die Flugzeuge. Hier sind meine Kinder in Sicherheit. Wenn mein kleiner Sohn Hammoudeh rausging, um Brot zu kaufen, hatte ich Angst. Es war schwierig, überhaupt Brot zu finden und dann konnte er jederzeit auf dem Weg von einer Bombe getroffen werden.”

Ibrahim und seine Familie sind seit dreieinhalb Jahren in Jordanien. In Syrien war er Bauer. Er hat alles aufgegeben.
“Mein Sohn Bilal arbeitete auf dem Feld und er wurde von einer Granate getroffen. Wie durch ein Wunder hat er überlebt. Es war ein Wunder,” so Ibrahim. Seidem kann Bilal seine Hand noch bewegen, aber er kann nicht arbeiten.

Viele Familien verlassen das Flüchtlingslager. Manche gehen wie Ibrahims Mutter nach Syrien zurück. Andere versuchen ihr Glück woanders in Jordanien oder wagen die lange und gefährliche Reise nach Europa. Ibrahims Familie bleibt, seine Frau sagt: “Wir würden gerne von hier weggehen, aber es ist nicht möglich. Man benötigt Geld, um eine Wohnung zu mieten und man muss Arbeit finden. Aber außerhalb des Flüchtlingslagers gibt es keine Arbeit.”

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat in dem Flüchtlingslager zwei Supermärkte eingerichtet. Dort können die Menschen mit Gutscheinen einkaufen. Doch die Mittel werden knapp. Jonathan Campbell, ein Mitabeiter der Organisation erklärt: “Ich mache mir wirklich Sorgen, was im Frühjahr nächsten Jahres passieren wird. Wir haben nicht genügend Geld, um eine Grundversorgung zu garantieren. Wir sprechen hier nicht von Luxusartikeln. Es geht um eine ganz rudimentäre Unterbringung, um Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln, um die Bildung der Kinder, die für ihre Zukunft ganz entscheidend ist. Die Syrer werden das Gefühl haben, dass sie keine Wahl mehr haben und versuchen woanders hinzugehen. Es wäre also sehr wichtig, dass die Hilfsgelder weiter fließen, aber ich bin nicht sehr zuversichtlich.”

Leben am Rande der Gesellschaft: Keine Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge

Zaatari ist heute die viertgrößte Stadt in Jordanien, doch die meisten Syrer haben sich außerhalb dieser Mauern niedergelassen. Insgesamt leben mehr als 1 Million syrischer Flüchtlinge in Jordanien. In der Stadt Mafraq, nur wenige Kilometer vom Camp entfernt, leben viele Flüchtlinge. Sie sind auf die Hilfe der jordanischen Regierung und der UNO angewiesen. Die Gesundsheitsversorgung ist für sie z.B. kostenlos.

Allein im vergangenen Jahr wurden rund 3000 syrische Kinder geboren und im Krankenhaus sind rund die Hälfte der Patienten Syrer. Eine Syrerin ist mit ihrem Sohn Omar zur Behandlung gekommen. Er kam vor anderthalb Jahren hier auf die Welt. Sie musste nichts bezahlen und ist dafür sehr dankbar.

In Mafraq sind heute mehr als die Hälfte der Einwohner Flüchtlinge. Die Regierung hat dafür gesorgt, dass die syrischen Kinder zur Schule gehen können. Mohammed Salloum bringt seine Söhne. Er sagt: “Wir zahlen kein Schulgeld und auch die Bücher sind kostenlos. Gott sei dank, läuft es hier gut.” Vormittags haben die jordanischen Kinder Unterricht, Nachmittags die syrischen Kinder. Yacine Al-Hayan, dem Direktor der Schule zufolge, gibt es auch Probleme: “Viele Jordanier waren hier in der Schule eingeschrieben. Aber als wir dieses System eingeführt haben, um die Syrer zu empfangen, haben viele jordanische Familien ihre Kinder aus der Schule genommen. Sie schicken sie jetzt auf eine Schule, wo es keine Flüchtlinge gibt, damit sie einen vollen Tag lang Unterricht bekommen. Es stimmt schon, dass die Anwesenheit der Syrer sich auf den Unterricht für die Jordanier ausgewirkt hat.”

Die Schulen und die Gesundheitsversorgung sind kostenlos, doch das Leben außerhalb des Flüchtlingslagers ist dennoch teuer. Die Lebensmittelhilfe der UNO fällt immer geringer aus. Die Familien in Mafraq müssen also sehen, wie sie über die Runden kommen. Hanane kommt aus Damaskus. Einst war sie Hausfrau, heute ist sie die Brotverdienerin der Familie. Sie bereitet orientalische Speisen zu, die sie dann verkauft. “Ich habe keine Wahl. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns anzupassen. Aber wir haben hier nicht das Recht zu arbeiten. Als wir angekommen sind, hat mein Mann Arbeit gefunden, aber die Aufsichtsbehörde ist eingeschritten. Es ist verboten zu arbeiten und wenn man erwischt wird, wird man zurück ins Flüchtlingslager geschickt. Ich kann nicht in dem Camp leben. Ich habe es versucht, aber ich halte es nicht aus,” so Hanane.

Obwohl es verboten ist, hofft ihr Mann Mohammed Salloum bald Arbeit zu finden: “Ich werde versuchen Arbeit zu finden, am besten Abends, denn da gibt es keine Kontrollen. Mir ist es egal, ich kann als Nachtwächter, in einem Restaurant oder in einem Café arbeiten.”

Der Unmut bei den Einheimischen wächst

Die Einwohner von Mafraq sind zum größten Teil arm und viele sind arbeitslos. Durch die Ankunft der Flüchtlinge hat sich die Lage noch verschärft. Der Unmut über die syrischen Flüchtlinge wächst. Ein Ladenbesitzer klagt: “Die Syrer sind bereit, alle Arbeiten für weniger Geld zu machen.” Ein Mann, der in einer Bäckerei arbeitet, meint: “Wir haben viel verloren. Vorher konnte ich 20 bis 25 Dinar pro Tag verdienen. Jetzt verdiene ich gerade einmal 10 Dinar.”

In Amman hat euronews den jordanischen Minister Imad Fakhoury getroffen, der für die Flüchtlingsfrage zuständig ist. Er sagt, dass eine Arbeitserlaubnis für die Syrer derzeit untersucht werde. Demnach könnten sie eines Tages legal Geld verdienen und Steuern zahlen. Doch das akute Problem ist für ihn der Mangel an internationaler Hilfe: “Wir machen uns Sorgen, denn es gibt immer weniger Spenden. Wir lassen weiterhin alle ins Land. Die syrischen Flüchtlinge bekommen Hilfen und werden in unsere Städte und Dörfer integriert. Fremde willkommen zu heißen ist Teil unserer Kultur. Schauen sie sich das Ganze aus der europäischen Perspektive an. Wenn die Flüchtlinge in Europa sind, dann kostet es Europa mindestens vier bis fünf Mal so viel, als die Flüchtlinge hier zu versorgen. Es wäre billiger die Nachbarländer Syriens zu unterstützen, damit die Flüchtlinge in diesen Ländern bleiben. Noch dazu sind sie dann näher an ihrer Heimat und können so schneller heimkehren und ihr Land aufbauen, sobald diese Möglichkeit besteht.”

Nach Hause zurückzukehren, davon träumen alle syrischen Flüchtlinge.