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Tschernobyl und Fukushima: Nichts gelernt?

Rund 8000 Kilometer und 25 Jahre trennen die Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima räumlich und zeitlich voneinander. Doch kann man die

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Tschernobyl und Fukushima: Nichts gelernt?

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Rund 8000 Kilometer und 25 Jahre trennen die Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima räumlich und zeitlich voneinander. Doch kann man die beiden atomaren Unfälle überhaupt vergleichen? Wie unterscheiden sie sich und was haben sie gemeinsam? Wir werfen einen kurzen Blick auf beide Ereignisse:

Die zwei Kraftwerke gingen in den 1970er Jahren ans Netz: Fukushima 1971 und Tschernobyl sechs Jahre später. Während Fukushima 40 Jahre ohne nennenswerte Zwischenfälle operierte, ereignete sich der verheerende Unfall in Tschernobyl bereits nach neun Jahren Betriebszeit. Zum Zeitpunkt der Explosion liefen in Fukushima sechs Reaktoren, in Tschernobyl waren es vier. Einen wesentlichen Unterschied auf den Unfallverlauf dürfte die Verwendung unterschiedlicher Reaktortypen gehabt haben. Diese beeinflussen massiv die Langzeitfolgen des Unglücks.

Wie konnte es zu den verheerenden Unfällen kommen?

Auf den ersten Blick sind die Ursachen für die beiden größten Unfälle in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie komplett verschieden. So sollte in der Nacht zum 26. April 1986 die Sicherheit Kernkraftwerks Tschernobyl geprüft werden, doch der Test geriet völlig außer Kontrolle und verursachte die Explosion im Reaktorblock 4. Über zehn Tage verteilten sich hoch radioaktive Substanzen über ganz Europa. Durch den Regen gelangten diese in den Boden. Einzig Portugal blieb davon verschont. Selbst 30 Jahre nach dem Unfall kann in einigen betroffenen Regionen eine erhöhte Radioaktivität in Pilzen und Wildschweinfleisch nachgewiesen werden.

Pictures from Chernobyl exclusive zone

Im Gegensatz dazu wurde die Katastrophe in Fukushima am 11. März durch ein Erdbeben und darauffolgenden Tsunami ausgelöst. Schon vor der Katastrophe war vor den Folgen eines möglichen Tsunamis in Fukushima gewarnt worden. Doch sie wurden ignoriert. Das Erdbeben im März 2011 unterbrach Stromversorgung in der Präfektur, die Reaktorblöcke schalteten sich wie vorgesehen automatisch ab. Dennoch darf in einem solchen Fall die Kühlung nicht versagen, da zwar die Kettenreaktion der Kernspaltung unterbrochen ist, aber die sogenannte Nachzerfallswärme aus dem über 300 Grad Celsius heißem Reaktorkern abgeführt werden muss. Nach dem planmäßigen Abschalten des AKW liefen nun also Notfallgeneratoren, die das gewährleisten sollten. Als nach dem Erdbeben der Tsunami das Kraftwerk erreichte, fielen dort auch die Notfallgeneratoren aus. Dadurch konnten sich die Reaktoren überhitzen: Der Kühlwasserstand sank gefährlich und die Versuche der Techniker, die vier betroffenen Reaktoren mit Meerwasser und Borsäure zu kühlen, scheiterten. Durch die Überhitzung der Reaktorkerne kam es zu schließlich zu Wasserstoffexplosionen und mehreren Bränden. In vier Reaktoren kam es zu einer Kernschmelze, die noch immer nicht komplett unter Kontrolle ist.

Bauarteigenheiten der Reaktoren als Ursachen für den Super-GAU?

Für die Katastrophe in Tschernobyl wurden zunächst Techniker des Experiments verantwortlich gemacht worden, aber die Internationale Atomenergie-Organisation korrigierte diese Schlußfolgerung später. Vielmehr habe die Bauart des Reaktors RBMK-1000 mit einem grafitmoderierten Kernreaktor dazu beigetragen, dass es zu einer Überhitzung der Brennstäbe kam. Bei der sowjetischen Konstruktion des Reaktorkerns befinden sich die Brennstäbe einzeln in Druckröhren. Diese werden von Wasser, dem Kühlmittel durchströmt. Das Wasser dient bei dieser Konstruktion aber nicht als Moderator, der die zur Kernspaltung benötigten Neutronen abbremst, sondern brennbares Grafit. Danach kam es zu einer Kettenreaktion im Reaktor, der Deckel des Reaktors und das Dach des Reaktorgebäudes explodierten; der Grafitmantel des Reaktors geriet in Brand und konnte erst nach 10 Tagen gelöscht werden.

Im Gegensatz dazu liefen in Fukushima Reaktoren nach westlichem Standard: Die Brennstäbe befinden sich in einem großen Druckbhälter, der von Wasser umspült wird. Das Wasser dient aber auch als Moderator, der die Spaltung der Atome außer Kraft setzt, d.h. die Kettenreaktion unterbricht, sollte Wasser nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Doch in Fukushima passierte genau das: Trotz der unterbrochenen Kettenreaktion reichte die Nachwärme aus, um eine Kernschmelze hervorzurufen.

Bei beiden Katastrophen haben Konstruktionsfehler und Baumängel eine wesentliche Rolle gespielt, und einen Super-GAU hervorgerufen.

Bilder aus Fukushima 2011/2016 – vorher und nachher:

Radioaktive Kontamination

Auf der Skala der Internationalen Atomenergie-Organisation sind beide Unfälle auf dem höchsten Niveau 7 der INES-Bewertungsskala eingestuft worden. Die weite und großflächige Verbreitung von radioaktivem Material haben sich nachhaltig auf die Gesundheit der Menschen und ihre Umwelt ausgewirkt.

Allein um Tschernobyl, in den am stärksten betroffenen Regionen Weißrusslands, der Ukraine und Russlands sind rund 150.000 Quadratkilometer radioaktiv verseucht worden. Auf dieser Fläche lebten zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls rund 5 Millionen Menschen. Darüber hinaus verteilte sich die Radioaktivität auf weiteren 45.000 Quadratkilometern Fläche, bedingt durch das Wetter. In den ersten 10 Tagen nach der Katastrophe verteilte der explodierte Reaktor weiter radioaktives Material in alle Himmelsrichtungen.

Ähnlich wie in Tschernobyl wurden auch in Fukushima große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt. Zwar sprechen die japanischen Behörden von einem Bruchteil an Radioaktivät, rund 10 Prozent von der Menge, die in Tschernobyl freigesetzt wurde, aber ein andauerndes Problem stellt die Verseuchung der Böden und des Wassers dar. Riesige Mengen verseuchtes Meer- und Grundwasser belasten die Gegend und fließen ins Meer. Erst kürzlich hatte der Energiekonzern Tepco riesige Tanks aufgebaut, in denen das zur Kühlung der Brennstäbe verwendete Meerwasser gelagert werden soll.
Es ist vorgesehen, dass noch in diesem Jahr teilweise gesäubertes Wasser ins Meer geleitet wird.

Reaktionen der Regierung in der Sowjetunion und in Japan

Am 28. April registrierten mehrere Orte in Schweden und Finnland eine erhöhte Strahlendosis: Am gleichen Tag gab es eine erste 20-sekündige Meldung des sowjetischen Fernsehens, im Nachrichtenprogramm “Vremia”: “Im Atomkraftwerk Tschernobyl hat sich ein Unfall ereignet. Ein Reaktor wurde beschädigt. Maßnahmen zur Beseitigung der Unfallfolgen werden ergriffen. Den Geschädigten wird Hilfe geleistet. Eine Regierungskommission ist gebildet worden.”

Auch im deutschen Fernsehen gibt es am gleichen Tag eine erste Meldung zu dem Atomunglück in der Tagesschau:

Ähnlich wie in Tschernobyl tat man sich in Japan mit der zeitnahen Information der Bevölkerung und der Öffentlichkeit schwer. Die Betreiberfirma Tepco, die japanische Atomaufsichtsbehörde und die Regierung werfen sich gegenseitig schlechtes Krisenmanagement vor. Es dauert schließlich fast zwei Monate, bevor die japanische Regierung von einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima sprach.

Evakuierung und Sperrzonen

In der Ukraine ging das Leben in der nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk gelegenen Stadt Pripjat wie gewohnt weiter. Erst über einen Tag nach dem GAU begann man, die Einwohner der nur 4 Kilometer entfernten Stadt zu evakuieren, rund eine Woche später die Bewohner des 18 Kilometer entfernten Tschernobyl. 10 Tage nach der ersten Explosion begannen die Behörden mit der Umsiedlung aus einer 30 Kilometer Sperrzone, die inzwischen eingerichtet worden war. Insgesamt mussten 330.000 Einwohner evakuiert werden, über 70 Ortschaften in der Region wurden zu Geisterstädten.

In Japan hatte die Betreiberfirma “Tepco” die japanische Atomaufsichtsbehörde über die Notfallsituation in mehreren Atomkraftwerken informiert. Daraufhin rief die japanische Regierung am 11. März, nur fünf Stunden später, den nuklearen Notzustand aus. Nach der ersten Explosion in Fukushima am Abend es 11. März begann die Evakuierung der Menschen im unmittelbaren Umkreis des Atomkraftwerks. Einen Tag später war dieses Evakuierungszone auf einen Radius von 20 Kilometern erweitert worden, rund 62.000 Einwohner wurden umgesiedelt. In der Zone zwischen 20 und 30 Kilometern von Fukushima gilt eine Sonnderregelung: Je nach Strahlungshöhe vor Ort wird entschieden, ob die Bevölkerung bleiben darf.

Drei Jahre später hat Euronews die Sperrzone um das AKW Fukushima besucht, doch auch fünf Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima leben die meisten der Einwohner noch immer in provisorischen Unterkünften. Sie dürfen für fünf Stunden am Stück ihre Häuser in der Sperrzone besuchen.

In der Ukraine sind zahlreiche ältere Menschen zurück in die Sperrzone gezogen, zumeist in ihre Häuser, die seit der Evakuierung leer stehen. Das ist zwar offiziell illegal, wird von der Seiten der Regierung aber inzwischen geduldet. Ende 2012 sollen es rund 200 Menschen gewesen sein.