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Rechtlos in Libyen: Illegale Migranten sind lukrative Opfer


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Rechtlos in Libyen: Illegale Migranten sind lukrative Opfer

So viele Migranten wie kein Jahr zuvor sind in diesem Jahr im Mittelmeer auf der Überfahrt nach Europa ertrunken. Viele von ihnen kommen über Libyen. Fünf Jahre nach dem Sturz Muammar Gaddafis steckt das Land weiterhin im Chaos – und ist zum Drehkreuz für illegale Zuwanderer geworden. Viele dieser Illegalen harren in Auffanglagern unter katastrophalen Bedingungen aus. Menschenhandel, Erpressung, Entführung – die rechtlosen Menschen sind lukrative Opfer in einem Staat, der kein wirklicher Staat mehr ist.

Die Lage nahe Europa, gut 2.000 Kilometer Außengrenze am Mittelmeer, sechs ebenfalls nicht unbedingt stabile Anrainerstaaten: Offiziell zählt Libyen heute fast 300.000 Migranten. Nicht zu vergessen die Dunkelziffer. Die Zuwanderer stammen zumeist aus Subsahara-Afrika. Viele warten auf die gefährliche Überfahrt nach Europa, das nur etwa 300 Kilometer entfernt liegt.


Schlepper nutzen EU-Mission “Sophia”: Mittelmeer-Überfahrt verkürzt


Die Küstenwache im Raum Tripolis verfügt über sechs Schlauchboote, mit denen sie 120 Kilometer überwachen muss. Für lange Strecken und hohen Wellengang sind die Boote ungeeignet. Die Marine-Mission Sophia der EU zur Rettung von Flüchtlingen und Abschreckung der Schleuser bewirke das Gegenteil, klagt Ashref El Bradi, Chef der hiesigen Küstenwache: “Heute müssen die Migranten nicht mehr 200 bis 400 Seemeilen überbrücken, sondern nur ein Dutzend Meilen. Nachdem sie die libyschen Hoheitsgewässer verlassen haben, stoßen sie direkt auf die Boote der Operation Sophia, die auf sie warten, um sie zu den europäischen Küsten zu bringen.”

Küstenwächter Hadi K’hail klagt: “Sie packen Unmengen von Leuten auf die Boote, denn sie setzen auf die kurze Strecke. Im Ergebnis geraten die Boote kurz nach dem Start in Seenot. Und das ist der Hauptgrund für die vielen Toten.”


Laut der Internationalen Organisation für Migration starben fast 4.700 Menschen in diesem Jahr bei der Fahrt übers Mittelmeer. Eine Rekordzahl. Inzwischen werden Schlauchboote speziell für den Transport von Migranten produziert. Das Geschäft blüht: Seit Januar wurden mehr als 14.000 Migranten aus dem Meer gerettet – über viermal so viele wie in den Vorjahren.


Politisches Chaos in Libyen begünstigt Schleuser und Erpresser


Das politische und administrative Durcheinander begünstigt den Menschenhandel. Einen echten Staat gibt es nicht. Die Küste – und damit die Küstenwache – ist in verschiedene Herrschaftsbereiche zersplittert. In der Dienststelle für den Kampf gegen illegale Einwanderung, kurz DCIM, sind die Mittel knapp – und das Personal auch. Es kämpft an anderer Front, erklärt Personal- und Verwaltungschef Naser Hazam: “Viele unserer Männer sind nach Sirte gegangen, sie kämpfen gegen den IS. Wir haben derzeit nicht wirklich eine Einsatztruppe….” und er zeigt ein Foto von illegalen Zuwanderern, die unter einer vermeintlichen Ziegelsteinladung auf einem Lastwagen versteckt transportiert wurden: “Schauen Sie, was die Schleuser machen: Die Leute haben in dem Versteck 100 Kilometer zurückgelegt.”

Nach dem Ende Gaddafis hat der Menschenhandel in Libyen sprunghaft zugenommen. Noch nie lief das Geschäft so gut wie seit einem Jahr, erzählen uns zwei Schleuser, die seit einigen Monaten im Gefängnis sitzen. Jede Überfahrt habe ihnen zwischen 16.000 Euro bei einem Schlauchboot und 130.000 Euro bei einem Fischerboot eingebracht: “Die Operation Sophia hat uns die Dinge schön vereinfacht. Vorher brauchten die Schlauchboote 17 bis 24 Stunden, um anzukommen. Jetzt dauert die Überfahrt höchstens vier Stunden.”

Ob Küstenwache oder Dienststelle gegen illegale Einwanderung: Die Kassen des Innenministeriums sind leer, die Löhne von drei Monaten unbezahlt. Wie kann man da Mitarbeiter motivieren?

Naser Hazam klagt: “Die Ausstattung, die Computer, die Autos, die Uniformen, Nachtsichtgeräte, Walkie Talkies, für all das bräuchten wir finanzielle Unterstützung.” Sein Kollege Mohamed Swayib, der bei der Dienststelle für internationale Beziehungen zuständig ist, hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Die internationale Gemeinschaft lasse Libyen im Stich. “Die Tatsache, dass die Europäische Union, Frontex, die Internationale Organisation für Migration, die UNO nicht die Abkommen einhalten, mit denen sie dem libyschen Staat finanzielle, logistische und technische Hilfe zugesagt haben, hat das Problem noch verschärft. Ich möchte betonen, dass Libyen nicht für immer der Polizist sein will, der gratis arbeitet, um Migranten auf dem Weg nach Europa festzunehmen. Das heimliche politische Ziel Europas ist doch, aus Libyen eine Schattenzone zu machen, in der alle illegalen Zuwanderer zusammengefasst und zu libyschen Staatsbürgern gemacht werden. Dazu wird es nie kommen! Denn das libysche Volk wird das niemals hinnehmen.”


Albtraum Auffanglager


Die Illegalen, die von den Behörden aufgegriffen werden, landen in einem der 22 Auffanglager des Landes. Von dort kommen sie nicht heraus. Wir bitten unangemeldet in einem dieser Lager in Tripolis um Einlass. Der Chef ist nicht da, ein Wächter lässt uns herein. Auch wenn sie in der Zuständigkeit des Innenministeriums liegen, werden die Auffanglager oft von einer der vielen Milizen geführt, die einzelne Gebiete Libyens unter Kontrolle haben. Mehr als hundert Männer hausen in der Halle. Es stinkt nach Urin.

Die Worte der Männer überschlagen sich:
“Manche sind zehn Monate hier, manche sechs Monate, andere schon ein Jahr.”
“Einige sind hier gestorben. Andere sind verletzt.”
“Für einen Tag bekommen wir so einen Becher halb oder ganz voll zu essen – mehr nicht. Bis zum nächsten Tag. Kein Frühstück, kein Abendessen – nichts! Wir wollen nach Hause.”

Viele haben Wunden. Spuren von Knüppelschlägen, von Schüssen. Etliche sind krank. Es wimmelt vor Insekten. Bei einigen zeigt sich deutlich Unterernährung: “Schauen Sie sich diesen Mann an. Er ist elf Monate hier. Wir wollen nach Hause!”

Wir gehen weiter zu den Frauen. Hier scheint es auf den ersten Blick etwas besser zu sein. Doch der Eindruck täuscht – auch hier nur Klagen:

“Ich bin schwanger. Ich habe keinerlei medizinische Betreuung. Wir essen nichts, wir schlafen schlecht. Man schießt auf die Leute! Man schießt jeden Moment!”

“Meine Tochter trinkt keine Milch, sie isst Reis. Sie ist vier Monate alt und seit drei Monaten hier. Es gibt nichts hier für sie, keine Windeln… Schauen Sie sich den Reis an, den ein Baby hier zu essen bekommt, ein Becher Reis, der für drei Tage reichen muss.”

“Die Kleine ist seit drei Tagen krank!”

“Keine Behandlung, keine Medikamente”, schimpft eine Frau und hält ihren verbundenen Fuß hoch.


Willkürlich auf der Straße und zu Hause aufgegriffen


Alle Frauen hier erzählen, dass sie auf der Straße aufgegriffen worden seien oder zu Hause bei sich – dort, wo sie sich in Libyen neu angesiedelt hatten: “Du gehst die Straße lang und plötzlich ergreift man dich – man grüßt dich und entführt dich! Wir sind jetzt ein Geschäft für sie geworden! Sie wollen auf unserem Rücken reich werden! Die Gelder, die sie bekommen – davon bekommen wir nicht mal fünf Prozent! Und wir sind nicht nach Libyen gekommen, um von Spenden zu leben. Wir sind hierhergekommen, um unsere Lebensbedingungen zu verbessern! Wenn sie uns auf ihrem Boden nicht haben wollen, dann sollen sie uns doch helfen, uns zu verdrücken!”

Einige von ihnen hätten mangels medizinischer Versorgung Fehlgeburten erlitten, erzählen sie. Schläge und Drohungen seien hier üblich – und Vergewaltigungen auch. “Um Medikamente zu kaufen, verlangen sie Geld von uns!” erzählt eine Frau, die ihr Gesicht vermummt hat. “Und wenn man kein Geld hat, dann missbrauchen sie einen. Von hinten! Ich habe einen Sohn, der manchmal Milch trinken will, er braucht das. Aber wenn du kein Geld hast, musst du das Spiel mitspielen. Du hälst ihm deinen Hintern hin, damit er dich missbrauchen kann! Ich verberge mich nicht aus mangelndem Verantwortungsgefühl, ich verberge mich, weil man mir hinterher übel mitspielen kann.”

“Lassen Sie uns hier nicht allein, wir können nicht mehr”, weint eine andere.


Selbst die Migranten wollen in die Heimat zurück – aber wie?


Auch wenn Missbrauch und Übergriffe in etlichen Auffanglagern an der Tagesordnung sind, gibt es Ausnahmen. In einem Auffanglager in einem anderen Bezirk von Tripolis wartet Direktor Ramadan Rayes auf unseren Besuch. Er zeigt uns demonstrativ den baufälligen Zustand der Räume und klagt über den Mangel an Mitteln, um die Insassen mit dem Nötigsten zu versorgen. Er habe nicht mehr das Geld, Lieferanten zu bezahlen. Zu essen gebe es nicht genug – und die humanitäre Hilfe halte sich in Grenzen: “Uns tut es auch leid, dass wir diese lächerlichen Sachen anbieten müssen. Aber die NGOs machen ihre Arbeit nicht, trotz finanzieller Hilfen, die sie von einigen Ländern bekommen. Das hier erhalten wir von den NGOs. Alle zwei, drei Monate. Sie machen ihre Propaganda in den Medien, sie filmen, wie einige kleine Tüten hier verteilt werden – an eine kleine Zahl von Migranten.”

Hier erzählen die Insassen nicht von Misshandlungen. Gut fünfzig Leute sind hier untergebracht. Die Wächter behandelten sie gut, sagen sie. Aber verständlicherweise wollen auch sie hier so schnell wie möglich weg. “Wir sind es leid, hier zu bleiben. Sie wollen, dass wir nach Nigeria zurückkehren, und wir sind auch dazu bereit. Die Internationale Migrationsorganisation hat gesagt, wir sollen warten, wir sollen warten, also warten wir. Aber bis jetzt haben wir kein Ergebnis gesehen. Und der Dezember ist bald vorbei – wir müssen nach Hause!”


Laut den libyschen Behörden wurden rund 8.000 Menschen seit Mai 2015 in ihre Heimatländer zurückgebracht. Aber für viele ist die Rückkehr unmöglich. Ramadan Rayes: “Die Botschaften der afrikanischen Länder arbeiten überhaupt nicht mit uns zusammen. Aus einfachen Gründen: Zuerst einmal sind sie in Libyen nicht vertreten. Zweitens wissen sie nicht, was sie mit den Rückkehrern machen sollen. Denn sie sehen diese Leute als ein Problem an. Also sind sie erleichtert, wenn die einmal weg sind. Ohne daran zu denken, dass die Leute für Libyen eine Last sein können.”


Migranten bieten auf der Straße ihre Arbeitskraft feil


Diejenigen, die nicht im Auffanglager landen, warten am Straßenrand auf Arbeit. Ein Kreisverkehr in Tripolis ist berühmt: Jeden Tag kommen Dutzende Männer hierher, um ihre Muskelkraft für den Tag zu verkaufen – oft an Arbeitgeber mit wenig Skrupeln. “Täglich erschießen sie Leute wie die Tiere. Das ist ungerecht”, erzählt einer von ihnen. “Sie entführen Leute, und fordern tausende Dinar Lösegeld. Sie bringen dich zur Arbeit, aber sie zahlen nicht. Wenn du den Job erledigt hast, sagen sie dir, du sollst abhauen. Das ist unrecht! Die UNO soll uns helfen!”

Entführungen, Lösegelderpressung bei den Familien, Menschenhandel, Ausbeutung der Arbeitskraft – die illegalen Migranten sind lukrative Opfer.

Ihr einziges Ziel: Europa.

“Wir sind hier, um die Überfahrt bezahlen zu können. Um nach Italien zu gelangen. Wir sitzen hier seit dem Morgen, um irgendeinen kleinen Job zu bekommen, bei den Arabern. Um Geld anzusparen. Aber das ist Glücksache. Denn es kommen hier auch Leute her, die uns bestehlen, die unsere Familien erpressen, die uns ans Gefängnis ausliefern. Man muss tausend Dinar zahlen, manchmal sogar 2000 Dinar, um freigelassen zu werden. Und auch wenn ich ein bisschen was anspare und mir die Überfahrt leisten kann, dann gibt es auf dem Wasser immer noch welche, die uns ergreifen und ins Gefängnis stecken. Und man muss bezahlen, um freigelassen zu werden. Du siehst – all das macht man mit den Migranten hier in Libyen.”

Mehr zur Politik der EU in der Frage in zeit.de
weiterer Artikel zur Situation der Migranten in Libyen in focus.de

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