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Welchem Weg nimmt eine der tolerantesten Nationen Europas?


Redaktion Brüssel

Welchem Weg nimmt eine der tolerantesten Nationen Europas?

Eine rechtspopulistische Partei könnte in einem liberalen Land stärkste Kraft werden. Als erstes Land der Welt legalisierten die Niederlande die Sterbehilfe und die gleichgeschlechtliche Ehe. Auch die Drogenpolitik ist liberal. Amsterdam blickt auf eine lange Geschichte zurück, was die Aufnahme von Verfolgten anbelangt. Ende des 16. Jahrhunderts flüchteten Juden aus Spanien und Portugal nach Amsterdam, in unseren Tagen Bürger aus Syrien.

Welchen Weg nimmt eine der tolerantesten Nationen Europas? Werden weite Teile der Bevölkerung Geert Wilders folgen, der den Koran und die Einwanderung von Muslimen verbieten will? Wilders lebt unter ständigem Polizeischutz. Seine Partei für die Freiheit führte in Umfragen lange Zeit vor der Wahl, die an diesem Mittwoch stattfindet. In den Niederlanden regierten immer Koalitionen. Doch alle Parteien haben eine Koalition mit Geert Wilders ausgeschlossen.

“Wilders setzte in manchem Sinn den Weg Pim Fortuyns fort”, sagt unser Korrespondent James Franey, “der nach dem 11. September 2001 in den Niederlanden für Schlagzeilen sorgte. Der bekennende Homosexuelle Fortuyn, der die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert erklärt hatte, sprach sich offen gegen den politischen Islam und für eine offene Gesellschaft aus. Vor den Wahlen 2002 führte seine Partei in den Umfragen. Neun Tage vor der Abstimmung starb Fortuyn bei einem Attentat. Zwei Jahre später tötete ein radikaler Islamist den Filmemacher Theo Van Gogh, nachdem dieser den Islam in einem seiner Streifen kritisiert hatte. Beide wurden Opfer der Meinungsfreiheit. Mehr als ein Jahrzehnt später fragen sich viele, was es bedeutet, niederländisch zu sein.”

In einer im Februar durchgeführten Umfrage zeigten sich 86 Prozent der Befragten über die Erosion der traditionellen Werte besorgt. Wilders macht sich diese Unsicherheit zunutze, indem er gegen die Einwanderung, die Globalisierung und die Europäische Union aufwiegelt. In Utrecht sprachen wir mit einem seiner Unterstützer: “Wir sind viel zu tolerant”, meint Patrick. “Weil ich mich zu meiner Homosexualität bekenne, erfuhr ich immer wieder Gewalt. Jede Woche bin ich belästigt worden. Beleidigungen, Einschüchterung, Drohungen, nur weil ich homosexuell bin. Elf oder zwölf Jugendliche aus Marokko, der Türkei und Somalia haben mich auf einem Parkplatz zusammengeschlagen. Ich habe geklagt, es gibt zwei Zeugenaussagen, doch nichts ist geschehen.”

Die Niederlande haben eine Bevölkerung von 17 Millionen Menschen, eine Million davon sind Muslime. Die meisten davon sind niederländische Bürger marokkanischer oder türkischer Abstammung. Sie sind Nachkommen der Generation, die während des wirtschaftlichen Booms in der Nachkriegszeit einwanderte. Hier, im Norden Amsterdams, lehnt man die einwanderungsfeindliche Rhetorik der Partei für die Freiheit ab. “Die Türken lieben ihn nicht”, sagt uns der Besitzer einer Bäckerei. “Doch nicht nur die Türken, auch die Spanier, Marokkaner und andere lehnen ihn ab. Kommen sie in meine Bäckerei und ich erwähne Wilders, dann sind sie bereit, mich zu töten, weil er so viele Unwahrheiten über den Islam und nicht nur über den Islam sondern auch über andere Dinge behauptet.” Und ein älterer Muslim meint: “Nicht alle Muslime sind schlechte Menschen. Wilders hasst Muslime, ich weiß nicht warum. Doch ich hasse Geert Wilders nicht.”

Zeitgleich mit der Einwanderungswelle in den 1960er Jahren entfernten sich die Niederländer von ihren Kirchen. Heute gehen nur noch rund zehn Prozent zum Gottesdienst. Vor rund einem halben Jahrhundert ging rund die Hälfte der Bevölkerung einmal pro Woche zur Kirche. Einigen Experten zufolge hat diese Entfremdung vom Glauben eine Lücke geschaffen, die von der Partei für die Freiheit Geert Wilders genutzt wird.

“Ohne die Idee der Individualisierung kann man den Aufstieg dieser Partei nicht verstehen”, sagt Matthijs Rooduijn, der an der Utrechter Universität lehrt. “Die niederländische Gesellschaft stützte sich in der Vergangenheit auf bestimmte Pfeiler. Es gab sozialpolitische Gruppen und normalerweise stimmten die Menschen für die Partei, die zu ihrer Gruppe gehörte. Die Religion war in der Vergangenheit sehr wichtig. Es gab Protestanten und Katholiken. Zwischen dem Norden und dem Süden verlief eine Trennlinie. Die Religion spielte in der Politik eine wichtige Rolle. Die Glaubensrichtung wirkte sich in gewissem Sinn darauf aus, für welche Partei man stimmte. Die Menschen begannen zwischen den Parteien zu wechseln und eine der Parteien, die nun zur Wahl stehen, ist die Partei für die Freiheit.”

Der Einfluss Geert Wilders’ ist nicht zu übersehen. Er brachte den Regierungschef Mark Rutte dazu, an die Einwanderer gewandt zu sagen, wer die niederländischen Werte nicht schätze, könne das Land verlassen. Sylvana Somons, Kandidatin einer einer antirassistischen Plattform warnt: “Es geht um eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Was aber geschieht, nachdem diese Gruppe beseitigt wird? Welches ist die nächste Gruppe? Frauen könnten dazu zählen. Oder Homosexuelle. Oder Schwarze. Es könnte jeden treffen, den wir lieben. Es steht viel zu viel auf dem Spiel, um uns spalten zu lassen.”

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