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Kolumbien: Wie geht es den Menschen seit dem Friedensvertrag?


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Kolumbien: Wie geht es den Menschen seit dem Friedensvertrag?

Mit dem Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Rebellengruppe Farc, der im August 2016 unterzeichnet und nach einem gescheiterten Referendum im November 2016 ratifiziert wurde, geht ein 52 Jahre währender Konflikt zu Ende. Er forderte über 200.000 Menschenleben und zwang in den vergangenen 20 Jahren 7,3 Millionen Menschen zur Flucht. Wie steht es um Kolumbien nach dem Abkommen? euronews-Reporterin Monica Pinna war vor Ort.

Das Friedensabkommen wurde nur mit einer von mehreren Rebellengruppen abgeschlossen. Viele Gebiete Kolumbiens sind nach wie vor umkämpft. Allein im vergangenen Jahr sind laut offiziellen Angaben rund 58 Tausend Menschen vor Unsicherheit und Gewalt geflohen. Hilfsorganisationen zufolge liegt diese Zahl jedoch noch viel höher. Demzufolge wurden in Kolumbien zwischen Januar 2014 und August 2016 durchschnittlich 16.000 Menschen pro Monat aus ihren Heimatgebieten vertrieben

Im eigenen Land vertrieben

Die Region Putumayo ist das Ziel vieler Vertriebener. Zu ihnen gehört Lucia*, die mit ihren vier Kindern und der 67 Jahre alten Mutter in die Stadt Puerto Asís geflohen ist. Eines ihrer Kinder kam vor 5 Jahren bei einem Angriff ums Leben. *Ihren richtigen Namen möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben.

Lucia: “Ich musste zweimal fliehen. Diesmal und 2002. Damals verlor ich alles, was ich besaß. Im vergangenen Jahr machte ich mich am 10. Juli auf die Flucht. Bewaffnete Gruppen verlangten 5000 Pesos (1,5 Euro) pro Tag. Als wir nicht mehr zahlen konnten, fingen sie an, uns zu bedrohen.”

In Putumayo beantragte Lucia die Anerkennung als Vertriebene, um vom Staat Unterstützung zu erhalten. Das Verfahren dauert offiziell drei Monate. In dieser Zeit gibt es Hilfe von internationalen Organisationen.

Wir begleiteten Lucia bei ihrem letzten Treffen mit “Action Against Hunger (Aktion gegen Hunger)”. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation sorgen dafür, dass sich die Familien das Notwendigste kaufen können: Hygieneartikel, Wasserfilter und vor allem Lebensmittel.

Veronica Nayive Tejada Rodrguez, “Action Against Hunger”: “Jede Familie erhält 100 tausend Pesos pro Mitglied. Das entspricht 30 Euro pro Monat. Hygieneartikel werden mit der einmaligen Verteilung eines Sets im Wert von 18 Euro für die gesamte Familie abgedeckt.”

Dies ist Lucias letzter Einkauf mithilfe der Organisation. Fünf Monate sind seit ihrem Antrag auf Anerkennung als Vertriebene vergangen. Manche Familien warten bis zu einem Jahr auf ihre Registrierung, mitunter vergebens.

Lucia: “Wenn diese Hilfe zu Ende geht, müssen wir uns wieder mit Reis und ein bisschen Suppe zufrieden geben.”

Der Kampf um die Koka-Felder geht weiter

Lucia befindet sich in einem Gebiet; das als Hochburg der Farc Fraktion “Front 48” galt. Diese war vor allem für die Beschaffung von Geld durch Drogen zuständig. Der Friedensvertrag hat die Guerilla vertrieben, andere Kräfte stoßen in die Lücke. Die an der Humanitärhilfe beteiligte EU beobachtet die Situation genau.

Hilaire Avril, EU Humanitarian Aid: “Im Land gibt es immer noch eine Reihe bewaffneter Gruppen, die nicht nur das Friedensabkommen nicht unterzeichnet haben, sondern sich in einem immer stärkeren Konkurrenzkampf um neue Machtgebiete befinden. Dies hat Konsequenzen, vor allem für die ländliche Bevölkerung, die gewaltsam vertrieben wird.”

Wir reisen ins Hinterland, um zu anzusehen, wie mit Lebensmittel- und Agrarprojekten gegen die Landvertreibung gekämpft wird. In diesen Gegenden wird immer noch massiv Koka angebaut – und ebenso radikal umkämpft.

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Die Auswirkungen des Konflikts sind in urbanen Gebieten offensichtlicher. Aber auch ländliche Regionen sind stark betroffen, wir der Stamm der Cofán-Indianer. Sie leben seit Jahren zwischen den Fronten. Viele Menschen wurden getötet; noch mehr vertrieben.

Die durch die Kämpfe auferlegte Isolierung hat ihre Selbstständigkeit stark eingeschränkt. Sie leiden außerdem unter den Auswirkungen der flächendeckenden Pflanzengifteinsätze, mit denen Bogota jahrelang den Koka-Anbau aus der Luft bekämpfte.

Diomedes Lusitante, Cofán-Vertreter: “Die Sprüheinsätze gegen die Koka-Produktion begannen 2005 und gingen bis 2013. Sie betrafen nicht nur illegale Anbaugebiete, sondern auch unsere Felder. Hier gibt es keine Geschäftsmöglichkeiten, keine Garantien. Es gibt nur diesen Knochenjob. Als indigene Bauern fordern wir die Umwandlung aller Koka-Felder.”

Mehr Autonomie Dank Agrarprojekt

Die Welternährungsorganisation FAO begleitet ein im vergangenen Jahr in dieser Gemeinde durchgeführtes Projekt. Den Anwohnern wurde Saatgut zugeteilt, um den Anbau wiederzubeleben, außerdem wurden sie landwirtschaftlich geschult. Die ersten Ergebnisse sind ermutigend.

Henry Solarte, FAO: “Sie führen die von der FAO gelernten Praktiken fort, aber in Eigenregie. Sie suchen sich ihre Anbaukulturen aus und wenden die Praktiken im gemeinsamen Obst- und Gemüsegarten an. Dasselbe tun sie in ihren Privatgärten.”

Viele ländliche Gebiete leiden nach wie vor unter der Abgeschiedenheit. Nahrungsmangel ist eine der Hauptkonsequenzen. 2009 wurden über 30 indigene Stämme als vom Aussterben bedroht eingestuft – in Folge des Konflikts.

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