Eilmeldung

Sie lesen gerade:

Neue Zielgruppe? Der IS sendet jetzt auf Persisch


Iran

Neue Zielgruppe? Der IS sendet jetzt auf Persisch

Der sogenannte Islamische Staat hat sich in einer Videonachricht an den Iran gewandt. Darin kritisiert der IS die relative Freiheit, die Juden in dem Land besitzen.

Die Nachricht ist ungewöhnlich, vor allem, weil die Aussendung in Persisch erfolgt ist. Der IS, der seine Nachrichten sonst auf Arabisch verbreitet, hat sehr bewusst diesen Kanal gewählt, um die Grundsätze der iranischen Politik anzugreifen.

In dem Video erklären drei Mitglieder der sunnitischen Glaubensgemeinschaft ihre Sicht auf die Jahrtausende alte Geschichte des Iran. Sie kritisieren den Einfluss, den der schiitisch dominierte Iran in der Region nimmt. Irak, Jemen, das sind die Schauplätze, aus denen sich der Iran nach Auffassung des IS offenbar lieber heraushalten sollte.

Besondere Kritik erntet der Iran auch dafür, dass Juden dort relativ unbehelligt leben können. Tatsächlich erkennt die sonst sehr strenge und religiös beeinflusste Gesetzgebung des Landes beispielsweise das Christentum und das Judentum offiziell an.

Das Judentum, Staatsreligion des je nach Auslegung Erzfeindes oder Bashing-Partners Israel – gerade in dessen Akzeptanz, so argumentieren die Dschihadisten in dem Video, liege ein Widerspruch, der auf eine jüdische Verschwörung hindeute. Von einer Reflexion darüber, dass der Streit zwischen Staaten und die Religionszugehörigkeit von Personen im Iran zwei völlig voneinander getrennte Angelegenheiten sein können, keine Spur.

Dabei hat das Judentum (und dessen Verfolgung) im Iran eine Jahrtausende lange Geschichte, räumlich wie zeitlich weit weg von Israel, dem vielgehassten Staat, der in seiner heutigen Form ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist.

Gute Beziehungen zu Israel

So geht das bis heute zelebrierte jüdische Purim-Fest auf eine Begebenheit im Persischen Reich zurück. Die Juden in Persien entgingen der Erzählung zufolge nur knapp der Ermordung durch die Regierung. Verantwortlich für die Rettung: die persische Königin Ester.

Selbst zu Israel waren die Beziehungen des Iran zeitweise gut. Mitte des 20. Jahrhunderts stand Schah Mohammad Reza Pahlavi an der Spitze des Staates; eine nichtreligiöse, modernistische Herrschaft inmitten des Nahen Ostens. Iran war ein Außenseiter, ebenso der junge Staat Israel. Das änderte sich mit der Islamischen Revolution 1979, bei der die fundamentalistische Religion über die brüchige, laizistische Traumwelt der Pahlavis siegte.

Hunderttausende Juden verließen den Iran. Sie flohen aus Angst vor Verfolgung, weil sie als Spione des neuen Erzfeindes Israel angesehen wurden. Und dennoch leben bis heute Juden im Iran, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Sie besuchen Synagogen und unterhalten kulturelle Einrichtungen – in Einklang mit den Gesetzen der Islamischen Republik.

Was bleibt also von der Nachricht des IS, der seine Behauptungen mit Enthauptungen mutmaßlicher schiitischer Gläubiger untermalt? Vielleicht ist es das Bewusstsein, dass in einer Region, die von Gewalt gegen Andersdenkende geprägt ist, ausgerechnet der vielgescholtene Iran ein vergleichsweise freier und sicherer Ort für die jüdische Bevölkerung ist.

Weitere Informationen

So leben die Juden im Iran