Eilmeldung

Kampf gegen Radikalisierung, während der Haft und danach

Die jüngsten Terroranschläge in Großbritannien und Europa haben die Aufmerksamkeit erneut auf die Radikalisierung in Gefängnissen gerichtet, die meisten Attentäter hatten bereits Haftstrafen verbüßt.

Sie lesen gerade:

Kampf gegen Radikalisierung, während der Haft und danach

Schriftgrösse Aa Aa

*Die jüngste Anschlagswelle in Großbritannien und Europa hat die Aufmerksamkeit erneut auf die Radikalisierung in den Gefängnissen gerichtet. Die meisten Attentäter hatten bereits Haftstrafen verbüßt.
Ist die Radikalisierung auf dem Vormarsch? Und was passiert mit Inhaftierten, wenn sie wieder herauskommen und versuchen, sich in die Gesellschaft zu integrieren? euronews-Reporterin Valerie Zabriskie sprach in London mit Vertretern der Organisation The Unity Initiative, die sich um die Deradikalisierung ehemaliger Häftlinge bemüht.*

Usman Raja ist Kampfsport-Coach. Heute trainiert er einen potenziellen Leichtgewicht-Champion. Aber seit acht Jahren führt er noch einen ganz anderen Kampf. Er arbeitet mit verurteilten Terroristen – im Gefängnis und außerhalb. 2009 gründete er die Organisation The Unity Initiative und hat seitdem ein Dutzend verurteilter Terroristen und islamistischer Extremisten deradikalisiert. Ein Teil der Arbeit fand im Boxring statt.

Usman Raja: “Es ist ein Kampf. Wenn man sich im Strafvollzug befindet, wie diese Männer, muss man sich in dieser Arena mit Gewalt beweisen. Wir sprechen von einem Umfeld, in dem Menschen während des Freitaggebets niedergestochen werden. Sprichwörtlich. Wenn diese Männer hierherkommen, kann ich diese Aggressivität und diesen Überlebensinstinkt, den sie im Gefängnis entwickelt haben, isolieren und abbauen, aber auch das Bild, das sie von sich selbst haben aus einer gesunden Perspektive hinterfragen!”

Usmans Methode hat Erfolg. Doch die jüngste Anschlagswelle in Großbritannien und Europa hat die Aufmerksamkeit erneut auf die Radikalisierung in den Gefängnissen gerichtet. Die meisten Attentäter hatten bereits Haftstrafen verbüßt.

Ist die Radikalisierung in Gefängnissen auf dem Vormarsch?

Schätzungsweise 130 verurteilte Terroristen sitzen derzeit in Großbritannien in Haft. Und die Zahl der Verurteilten, die nach Ende ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß sind, steigt. Die britischen Sicherheitsbehörden befürchten weitere Terroranschläge, wie den vor dem Westminster Palast am vergangenen 22. März.

Usman arbeitet unter anderem mit einer Moschee im Osten Londons zusammen. Er hilft der Gemeinde, Mitglieder, die für extremistische Ideologien empfänglich scheinen, zu identifizieren und denen, die Hilfe suchen, entgegenzukommen.

Er arbeitet auch mit Polizisten, Imamen und ehemaligen Inhaftierten, denen er bei der Deradikalisierung geholfen hat, wie Jordan Horner. Zwei Mal saß er wegen der Beteiligung an der selbst ernannten islamischen Bürgerwehr “Muslim Patrol” in Haft.

Jordan Horner: “Sobald Sie das Gefängnis betreten, sind Sie bereits für bestimmte Taten und Situationen bekannt. Ich war nicht in dem Sinne gefährdet, dass andere versuchten, mich zu radikalisieren. Es war genau das Gegenteil. Man hatte Angst, dass ich versuchen würde, andere zu radikalisieren. Ab meiner Verurteilung wurde ich unzählige Male verlegt, in Einzelhaft gesteckt, in andere Abteilungen an unterschiedlichen Orten in ganz Großbritannien geschickt. Bis ich schließlich in Belmarsh, einem Hochsicherheitsgefängnis landete. Und um ehrlich zu sein, hat all das meine Ideologie nur untermauert. Es änderte nichts.”

Wie verändert man eine Ideologie, die jemanden wie Jordan dazu brachte, sich der “Muslim Patrol” anzuschließen und Videos über deren brutale Aktionen im Internet zu veröffentlichen (was zu zwei Jahren Haftstrafe wegen Körperverletzung und Gewalt führte) ?

Gegen die Aggressivität: Gespräche und Kampfsport

Nach seiner ersten Entlassung riet ihm sein Bewährungshelfer, Kontakt zu Usman Raja aufzunehmen. Jordan sagt, Usman half ihm, mit der Wut, die zu seiner Radikalisierung geführt hatte, umzugehen. Usman brachte ihn auch zum Kampfsport.

Jordan Horner: “Als ich mich erstmals dem Islam zuwandte, spürte ich vor allem ein großes Gefühl der Brüderlichkeit. Und bestimmte Leute wussten das auszunutzen. Sie nahmen Bezug zur Politik, zum internationalen politischen Geschehen und benutzen religiöse Worte, um den Hass auf die anderen in mir einzupflanzen. Erst, als ich Zeit hatte, darüber nachzudenken und zu analysieren, was ich getan hatte und mich Usman dazu anregte, mir meine Familie in diesen Situationen vorzustellen und die religiösen Argumente zu überdenken, stellte sich die Frage: Rechtfertigt das der Islam?”

Usman Raja: “Menschen, die sich dem IS anschließen oder dem Extremismus verfallen, sind Menschen, die sich zunächst um andere sorgen. Aber wenn diese Sorge genommen und in eine Gussform des Hasses gefüllt wird, wird das zu einem Problem, wenn Hass entsteht, dieses Gefühl: ‘Wenn sie einen von uns getötet haben, können wir einen von ihnen töten’. Die traditionelle islamische Sichtweise besagt jedoch, wenn ein Teil der Menschheit leidet, leidet die gesamte Menschheit.”

Der Kampf gegen Radikalisierung und Islamfeindlichkeit

Extremismus kennt keine Geschlechtergrenzen. Usmans Frau Angela weiß das nur zu gut. Sie arbeitet mit verurteilten Terroristinnen – während der Haft und danach. Und sie bereitet in Fortbildungen Gemeindemitglieder auf den Umgang mit entlassenen Verurteilten vor. Was bewegt die Ärztin und vierfache Mutter dazu, diese anstrengende und zeitaufwendige Arbeit auf sich zu nehmen? Es war ein Schlüsselerlebnis, sagt sie, unmittelbar nach den Pariser Anschlägen im November 2015.

Angela Misra: “Ich war einkaufen in einem Geschäft mit meinen zwei kleinen Töchtern kurz nach den Anschlägen in Frankreich. Meine Tochter, die damals drei oder vier Jahre alt war, grüßte einen Mann, der an uns vorbeiging. Und der sagte: ‘Wage es nicht, mich zu grüßen, muslimischer Abschaum!’ ‘Wie bitte, was haben Sie gerade gesagt?’ Und er wiederholte: ‘Ich habe gesagt, sprich nicht mit mir, muslimischer Abschaum!’ Ich war total schockiert. Und er fügt hinzu: ‘Sieh, was Deine Leute in Paris gemacht haben.’ Genau diese islamfeindliche Reaktion bestärkt die dschihadistische Rhetorik, das Argument extremistischer Muslime: ‘Siehst Du, sie sind gegen Dich’.”

Auch wenn die Zahl islamischer Extremisten in Großbritannien gering ist, bekommt die muslimische Gemeinde ablehnende Reaktionen seit den Anschlägen stark zu spüren.

Gegen den Anstieg der Islamfeindlichkeit und für die Resozialisierung ehemaliger Extremisten in die Gesellschaft kämpft auch Ashfaq Siddique. Der ehemalige Polizeibeamte und ehrenamtliche Helfer war unter anderem an einem Bericht über Korruption im britischen Strafvollzug beteiligt. Er warnt vor der Gefahr einer systematischen Aufteilung der Inhaftierten.

Ashfaq Siddique: “Im Gefängnissystem gibt es unterschiedliche Gruppen. Es gibt muslimische Gangs, und es gibt christliche Gangs. Wenn es uns nicht gelingt, diesen Kampf in den Gefängnissen zu gewinnen, wird sich das immer mehr verstärken. Denn derzeit befinden sich alle Muslime im selben Bereich, auch die, die wegen Radikalisierung oder entsprechender Taten inhaftiert sind. Und manche dieser radikalisierten Inhaftierten sind äußerst charismatische, schlaue und raffinierte Typen. Sie wissen, wie man auf den richtigen Knopf drückt, geschwächte und anfällige Individuen anspricht, die Schutz und Hilfe brauchen – und die nichts anderes in ihrem Leben haben.”

Gegen diese Radikalisierung und Extremismus kämpft Usman Raja – im Kampfkäfig und im wirklichen Leben.