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Gehen oder Bleiben? EU-Ausländer in Großbritannien

Können sie bleiben - und unter welchen Bedingungen? Werden manchen britischen Unternehmen die Arbeitskräfte ausgehen? Zentrale Fragen bei der Umsetzung des Brexits.

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Gehen oder Bleiben? EU-Ausländer in Großbritannien

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Die Zukunft der EU-Ausländer, die in Großbritannien leben und der Briten, die sich auf dem europäischen Kontinent niedergelassen haben, ist einer der Knackpunkte bei den Verhandlungen über den Brexit. Premierministerin May hat zwar weitreichende Bleiberechte angeboten, doch noch ist nichts besiegelt. Wie ist die Gemütslage bei den Betroffenen in Großbritannien? Und wie sieht es in der britischen Wirtschaft aus, die zum Teil auf diese Arbeitnehmer angewiesen ist? Wir hörten uns in London um.

Meinung

Ich fühle mich so unsicher, wie es in Zukunft weitergeht. Ich wüsste gern mehr, damit ich planen kann. Denn zur Zeit kann ich überhaupt nichts in meinem Leben planen!

Joana Ferreira EU-Expat in Großbritannien


Joana Ferreira ist Zahnärztin, stammt aus Portugal und lebt seit gut viereinhalb Jahren im Vereinigten Königreich. Die Arbeit in einer privaten Praxis im Londoner Umland macht ihr Spaß. Sie und ihr Mann möchten ihre Tochter in Großbritannien aufziehen. Wir trafen sie, kurz bevor Theresa May Bleiberechte für EU-Bürger nach dem Brexit anbot. Da machte die Portugiesin aus ihrem Herzen keine Mördergrube: “Ich mache mir Sorgen, wie die Lebensbedingungen dann sind: Kann ich weiter arbeiten? Werde ich ein normales Gehalt wie jeder andere bekommen? Werde ich ausgewiesen? Ich habe gerade erst ein Haus gekauft, genau vorm Brexit-Votum, jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll. Selbst wenn ich nach Portugal zurückwollte, wüsste ich nicht genau, was ich tun sollte, denn jetzt sinken die Preise für Häuser. Selbst wenn ich mein Haus jetzt verkaufte, würde ich wohl einen Verlust machen. Ich fühle mich so unsicher, wie es in Zukunft weitergeht. Ich wüsste gern mehr, damit ich planen kann. Denn zur Zeit kann ich überhaupt nichts in meinem Leben planen!”



Die Befürchtungen ihrer Arzthelferin Alexandra aus Rumänien gingen sogar noch weiter: “Ich lebe auch seit viereinhalb Jahren in Großbritannien. Ich will hier bleiben, aber gleichzeitig habe ich Angst. Denn ich weiß ja nicht, was morgen sein wird. Man kann bloß aus einem simplen Urlaub zurückkommen, und dann sagen sie dir vielleicht, dass du nicht mehr reindarfst. Man hat kein Visum, man kann nicht beweisen, dass man sich hier etwas aufgebaut hat, und sie könnten einen nicht mehr zurückkommen lassen.”



Dieses Schreckensszenario dürfte nach den Vorschlägen von Theresa May nicht eintreten. Aber noch ist nichts ausgehandelt und schwarz auf weiß festgeschrieben. Der Arbeitgeberin der beiden Frauen macht der Brexit ebenfalls Kopfzerbrechen. Über die Hälfte des Personals der vier Zahnarztpraxen, die Smita Mehra leitet, stammt aus der EU: “Wir waren sehr privilegiert, denn es gab keine Hindernisse für die Rekrutierung und im Arbeitsrecht und bei den Arbeitsbedingungen. Wenn das sich ändern sollte, brächte das ganz schön viel Ungewissheit – ich bete, dass sich nichts ändert!”


Kein Brite will mehr Maurer oder Elektriker sein


Viele Branchen in Großbritannien sind derzeit auf Arbeitskräfte aus dem Rest Europas angewiesen. Allein die Baubranche fürchtet, 100.000 bis 200.000 qualifizierte und nicht qualifizierte Arbeitnehmer zu verlieren, je nachdem, wie hart oder weich der Brexit ausfällt.



Azad Azam führt ein mittelständisches Bauunternehmen. Ein Drittel seiner Mitarbeiter stammt aus Osteuropa, so auch Florin aus Rumänien: “Wir haben ihm eine Stelle angeboten, er arbeitet ausgezeichnet und ist unglaublich geschickt. Deshalb habe ich ihm einen Dreijahres-Vertrag angeboten. Er hat noch Familie in Rumänien, seine Frau, sein Kind, und wollte sich hier eine neue Heimat aufbauen. Leider bringen nun die Ungewissheiten in Folge des Brexit viele Probleme für ihn, wir wissen nicht, ob er bleiben kann, noch nicht mal er selbst weiß das.” Florin fügt hinzu: “Das ist ein Problem. Nach dem Brexit, ich weiß nicht genau wann – aber dann heißt’s EXIT!”

Azad stöhnt: “Die Auswirkungen sind nun, dass wir unser Personal nicht wie gewünscht aufstocken können. Schreibt man in der britischen Presse eine Stelle aus, bekommt man keine Antwort. Niemand möchte heute noch als Elektriker arbeiten, Schreiner sein oder als Maurer arbeiten wie Florin.”

Das Auftragsbuch ist voll. Doch Azad klagt, dass der Brexit sein Unternehmen, das er mit seiner Frau führt, in Gefahr bringe. Weil sie keine Leute finden, haben sie gerade einen Bauauftrag für Luxusimmobilien in Höhe von über zwei Millionen Pfund abgelehnt – einen der größten seiner Laufbahn. Hinzu kommt die Sorge vor der Wiedereinführung von Zöllen: “In der Bauindustrie verwendet man viel Material, das aus Europa kommt. Wenn wir nicht die Handelsabkommen bekommen, die die britische Regierung zu erzielen versucht, dann wird all dieses Material teurer werden. Dann werden wir unsere Projekte nicht mehr zu den Preisen wie früher ausführen können, alles wird teurer werden.”


Trübe Prognosen für 2018 und später


Die Unsicherheit, die mit den Verhandlungen über den Brexit einhergeht, schlägt sich schon auf die wirtschaftlichen Prognosen nieder. Die Bank von England fürchtet, dass die von jetzt bis 2019 vorgesehen Investitionen im Land um 25 Prozent sinken könnten.
Der Verband der britischen Industrie rechnet mit abflauendem Wachstum und steigender Inflation bis 2018. Das britische Pfund hat sich seit dem Referendum über den Brexit nicht mehr erholt. Für den Export von Vorteil, aber ein harter Schlag für die Importeure.

Tom Lowe hat vor vier Jahren mit seinem Bruder in der Londoner Peripherie eine Brauerei gegründet. Sie importieren einen großen Teil der Ausgangsprodukte – wie Hopfen – und ihrer Ausrüstung aus den Vereinigten Staaten und Europa: “Unsere Bierfässer kommen aus Deutschland. Nach dem Brexit-Votum stieg ihr Preis über Nacht von sechzig Pfund auf siebzig pro Fass, zehn Pfund mehr. Damals waren 2.500 Fässer zu uns auf dem Weg – da können Sie sich ausrechnen, was das heißt…”



Der Bierbrauer lässt sich davon nicht umhauen – er will mit Wachstum die höheren Kosten ausgleichen: “Ich denke, als Kleinbetrieb sind wir flink und agil genug, um aus dem, was uns beschert wird, etwas machen zu können. Wir haben in ein neues Brauhaus investiert, das uns mit maßgeblichen Einsparungen helfen wird. Unser Hauptantrieb ist zurzeit, so effizient wie möglich zu sein und zu versuchen, alles daran zu setzen, dass wir die Preise für unsere Kunden nicht zu sehr erhöhen müssen.”


Wir trinken weiter!


Lohnt es sich weiterhin, in Großbritannien mit dem Brexit Bier zu brauen? Klar, bekräftigt Tom: “Die Leute trinken weiter, auch in unsicheren Zeiten, bei wirtschaftlichem Niedergang oder was auch immer am Horizont auftaucht. Wir müssen also das Volk sattmachen, oder besser seinen Durst löschen. Wir freuen uns darauf, den Bedarf der Leute zu decken, egal, was passiert nach dem Brexit-Rätsel, wie wir es nennen!”