Eilmeldung

Sie lesen gerade:

¿Qué pasa, Colombia? Präsident Santos im Gespräch


the global conversation

¿Qué pasa, Colombia? Präsident Santos im Gespräch

Nach mehr als einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg, nach 200.000 Toten und rund sieben Millionen Vertriebenen scheint ein historischer Friedensvertrag diesen Konflikt zu beenden. Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, auch als FARC bekannt und die grösste der Rebellengruppen mit rund 7.000 Kämpfern hat ihre Waffen unter Aufsicht der UN abgegeben. Dafür hat Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis bekommen. Isabelle Kumar hat ihn in Paris getroffen.

euronews:
“Es gibt gute Nachrichten aus Kolumbien – die Tinte unter dem Friedensabkommen ist trocken und die Umsetzung läuft. Nach Plan?”

Juan Manuel Santos:
“Etwas sehr Wichtiges ist passiert: 100 Prozent der Waffen der FARC sind den Vereinten Nationen übergeben. Das ist wirklich das Ende der FARC: Es gab eine Gruppe, die bewaffnet war – und jetzt keine Waffen mehr hat. Aus einer Guerilla-Gruppe wurde eine politische Partei und sie wurde legal – und darum geht es doch bei Friedensverhandlungen.”

euronews:
“Wie können Sie sicher sein, dass wirklich alle Waffen abgegeben wurden ?”

Juan Manuel Santos:_
“Niemand kann wissen, ob es 100 Prozent sind oder nicht, aber jedes Mitglied der Guerilla-Gruppe hat sich registriert. Sie mussten eine Zusicherung unterzeichnen, dass sie niemals wieder Waffen benutzen (werden), jede Waffe ist registriert. Es ist ein sehr ernster Vorgang. Wenn man den Prozess hier mit der FARC mit anderen Friedensprozessen auf der ganzen Welt vergleicht, so ist dies wahrscheinlich der ernsthafteste, was die Kontrolle der Waffenabgabe betrifft.”

euronews:
“Aber ihre Kritiker werden sagen, dass Sie zu nachsichtig mit der FARC waren, um diesen Deal zu bekommen, um die Entwaffnung zu erreichen?”

Juan Manuel Santos:
“Meine Kritiker wollten die FARC einfach nur mit militärischen Mitteln vernichten. Das hätte den Krieg um 30 bis 40 Jahre verlängert. Oder sie verlangten von mir, dass ich sie für 40 Jahre ins Gefängnis stecke. Wenn man ihnen mit 40 Jahren Gefängnis gedroht hätte, niemals hätten sie die Waffen abgegeben. In einem Friedensprozess ist es ein schmaler Grat zwischen Frieden und Gerechtigkeit.”


Juan Manuel Santos

  • Zweite – und letzte – Amtszeit als Kolumbiens Präsident
  • Santos erhielt 2016 den Friedensnobelpreis
  • Er unterzeichnete 2016 ein Friedensabkommen mit den Rebellen der FARC
  • Er entstammt einer politisch einflussreichen Familie in Kolumbien

euronews:
“Aber ist es nicht paradox, dass die Welt diesen Friedensprozess und die Art und Weise, wie er umgesetzt wird, anerkennt. Und zu Hause sind ihre Beliebtheitswerte extrem niedrig. Wie erklären Sie sich das?”

Juan Manuel Santos:
“Krieg führen ist sehr einfach – und sehr beliebt. Ich war Verteidigungsminister und in dieser Funktion sehr, sehr effektiv – deshalb wurde ich zum Präsidenten gewählt. Frieden zu schließen bedeutet aber, dass Sie sich mit Ihren Feinden hinsetzen und beginnen, Kompromisse auszuhandeln, um Frieden zu erreichen. Die Leute mögen die FARC nicht. Sie haben alle möglichen Gräueltaten in den vergangenen 50 Jahren verübt. Jetzt die Person, die militärisch so erfolgreich gegen sie war, mit ihnen an einem Tisch zu sehen und zu sehen, wie sie dann auch noch Zugeständnisse macht, das ist nicht sehr angesehen oder gar akzeptiert. Aber ich sage Ihnen, Frieden ist sehr viel besser als Krieg, und Kolumbien wird nach diesem Friedensabkommen blühen wie nie zuvor.”

euronews:
“Das sagen Sie, aber im nächsten Jahr stehen Wahlen an, bei denen Sie nicht kandidieren können. Und es gibt Mitglieder der Opposition, die sehr interessiert daran sind, diesen Deal aufzukündigen. Sind Sie sicher, dass der Friedensprozess nach ihrer Amtszeit weitergeht?”

Juan Manuel Santos:
“Der Frieden ist bereits jetzt unumkehrbar. Wer auch immer die Wahl gewinnt, es führt kein Weg zurück. Zu denken, dass die FARC wieder bewaffnet sein könnte und in die Berge zurückkehrt und weiter schießt….

euronews:
“Aber man ärgert sich darüber, dass die FARC beispielsweise Positionen in der Regierung erhalten soll. Das könnte möglicherweise zurückgenommen werden.”

Juan Manuel Santos:
“Die aktuelle Verfassung erlaubt der FARC, Mitglieder des Parlaments zu werden. Aber das gehört überall auf der Welt zu einem Friedensabkommen. Wenn Sie sich anschauen, was wir in Kolumbien im Vergleich mit anderen Friedensprozessen machen, ist das ein sehr ernsthafter Prozess, in dem erstmals in der Weltgeschichte in einem bewaffneten Konflikt eine Guerilla-Gruppe ihre Waffen abgibt und akzeptiert, gerichtet und verurteilt zu werden. Das ist noch nie passiert. Es wird keine Straflosigkeit geben.”

euronews:
“Obwohl Sie sagen, dass es ein kolumbianischer Friedensprozess ist, müssen Sie sich auf die Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft verlassen. Sie haben vor kurzem Donald Trump im Weißen Haus getroffen – wie beurteilen Sie seine Unterstützung für den Friedensprozess?”

Juan Manuel Santos:
“Er war sehr eindeutig in der Pressekonferenz und unseren Gesprächen.”

euronews:
“Er hat den Friedensprozess in der Pressekonferenz nicht erwähnt.”

Juan Manuel Santos:
“Er sicherte Kolumbien Unterstützung zu. Es gibt Unterstützung im Kongress. Die Republikaner stimmten für eine Erhöhung der Unterstützung für die Zeit nach dem Konflikts, klarer könnten ihre Absichten nicht sein. Glücklicherweise hatten wir mit beiden Parteien sehr gute Beziehungen, sowohl mit den Demokraten als auch mit den Republikanern und was ich bei meinem letzten Besuch in Washington getan habe, war, diese Beziehung zu stärken.”

euronews:
“Sie arbeiten mit den Vereinigten Staaten im Kampf gegen Drogen zusammen. Das schien Donald Trumps Aufmerksamkeit mehr zu erregen als das Friedensabkommen. Er war ziemlich kategorisch in seinem Ansatz im Kampf gegen Drogen: “Mauern funktionieren”. Stimmen Sie mit ihm überein?”

Juan Manuel Santos:
“Drogenhandel ist ein Netzwerk und wir müssen jedes Glied dieser Kette mit den entsprechenden Methoden bekämpfen. Wir müssen sehr sehr hart gegen die Zwischenhändler vorgehen, gegen die, die Gewinne machen – und weniger hart gegen die Bauern oder die Konsumenten hier in Europa, oder in den USA. Auch die sind Teil des Problems. Es gibt eine Mitverantwortung – auch die Vereinigten Staaten und Europa tragen Verantwortung, und was Kolumbien zu erreichen versucht, ist ein effektiverer und pragmatischer Ansatz für den Krieg gegen Drogen.

euronews:
“Ist Mauern bauen Teil dieses Pragmatismus?”

Juan Manuel Santos:
Wenn man eine Mauer baut, finden die Drogen trotzdem einen Weg. Was Sie brauchen, ist ein pragmatischer Ansatz, um effektiver zu werden. Die besten Mauern, die man bauen kann, ist die wirtschaftliche Entwicklung in Mittelamerika, in Südamerika, um Menschen den Anreiz zu nehmen, in den Norden, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa zu gehen. Die beste Mauer ist die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern.”

euronews:
“Wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung geht, ist der Kokainhandel ein Problem für Kolumbien – Kolumbien ist der weltgrößte Exporteur… “

_Juan Manuel Santos:
“Das sind wir tatsächlich immer noch – und die Vereinigten Staaten und Europa sind noch immer noch die größten Importeure.”

euronews:
“Sie arbeiten in diesem Bereich zusammen?”

_Juan Manuel Santos:
“Wir arbeiten Hand in Hand mit den Vereinigten Staaten, mit Europa. Das ist ein globales Problem, das weltweit bekämpft werden muss. Ein Land kann den Krieg gegen Drogen nicht gewinnen, zwei Länder können den Krieg gegen Drogen nicht gewinnen. Es muss einen multilateralen Ansatz geben und das ist es, was wir in Kolumbien versuchen, um jedes Glied in der Kette des Drogenhandels zu bekämpfen.”

euronews
“Die EU hat fast 95 Millionen Euro für den Frieden zugesagt – wie wollen sie das Geld verwenden?”

_Juan Manuel Santos:
“Für viele Dinge – zum Minen räumen zum Beispiel. Nach Afghanistan sind wir das Land mit den meisten Minen der Welt, wir müssen unsere Minen räumen. Wir müssen den Bauern und den Menschen, die in den Konfliktgebieten leben, eine Alternative bieten, Straßen bauen, Schulen bauen, Krankenhäuser bauen. Wir müssen die Mitglieder der Guerilla wiedereingliedern, damit sie wieder normale Bürger werden – der Prozess nach dem Konflikt ist eine große Herausforderung.”

euronews
“Das war offensichtlich kein sehr einfacher Weg zu diesem Abkommen – welche Vorbilder hatten Sie, als Sie für dieses Abkommen geworben haben – und – was sind Ihre Stärken, aber auch Ihre Schwächen?”

_Juan Manuel Santos:
“Ich als Mensch habe viele Schwächen. Ich bin vielleicht manchmal ungeduldig, vielleicht manchmal reizbar, weil dies passiert oder jenes nicht passiert… Dieser Friedensprozess war sehr schwierig, kein Friedensprozess ist einfach. Wir haben uns viele angeschaut und von jedem übernommen, was man auf Kolumbien übertragen konnte – Irland und die IRA, Südafrika, der salvadorianische Friedensprozess, Sri Lanka… Und ich hatte eine Gruppe von sehr guten Beratern mit praktischen Erfahrungen, die mich von Anfang begleitet haben. Wenn man ein Ziel hat und man dieses Ziel erreichen will, muss man sich behaupten. Ich war in der Marine, dort habe ich segeln gelernt. Das Schicksal muss einem ein Ziel geben, und dann nutzt man die Winde, um diesen Schicksalsort zu erreichen – und das ist, was uns mit dem Friedensprozeß gelungen ist.”