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Für guten Deal mit der EU: Hat Marokko mehr Migranten nach Spanien gelassen?

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Für guten Deal mit der EU: Hat Marokko mehr Migranten nach Spanien gelassen?

Ließ Marokko für einen guten Deal mit der EU mehr Migranten nach Spanien?
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Marokko soll die Migrationskontrollen nach Europa als Druckmittel für wichtige Verhandlungen mit Brüssel gelockert haben.

Das Land, 14 Kilometer von Andalusien entfernt, steht wieder im Fokus, nachdem mehr Migranten per Boot in Spanien eintrafen.

Experten sagen, man könne zwar nicht sicher sein, doch sie vermuten, dass die Grenzkontrollen vor den Verhandlungen über ein Fischereiabkommen sowie den Schutz der EU-Außengrenze mit der EU gelockert wurden.

Die Überfahrt über das Mittelmeer nach Spanien kann tödlich sein - allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sollen 293 Migranten dabei ums Leben gekommen sein.

"Es ist schwierig, mit absoluter Sicherheit zu sagen, aber einige Beobachter denen ich vertraue, glauben, dass Marokko - wie in der Vergangenheit - bei den Verhandlungen über sehr sensible Themen wie das Fischereiabkommen oder EU-Hilfen die Steuerung der Migrationsströme ausnutzt", sagte Gonzalo Fanjul, ein Ermittler bei porCausa, einer Stiftung, die sich mit Migrationsfragen befasst.

"Je nach Umständen, halten die marokkanischen staatlichen Sicherheitskräfte ihre Hände entweder still oder sind sehr aktiv. Ein Hinweis für diese Theorie ist, dass unter den ankommenden Migranten viele Marokkaner sind. Diese Einwanderer werden nicht aus Libyen vertrieben".

Bevorzugte Migrantenrouten 2018

Brüssel kündigte im vergangenen Monat Hilfen für Marokko und Tunesien in Höhe von 55 Mio. € an. Sie sollen für die verbesserte Verwaltung der Seegrenzen, die Rettung von Menschenleben auf See und die Bekämpfung von Schmugglern, die in der Region tätig sind, eingesetzt werden.

Eine Sprecherin der Europäischen Kommission sagte, es deute nichts darauf hin, dass Marokko die Grenzkontrollen erleichtert habe. Das marokkanische Außenministerium reagierte nicht auf eine Anfrage von Euronews.

Die Zahlen zeigen, dass im Juni und Juli dieses Jahres mehr Migranten aus Nordafrika nach Spanien kamen als im gesamten Jahr 2016.

Auch die Zahl der Marokkaner, die die Reise antraten, stieg von 963 im Jahr 2016 auf 5.500 im vergangenen Jahr.

"Der seit einigen Jahren in Richtung Libyen gerichtete Strom, der seit Juli letzten Jahres stark zurückgegangen ist, könnte in Marokko immer noch leicht umleiten und Auswirkungen haben", sagte Frank McNamara, Policy Analyst am European Policy Centre (EPC).

"Es scheint jedoch, dass die Zunahme [der Migranten nach Spanien] in der Tat einfach auf eine Zunahme der Zahl in Marokko und ein gewisses Maß an "Politisierung" durch die Marokkaner zurückzuführen ist."

"Sie wissen offensichtlich, dass es im Moment Abkommen mit der EU gibt, genau wie der Rest Afrikas."

"Was wir wissen, ist, dass mehr Menschen durchkommen und dass es Marokko neben den Spaniern gelungen ist, den Fluss in der Vergangenheit zu kontrollieren."

"Migranten werden seit langem als Druckmittel in Verhandlungen zwischen einigen afrikanischen Staaten und ihren europäischen Kollegen eingesetzt. Es würde mich nicht überraschen, wenn ein Staat bei der Grenzkontrolle nachlässt, was dann zu zahlreiche Toden durch Ertrinken führen kann."

Wie Spanien zur meistgenutzten Migranten-Route wurde - Entwicklung seit 2015

Mohamed Daadaoui, Professor für Politikwissenschaft an der Oklahoma City University, bestätigte gegenüber Euronews die Vorwürfe der marokkanischen Erpressung. Diese Gerüchte stünden im Raum, doch benötigten sie mehr Kontext.

Der Anstieg der Migranten könnte eine Reaktion auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Dezember 2016 sein, so Daadaoui. Demnach sollten jegliche Handelsabkommen mit der EU nicht für die Westsahara - ein umstrittenes Gebiet - gelten, da es nicht als Teil Marokkos betrachtet wird.

"Ich denke aber auch, dass die marokkanische Jugend angesichts der schlechten sozioökonomischen Lage in Marokko nur allzu gerne das Risiko einer Überquerung eingeht."

"Ihre Aussichten auf Arbeitsplätze und wirtschaftliche Unabhängigkeit haben sich nicht verbessert, besonders im Norden des Landes."

Professor Daadaoui fügte hinzu, dass die Protestbewegung in der überwiegend berberischen Region Rif Ende 2016 "den Blick auf die Unfähigkeit des Staates, die vielfältigen sozioökonomischen Bedürfnisse der marokkanischen Jugend zu bewältigen, verschärft habe".

Andere hingegen glauben, dass die Zunahme der Migranten, die aus Marokko und Tunesien nach Spanien kommen, darauf zurückzuführen ist, dass die Routen über Libyen und Griechenland eingeschränkt werden.

"Für eine politische Hebelwirkung hat Marokko in der Vergangenheit die Grenzkontrollen gelockert, aber das scheint mir im Moment nicht der Fall zu sein, da das Land dabei ist, seine Beziehungen zu Europa und den anderen afrikanischen Ländern zu verbessern", sagte Francesca Fabbri, Expertin für Marokko vom EPC.

"Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die marokkanischen Wachen manchmal die Arme gekreuzt haben, aber nicht systematisch, um Europa unter Druck zu setzen, obwohl es schwierig zu bewesein ist".

"Die Zusammenarbeit zwischen den Behörden auf marokkanischer und spanischer Seite ist angeblich gut.

"Es ist auch gegen das marokkanische Interesse, die Botschaft zu verbreiten, dass es leicht ist, von dort nach Europa zu gelangen."