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Netflix-Mitgründer Mitch Lowe: Hat das Kino eine Zukunft?

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Netflix-Mitgründer Mitch Lowe: Hat das Kino eine Zukunft?
Copyright  euronews   -   Credit: Dubai
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Von 1984 bis 1998 leitete der US-Amerikaner Mitch Lowe das Unternehmen Video Droid, mit dem er Videos verlieh und sich auch daran versuchte, einen Verleihautomaten für Kassetten für sein Gewerbe zu nutzen. Kassetten spielten in der Filmwelt längst keine Rolle mehr, doch der Amerikaner schaffte den Absprung.

Lowe war Mitgründer des US-Unternehmens Netflix, das unter anderem Film und Serien im Internet anbietet. Er arbeitete bis 2003 für Netflix, war unter anderem für den Bereich wirtschaftliche Entwicklung zuständig. Später war er unter anderem für die Unternehmen McDonald's und Redbox tätig.

Im Juni 2016 stieg er beim in New York ansässigen Filmanbieter MoviePass als Gesellschafter und Geschäftsführer ein.

euronews:

„In diesem Interview spreche ich mit Mitch Lowe, einem der Gründungsmitglieder von Netflix. Er ist jemand, der so ziemlich seit dem Beginn der Video-Unterhaltungsbranche in erster Reihe steht. Wie haben Sie die Entwicklung der Videoverleihbranche im Laufe der Jahrzehnte verfolgt?"

Mitch Lowe:

„Es begann eigentlich - wenn man die Frühzeit des Kinos betrachtet - mit einer À-la-Carte-Verfahrensweise: Die Menschen mussten entscheiden, ob sie ins Kino gehen oder ob es sich lohnte, eine Videokassette oder DVD auszuleihen. Es hat sich zu einer Bestellverfahrensweise entwickelt, die viel Gutes hervorgebracht hat. Damit entfiel die schwere Entscheidung, ob es die Zeit und das Geld wert war, sich etwas anzuschauen und sich dem auszusetzen."

„Niemand konnte ahnen, dass aus Netflix mal eine Verbform entstehen würde"

euronews:

„Sie sind eines der Netflix-Gründungsmitglieder: Wie war das, ein Teil dieser Geschichte zu sein?"

Lowe:

„Wir hatte ja keine Ahnung, dass wir eines Tages ein solch bekannter Name sein würden. Niemand konnte ahnen, dass aus Netflix mal eine Verbform entstehen würde. Wir haben gewettet, welche Größe wir erreichen würden. Ich habe gesagt: Wenn wir 1,7 Millionen Kunden haben würden, wäre das großartig. Heute sind es hundertmal so viele. 180 Millionen und mehr."

euronews:

„Welchen Einfluss hatten Unternehmen wie Apple oder andere Dienste wie Starz Play hier im Nahen Osten oder Disney? Wie war das mit dem Wettbewerb und wie ist Netflix damit umgegangen?"

Lowe:

„Wir haben nie auf die Mitbewerber geblickt. Nur einmal haben wir eine Einschätzung der Mitbewerber vorgenommen. Das war, als Netflix auf den britischen Markt kam. Wir hörten, dass Amazon das auch vorhatte. Das war der Mitbewerber, der uns damals Angst bereitet hat. Wir haben den ganzen Vorgang dann abgeblasen."

euronews:

„Sie sind von Netflix zu Movie Pass gewechselt. Berichten Sie mir von diesem Schritt, denn damals hatten Sie Millionen von Kunden, aber es war eher ein Abo-Dienst für Kinos."

Lowe:

„Ja."

euronews:

„Dann ging etwas schief und die Zahl fiel auf rund 300 000 Kunden.“

Lowe:

„Stimmt. Ich dachte, wir könnten bei Kinos dasselbe machen wie bei Netflix, also die Grenzen des Ausprobierens und des Entdeckens einzureißen. Das wuchs dann zu stark. Innerhalb von drei Monaten wuchsen wir auf 3,3 Millionen zahlende Kunden, das waren einfach zu viele. Innerhalb von neun Monaten sind wir implodiert. Unsere Geldgeber haben gesagt: Schluss, aus. Ich hätte das Wachstum steuern müssen."

Ich hoffe, dass sich die Kinos wieder erholen und merken, dass sie sich entwickeln müssen
Mitch Lowe

euronews:

„Eine weitere große Herausforderung ist derzeit das Coronavirus. Das hat einen großen Einfluss, insbesondere auf Kinos. Wie, glauben Sie, wirkt sich das auf die Branche aus?

Lowe:

„Das ist kein langfristiger oder andauernder Einfluss. Ich hoffe, dass sich die Kinos wieder erholen und merken, dass sie sich entwickeln müssen. Movie Pass war ein Versuch, die Welt des Kinos durcheinanderzuwirbeln, um zu verdeutlichen, dass die Kundschaft mehr als Filme braucht. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer geringer. Wir wollen nicht in ein Lichtspielhaus gehen, zwei Stunden in der Finsternis sitzen und einen Film gucken. Warum gibt es nicht Marathon-Donnerstage, an denen man sechs Stunden lang alle Folgen von Stranger Things angucken kann?"

euronews:

„Aber kann das Kino finanziell und wirtschaftlich überleben? Die romantische Vorstellung eines Kinobesuchs ist schön und gut, aber wie halten sich die Kinos finanziell über Wasser?"

Lowe:

„Ich glaube, sie müssen erfinderisch sein. Man muss anerkennen, dass alles darauf hinausläuft, dass die Menschen ausgehen und sich in großen Gruppen bewegen wollen. Nehmen wir an, es gebe einen Impfstoff. Aber sie wollen nicht nur zwei Stunden lang einen Film gucken. Warum keine Sportveranstaltungen? Warum keine Veranstaltungen mit Videospielen?"

euronews:

„Wo siedeln Sie den Nahen Osten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Dubai im Besonderen innerhalb dieser Branche an? Wie wichtig ist dieser Wirtschaftszweig hier?"

Lowe:

„Eine der tollsten Errungenschaften, die ich an Diensten wie Netflix sehe, ist die gegenseitige inhaltliche Befruchtung. Der Jugend und den einfallsreichen Medienschaffenden im Nahen Osten sei Dank gibt es die Möglichkeit, einen großen Wirtschaftszweig zu schaffen - mit interessanten Fernsehsendungen und Filmen, die überall ankommen. Alles geht darauf zurück, den Kreativen zu gestatten, Inhalte zu erschaffen und diese weiterzuverbreiten."

Für Gründungskapital aus dem Flugzeug springen

euronews:

„Dass Sie in Dubai sind, hat einen interessanten Grund. Erzählen Sie mir von dem Fallschirmsprung-Wettbewerb und wie Sie dazu kamen?"

Lowe:

„Das ist eine Veranstaltung, die Rekorde bricht. Geschäftsleute aus dem gesamten Nahen Osten und Afrika haben ihre Bewerbungen für ein Gründungskapital eingereicht. Ich bin eine von vier Personen, die die Bewertung vornehmen. Wir haben die Bewerberzahl auf zehn heruntergeschraubt. Und dann waren alle mit einem Videoanruf dran, um uns zu überzeugen...

euronews:

„...während sie aus einem Flugzeug gesprungen sind.“

Lowe:

„Dann haben wir die Gruppe auf drei Personen verkleinert. Die drei sind mit uns in ein Flugzeug gestiegen, um uns ein letztes Mal zu überzeugen - während sie sich 60 Sekunden im freien Fall befinden. Die Person, die gewinnt, wird am Ende also aus einem Flugzeug springen."

Seien Sie nicht zu schnell und nicht zu langsam
Mitch Lowe mit einem Rat an Gewerbetreibende

euronews:

„Welchen Rat würden Sie diesen Geschäftsleuten geben - in Bezug auf das, was es braucht, um es wirklich zu schaffen?"

Lowe:

„Es gibt da die Dinge, die man immer hört: Durchhaltevermögen, gute Leute um sich zu versammeln, Unbescholtenheit. Man muss immer am Puls der Zeit sein, sich immer verbessern. Holen Sie Ihre Geldgeber und ihren Mitarbeiterstab ins Boot. Ein bisschen. Ein kleines bisschen. Und seien Sie nicht zu schnell und nicht zu langsam."

euronews:

„Zurück zur Unterhaltungsbranche. Die Millionenfrage: Was, glauben Sie, wird die Zukunft bringen?"

Lowe:

„Das Coronavirus hat bei den Leuten in jedem Fall für eine verstärkte Nutzung von Unterhaltungsmedien gesorgt. Das hat den Menschen geholfen, in dieser sehr schwierigen Zeit zu überleben. Ich glaube, die Zukunft ist rosig. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe schon einige Mal um zehn Uhr damit begonnen, mir eine Serie anzuschauen. Ich dachte, um Mitternacht sei ich damit fertig. Aber fünf Stunden später habe ich gemerkt, dass ich schon bei einer anderen Staffel angekommen war Irgendwann reicht es einem. Netflix-Geschäftsführer Reed Hastings wurde einmal zum Thema Wettbewerb befragt. Er sagte: 'Mein größter Gegner ist der Schlaf.' Wenn die Menschen nicht schlafen müssten, könnten sie sich mehr Netflix-Serien anschauen. Ich glaube, er hat recht."