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Schottland diskutiert Unabhängigkeit

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Schottland diskutiert Unabhängigkeit

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Mit einem Referendum werden die Schotten über ihren Verbleib im Vereinigten Königreich entscheiden

Der Ministerpräsident von Schottland hat eine Volksabstimmung über den künftigen Status des Landes angekündigt. Die fünf Millionen Schotten werden entscheiden, ob sie sich aus dem Vereinigten Königreich verabschieden wollen oder nicht. Die Debatte über Vor- und Nachteile einer uneingeschränkten, staatlichen Unabhängigkeit Schottlands wird schärfer.

Die winterliche Stille und Schönheit der schottischen Landschaft täuschen: Schottland befindet sich mitten in einem politischen Sturm. Denn die Schotten werden in einer Volksabstimmung darüber entscheiden, ob sie sich aus dem Vereinigten Königreich verabschieden.

Wir sind in Butterstone, der Heimat des Sängers Dougie McLean. Seit sechs Generationen leben die McLeans hier. Dougie tourte eben wochenlang quer durch Australien, demnächst stehen die USA auf dem Programm, im April soll es wieder losgehen. Dazwischen braucht Dougie Ruhe, Zeit zum Dichten, Komponieren, Nachdenken…

Ruhe und Zeit findet er hier, nahe der Natur, in Butterstone. Im Euronews-Interview erklärt er – vielleicht nicht ganz ernst gemeint und mit einem ironischen Blinzeln in den Augenwinkeln – den Unterschied zwischen Schotten und Nicht-Schotten: “Oft fragen mich die Leute, was das Besondere an uns Schotten ist. Nun ja, und ich frage mich, ob das Schottisch-Sein damit zusammenhängt, dass wir nie von den Römern kolonisiert wurden… Die Gegend hier, genau die Strasse dort drüben, das ist genau die Linie, die die Römer nie überschritten haben…”

Dougie zeigt uns die Felder, die sein Vater und Grossvater bearbeiteten. Seine Vorfahren waren Knechte und Schäfer, Gärtner und Landarbeiter, abhängig von den Launen der Landbesitzer und Gutsherren. Kein Leben für mich, schwor sich Dougie… und machte sich mit einer Musiker-Karriere unabhängig. Diese Erfahrung, voll und ganz verantwortlich zu sein für seine eigenen Entscheidungen, ist der Grund dafür, dass sich Dougie heute für eine staatliche Unabhängigkeit seiner Heimat Schottland einsetzt.

“Ich war schon immer ein grosser Befürworter der Unabhängigkeitsidee”, meint er. “Nicht nur ein Anhänger der nationalen Unabhängigkeit, sondern auch der ganz persönlichen Unabhängigkeit im eigenen Leben. Vor etwa zwanzig Jahren bin ich nach Schottland zurückgekehrt und habe dann meine eigene Plattenfirma, meinen eigenen Plattenvertrieb, mein eigenes Studio aufgebaut… Unabhängigkeit bedeutet für mich, dass man einerseits verantwortlich ist für die eigenen Fehlentscheidungen, andererseits aber auch die Früchte seiner eigenen Lebensentscheidungen ernten und geniessen kann.”

Dougie erinnert sich an seine Kindheit, seine Jugend: “Früher, als ich aufwuchs, fühlten wir uns von den politischen Entscheidungen der britischen Zentralregierung in Westminster immer sehr weit entfernt… Unabhängigkeit hat etwas mit Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung zu tun, es geht nicht um Rechthaberei, Streit oder Agressivität…”

Dieses unternehmerische Bekenntnis zur Unabhängigkeit findet einen Gegensprecher in Edinburgh, der schottischen Landeshauptstadt, wo wir uns mit Howie Nicholsby, Weltmarktführer für massgeschneiderte Designer-Kilts, treffen. Während die Konkurrenz längst in China oder Indien nähen lässt, hält Howie die schottische Fahne hoch: alles “made in Scotland”, betont er stolz, “jeder einzelne Kilt hier”, und zeigt dabei auf seine Schottenröcke. In dem engen Laden herrschen eher gedeckte Farben, klassische Muster und Schnitte. In einer Ecke sind auch Leder-Kilts zu sehen. Seinen internationalen Ruf hat sich Howie jedoch mit einer Verrücktheit aus seiner Zeit als “junger Wilder” zu verdanken, da entwarf er einen silberfarbenen Kilt aus Vinyl. Der hängt jetzt in einem grossen Rahmen an der Wand.

Trotz dieser Mischung aus rustikaler Bodenverbundenheit, Gediegenheit und Lokalkolorit einerseits, moderner Aufgeschlossenheit und Unternehmergeist andererseit, ist Howie Nicholsby strikt gegen ein unabhängiges Schottland. Als das Gespräch auf das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum kommt, zeichnen sich schwere Sorgenfalten auf Howie’s Stirn ab: “Für ein Nischen-Unternehmen meiner Grössenordnung wäre eine Unabhängigkeit Schottlands risikoreich und gefährlich. Davon wäre mein Geschäft direkt betroffen, wenn wir als Nation, die mit Grossbritannien eng verflochten ist, auf einmal sagen würden, wir wollten kein Teil mehr dieser britischen Union sein. Doch genau dort liegt doch unsere wirtschaftliche Zukunft…”

Und in der Tat: ein Grossteil der schottischen Handelsbeziehungen wird mit dem Rest Grossbritanniens abgewickelt. Das gilt selbst für schottische Kilts. Die schottischen Abnehmer der teuren Tuchware sind Schotten, die ihre Hochzeit, den schottischen Burns-Feiertag, Weihnachten, Ostern oder einfach nur ihren Eintritt ins Mannesalter traditionsgemäss mit der Anschaffung eines 400 Pfund (oder mehr) teuren Kilts feiern möchten. Die englischen Abnehmer in den Metropolen des Vereinigten Königsreiches sind oft Stars und Sternchen, aber auch Manager und Politiker, die so einen Kilt einfach superschick finden, gerade das richtige für den nächsten Golfurlaub…

Howie lebt also vom “Image” des “guten Schottland”. Doch welche Finanzgrösse, welcher Neureiche, welcher Banker der Londoner City würde sich noch gerne mit einem schottischen Kilt schmücken, wenn aus Schottland auf einmal nur noch Nachrichten über “Separatisten” kämen? Kurz, Howie fürchtet um sein Geschäft, sollten die schottischen Nationalsten ernst machen mit ihren Unabhängigkeitsplänen.

In Glasgow, Schottlands bevölkerungsreichsten Stadt, haben wir uns auf ein Bier verabredet, auch das “made in Schottland”, versteht sich, und zwar mit John Docherty, einem aktiven Mitglied der “Schottischen National-Partei” SNP. Der Glasgower hat früher Rugby gespielt. Und so sieht er auch aus: breite Schultern, ein mächtiger Brustkorb. Heute arbeitet John als Assistent für einen Glasgower SNP-Abgeordneten im schottischen Regionalparlament in Edinburgh. Die liberalökologisch bis sozialdemokratisch ausgerichtete Mitte-Links-Partei SNP gewann im vergangenen Jahr die Regionalwahlen. Ein Erdrutschsieg, den die schottische Labour-Partei immer noch nicht so ganz verschmerzt hat. “Nur als souveräner Staat mit voller Verfügungsgewalt über Steuern und Finanzen können wir die Armut besiegen”, begründet John sein politisches Engagement für SNP und Unabhängigkeit. In Glasgow habe man in einigen Stadtteilen eine Kinderarmut von fünfzig Prozent. Und nicht nur dass: “Wir sitzen hier im Scotia, der ältesten Kneipe Glasgows. Und nur drei oder vier Meilen entfernt von hier liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 58 Jahren…! Und das im einundzwanzigsten Jahrhundert…!” – Wenn man genau hinsieht, bemerkt man ein Schimmern in John’s Augen. Der Mann meint es ernst, das sind nicht die üblichen Politikerworte. John es geht es um die Sache.

Das Vereinigte Königreich setzt sich zusammen aus England, Wales, Nordirland und Schottland. Letzteres macht etwa ein Drittel der britischen Landmasse aus, ist aber nur dünn besiedelt. Schottlands Anteil an der Gesamtbevölkerung Grossbritanniens liegt bei gerade einmal acht Prozent.

Das geplante Unabhängigkeits-Referendum gibt Anlass für einen erbitterten Streit zwischen Edinburgh und London: Wann genau soll die Volksabstimmung stattfinden? Welche und wieviele Fragen werden gestellt? Wer darf seine Stimme abgeben?

Während die Zentralregierung in London darauf besteht, dass den Wahlberechtigten nur eine einzige Frage vorgelegt wird – Unabhängigkeit Ja oder Nein? – möchte die schottische Regionalregierung gerne noch über eine zweite Frage – “Devo-Max” genannt – abstimmen lassen. Hinter dem Kürzel verbirgt sich so etwas wie eine extrem weitreichende Selbstverwaltung Schottlands innerhalb des Vereinigten Königreiches. Mit “Devo-Max” würden Haushaltsbefugnisse und Kompetenzen zur Steuergesetzgebung auf die regionale Ebene übertragen. Aussenpolitik und Verteidigung blieben bei London, fast alle anderen Politikbereiche und Entscheidungsbefugnisse wanderten – sollte “Devo-Max” den Segen der Mehrheit bekommen – nach Edinburgh ab.

Da derzeit keine eindeutige Mehrheit innerhalb Schottlands für volle staatliche Unabhängigkeit besteht, hofft London mit seiner Alles-oder-nichts-Frage den Wählern Angst einzujagen und setzt auf ein NEIN.

Die schottische Landesregierung hingegen will mit der “Devo-Max”-Frage eine Art Sicherheitsnetz einziehen: sollten die Wähler eine volle Unabhängigkeit ablehnen, dann würden sie doch mit grosser Wahrscheinlichkeit für mehr Dezentralisierung und mehr Selbstverwaltungsrechte stimmen. Klar, dass London deshalb “Devo-Max” nicht auf dem Wahlzettel sehen möchte, Edinburgh hingegen unbedingt…

Derzeit läuft ein von den Regierungen organisierter Konsultationsprozess. Jeder Wahlberechtigte kann bis Ende Februar seine Vorschläge einbringen, wie das Referendum ausgestaltet werden sollte, wann es abgehalten werden sollte, welche Fragen gestellt werden könnten. Im März sollen die Eingaben ausgewertet sein. Anschliessend wird entschieden, nach welchen Spielregeln die Volksabstimmung organisiert wird. Fragen wir in der Zwischenzeit die harten Jungs vom Stirling Rugby Football Club, was sie von dieser ganzen Angelegenheit halten: Unabhängigkeit für Schottland: Ja oder Nein?

Stevie Swindell wägt die wirtschaftlichen Argumente ab und meint dann: “Hängt ganz davon ab, ob wir unsere Rohölreserven behalten dürfen oder ob sich England das Rohöl unter den Nagel reisst…”. In der gesellschaftlichen Debatte spielen die Rohöl- und Gasreserven tatsächlichen eine grosse Rolle: fast die kompletten Off-shore-Vorkommen Grossbritanniens liegen in den Gewässern Schottlands. Derzeit wird der Gewinn aus dem Rohstoffgeschäft ins zentrale Haushaltsbudget in London geleitet und von dort aus wieder umverteilt. Durch diesen Umverteilungsprozess gelangt weniger Geld nach Schottland als wenn die Regionalregierung in Edinburgh in Alleinregie über die Steuereinnahmen aus dem Rohstoffgeschäft verfügte. Sollte es tatsächlich zu einer staatlichen Unabhängigkeit Schottlands kommen, so steht der Insel ein harter Verteilungskampf bevor: nach welchem Schlüssel sollen die Reserven künftig aufgeteilt werden? Nach dem Bevölkerungsanteil (dann hätte Schottland das Nachsehen)? Allein nach geographischen und juristischen Gesichtspunkten (dann ginge London leer aus)?

Die Muskelmänner des Stirling County Rubgy Club hängen in den Gewichten. Ein schwerer Schweissgeruch liegt in der Luft. Daniel Jackson, blaues T-Shirt, gerader Blick, laute Stimme, ist ganz dezidiert gegen ein unabhängiges Schottland:
“Unabhängigkeit? Nein! Nie und nimmer! Ganz bestimmt nicht! Das wäre doch der komplette Ruin für unser Land! Am Ende bekämen wir zu allem Ueberfluss auch noch dieses komische Euro-Geld…! Und bei uns wird das noch so enden wie in Griechenland…!”

Sein Rugby-Kollege Stuart Edwards, rotes T-Shirt, gerader Blick, laute Stimme, widerspricht energisch:
“Also ich bin dafür! Klare Sache: Ja…! Dann können wir endlich tun und lassen was wir wollen…! Ist doch viel besser, unabhängig zu sein, statt sich von England und dem Vereinigten Königreich auf der Nase rumtanzen zu lassen…!”

Nur einige wenige Kilometer von Stirling entfernt liegt Bannockburn. 1314 besiegten hier die Schotten die englischen Ritter und gründeten ein unabhängiges Königreich, das vier Jahrhunderte Bestand haben sollte. Die Siebenhundertjahrfeier der “Schlacht von Bannockburn” soll 2014 für patriotischen Auftrieb sorgen, so das Kalkül der schottischen Regionalregierung, die das Unabhängigkeits-Referendum im Herbst desselben Jahres abhalten möchte.

Auf dem mittelalterlichen Schlachtfeld treffen wir den Bürgermeister von Stirling, Fergus Wood. Der massige Mann mit den karottenroten Haaren und schwerer, silberner Amtskette über dem Bauch, fühlt sich von der Zentralregierung in London vernachlässigt. London halte nichts von Dezentralisierung, man habe keinen direkten Ansprechpartner und die regionalen Sonder-Interessen würde London einfach nicht genügend beachten. Als Beispiel nennt er die Fischereipolitik, allerdings liegt Stirling genau in der Mitte der schottischen Landmasse, das Meer ist weit weg. Fergus Wood ist ebenfalls Mitglied der Scottish National Party. Er freut sich auf das Jahr 2014, denn die Siebenhundertjahrfeier der Schlacht von Bannockburns wird Touristen und Geld nach Stirling bringen. Schnell möchte er noch ein paar Hotels hochziehen, sorgt sich aber um Investoren, dummerweise sei ja gerade Finanzkrise, aber irgendwie werde man das Kind schon schaukeln. Dann erzählt er aus seiner Amtspraxis: “Manchmal sitze ich in einer schottischen Delegation, die mit der EU verhandeln soll, und manchmal werde ich als Unterhändler nach London geschickt. Dabei ist mir was aufgefallen: Von Brüssel bekomme ich mehr Hilfe, Unterstützung, Respekt und Sympathie als von London…”

Anschliessend erklärt er seinen Amtstitel, Provost. Das sei der schottische Ausdruck für Bürgermeister. Das englische Wort fände hier keine Anwendung. Dann geht es ans Eingemachte: “Eine Nation ist nur dann eine Nation, wenn sie ihr Schicksal selbst bestimmen kann, was derzeit nicht der Fall ist, hier bei uns in Schottland.” – Um nicht den Eindruck zu erwecken, man habe es mit einem engstirnigen Bauernhofnationalismus zu tun, betont Provost Wood seine und seiner Landsleute Europafreundlichkeit: “Die Schotten sind durch und durch Europäer. Früher haben wir in Europa durchaus eine Rolle gespielt: während die Engländer Krieg führten mit Franzosen, Holländern und Spaniern, haben wir Handel getrieben. Das ist der Unterschied. Wir wollen mehr Handel, so wie früher.”

In der nahegelegenen Schule von Bannockburn organisierte Euronews mit Jugendlichen im Alter von 16 und 17 eine Diskussionsrunde zum Thema Wahl-Alter. Die schottische Regionalregierung will bereits Sechszehnjährigen die Teilnahme am Referendum ermöglichen. Die Zentralregierung in London ist dagegen.

Alasdair Keane macht den Anfang: “Wenn das Wahlalter für das Referendum auf 16 Jahre gesenkt wird, dann sollte es auch für alle anderen Wahlen gesenkt werden. Wir sollten aber vorsichtig sein: vielleicht ist das alles nur ein Trick, um die Wahl zu beeinflussen…”. Neben Alasdair sitzt Clare Heggie: “Ich denke, dass das Wahlalter auf sechzehn gesenkt werden sollte. Mit sechzehn werden wir steuerpflichtig, wir können Wehrdienst leisten, Kinder kriegen, sogar heiraten dürfen wir schon (mit sechzehn)… Wir haben das Wissen, um mit darüber zu entscheiden, was mit unserem Land geschehen soll und darüber abzustimmen.”

Roslyn Ivatt meldet sich zu Wort: “Wenn man die Altersstufe in Schottland senkt, für die Wahlen, dann interessieren sich auch insgesamt mehr Leute für Politik und deren Auswirkungen auf unseren Alltag. Das wäre also eher etwas gutes, für Schottland.” – Lewis Thomson pflichtet ihr bei: “Völlig einverstanden. Das Wahlalter sollte auf sechzehn gesenkt werden. Doch wir bräuchten mehr Hintergrundwissen. Die Leute haben doch keinen blassen Schimmer, welche Auswirkungen das hätte, die Unabhängigkeit. Wenn wir wirklich mit sechzehn abstimmen sollen, dann müssen wir mehr wissen.”

Die Berge und Täler Schottlands inspirierten Robert Burns, den “Dichter hinter dem Pflug”, wie er auch genannt wird, zu vielen seiner romantischen Werke. Burns lebte vor über zweihundert Jahren auf dem Ellisland Bauernhof, wo er die schottische Scholle und Sprache gleichermassen beackerte, Volkslieder sammelte und patriotische Gedichte verfasste.

Freiwillige vom Dorf kümmern sich um Burns Bauernhof, einmal pro Woche, erneuern die Isolierung, den Anstrich, was eben so alles anfällt auf einem alten Bauernhof. Anschliessend vesammeln sich die Freiwilligen – sie nennen sich “Die Freunde von Ellisland” – gemeinsam um den Mittagstisch, löffeln ihre Suppe, reden. Ein heiss diskutiertes Thema innerhalb des Freundeskreises ist die Frage nach Vor- und Nachteilen einer eventuellen Unabhängigkeit Schottlands.

Der gedrungene Ronnie Cairns äussert sich wütend und laut: “Wir haben jetzt dreihundert Jahre Westminster-Zentralregierung durchgemacht. Das sind dreihundert Jahre Gehirnwäsche für uns Schotten. Wir wollen unser unabhängiges Schottland zurück. Wenn beim Referendum ein NEIN rauskommt, dann sehe ich schwarz!” Ronnie’s zentrales Argument ist der regionale Rohstoffreichtum. Wenn der in Eigenregie, von einem eigenen Staat verwaltet und besteuert werde, dann sei man wirtschaftlich gesehen sehr viel besser dran als heute. Ronnie vergleicht Schottland mit Norwegen. Nur aufgrund der Union mit Grossbritannien gehe es den Schotten heute nicht so gut wie den Norwegern.

Doch andere Dorfbewohner wiedersprechen, erinnern daran, dass man doch Familie “auf beiden Seiten der Grenze” habe.

Tom McMenamay bringt in diesem Zusammenhang noch ein weiteres Argument auf den Tisch: “Ich betrache das Vereinigte Königreich als meine Familie. Es geht hier um Identität. Das ist wichtig für mich. Ich bin ein Schotte, und als solcher bin ich sozusagen Teil der britischen Gross-Familie…”

Les Byers, Kurator des kleinen Schriftstellermuseums und selbst Dichter, widerspricht heftig: “Wir wollen einen Staat, der Schottland heisst. Und die Schotten selbst werden entscheiden, ob sie im Vereinigten Königreich bleiben wollen oder nicht. Das ist eine Angelegenheit der Schotten.”

Museumsdirektor Byers zeigt uns Burns Schreibtisch. Dann geht er zum alten Bücherschrank, holt ein Buch Burns’ heraus, schlägt “Scots wha hae” auf, Burns’ patriotisches Gedicht über den schottischen Sieg bei Bannockburn, über Freiheit, Heldenmut und Unabhängigkeit. Mit voller, bewegter Stimme trägt er uns das Gedicht vor.

Welche Folgen hätte eine staatliche Unabhängigkeit Schottlands? Die schottischen Nationalisten wollen den Wohlfahrtstaat ausbauen, das Steuersystem umbauen, ausländische Direktinvestoren mit Finanzvorteilen und Steuervergünstigungen anlocken (nach dem Muster Irlands), die Energieversorgung Schottlands umstrukturieren und innerhalb weniger Jahre auf hundert Prozent “grüne Energien” umstellen. Wind gibt es auf der Insel schliesslich jede Menge.
Sollte Schottland unabhängig werden, müsste Grossbritannien seine atomwaffenbestückten U-Boote anderswo vor Anker gehen lassen (nicht mehr in Glasgow), denn die Schotten wollen mehrheitlich nichts wissen von Atomwaffen und Atomenergie.

Alles soll sich hingegen nicht ändern. So hat die SNP-Regierung in Edinburgh angekündigt, dass man die Queen ganz gern behalten möchte als offizielles Staatsoberhaupt, auch im Falle einer völligen Unabhängigkeit. Ach ja, und das Pfund Sterling bitte auch.

Schauen wir zum Abschied noch einmal bei Dougie MacLean vorbei. Die Umfragen zeigen, dass nur ein Drittel bis knapp die Hälfte der Schotten die volle Unabhängigkeit wollen. Je nach politischer Couleur werden andere Zahlen zitiert. Eine klare, stabile Mehrheit für eine völlige Unabhängigkeit Schottlands gibt es derzeit jedoch nicht. Dougie McLean vergleicht die heutige Debatte mit der Situation seiner Vorfahren. Und ist sich sicher: die Unabhängigkeit wird kommen. Früher oder später… “Damals, zur Zeit meiner Grosseltern, mussten die Leute noch buckeln”, erzählt Dougie MacLean: “Ja Sir! Nein Sir!… Die Gesellschaftsstrukturen waren sehr ländlich, damals, die Grossgrundbesitzer bestimmten die Regeln. Heute wird offen über alles geredet, auch über die Unabhängigkeit. Die Leute haben keine Angst mehr.”

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Bonus 1:
Wenn Sie sich das Euronews-Interview mit Patricia Ferguson anhören möchte, dann klicken Sie bitte auf nachstehenden Link. Patricia Ferguson ist regionale Abgeordnete der oppositionellen schottischen Labour-Partei, Labour-Sprecherin für Verfassungsfragen und gegen eine staatliche Unabhängigkeit Schottlands.
http://www.euronews.net/2012/02/16/bonus-interview-patricia-ferguson/

Bonus 2:
Die stellvertretende Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon (Scottish National Party) erklärt im Euronews-Interview, warum sie sich für Schottlands Unabhängigkeit einsetzt.
http://www.euronews.net/2012/02/16/bonus-interview-nicola-sturgeon/

Bonus 3:
Hier können Sie das Euronews-Interview mit Christina McKelvie abrufen, Mitglied der Scottish National Party und Abgeordnete des schottischen Landtags. Sie fordert die Unabhängigkeit Schottlands.
http://www.euronews.net/2012/02/16/bonus-interview-christina-mckelvie/

Bonus 4:
Professor Brian Ashcroft lehrt an der Glasgower Universität Strathclyde (The Fraser of Allander Institute for Research on the Scottish Economy) und gilt als profunder Kenner der schottischen Wirtschaft. Welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine staatliche Unabhängigkeit Schottlands?

http://www.euronews.net/2012/02/16/bonus-interview-professor-brian-ashcroft/