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Katastrophenbericht: Jeder hundertste Mensch auf der Flucht

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Katastrophenbericht: Jeder hundertste Mensch auf der Flucht

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Es ist eine erschreckende Zahl: 72 Millionen Menschen haben ungewollt ihr Zuhause verlassen müssen. Dies geht aus dem Weltkatastrophenbericht 2012 der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften hervor. 
 
Der Bericht nennt verschiedene Gründe, warum Menschen auf der Flucht sind: Konflikte, Naturkatastrophen, sowie Industrie- und Infrastrukturprojekte. Doch besonders die zunehmenden Konflikte führen zu immer mehr Flüchtlingen.
 
Der Bericht zeigt aber auch Lösungen, um die Lage derer zu verbessern, die ungewollt ihr Zuhause verlassen mussten. Wichtig seien ein neues Denken, innovative Ansätze – vor allem aber der politische Wille, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern. Laut des Berichts ist der wachsende Widerstand der Politiker, das Haupthindernis für eine bessere humanitäre Hilfe.
 
Und es gibt auch ganz konkrete Forderungen: Beispielsweise könnte eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen Flüchtlinge besser in die örtliche Wirtschaft integrieren. Zudem plädieren die Autoren für eine flexiblere Regelung der Staatsangehörigkeit, sowie eine stärkere Unterstützung der Flüchtlinge bei der Arbeitssuche und bei der Integration. Außerdem müsse es einen besseren Schutz vor Gewalt und Kriminalität und Gewalt geben.
 
Der Bericht nennt zudem auch Zahlen zu Naturkatastrophen weltweit. Diese haben danach im vergangenen Jahr Schäden in einer Höhe von 365,5 Milliarden US-Dollar verursacht. Das ist die höchste Zahl der vergangenen zehn Jahre und ist auf das Erdbeben und den nachfolgenden Tsunami in Japan zurückzuführen.
 
Euronews: “Roger Zetter ist der Herausgeber des Weltkatastrophen-Berichts. Danke, daß Sie sich Zeit für uns genommen haben.
 
Der diesjährige Bericht beschäftigt sich vor allem mit der Not der Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten wegen eines Konflikts oder einer Naturkatastrophe. Warum hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Roten Halbmond dieses Thema in den Vordergrund gestellt?”
 
Roger Zetter: “Es geht darum zu zeigen, dass rund 73 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben wurden, durch Konflikte, Naturkatastrophen und Entwicklungsprozesse. Damit einher gehen Themen wie: Schutzbedürftigkeit, die Notwenigkeit Schutz zu gewähren und die sich immer schwieriger gestaltende erzwungene Auswanderung.”
 
Euronews: “In ihrem Bericht verweisen Sie auf den wachsenden Widerstand der Politiker, den gewaltsam Vertriebenen zu helfen. Obwohl doch 164 Regierungen eine Resolution unterzeichnet haben, die Migranten einen legalen Aufenthaltsstatus zusichert und garantiert, dass sie mit Respekt und Würde behandelt werden. Diese Resolution wird offenbar ignoriert. Warum?”
 
Roger Zetter: “Ich denke, die weltweiten Sorgen um die Sicherheit und die globale Krise machen es den Politikern schwer. Sie wollen sich nur ungern für gewaltsam Vertriebene einsetzen, speziell für Flüchtlinge.”  
 
Euronews: “Die meisten dieser schutzsuchenden Menschen kommen vom Regen in die Traufe. Die Gastgeber fühlen sich bedroht und schwache Regierungen haben einfach nicht die Mittel, sich um all die Menschen zu kümmern. Was kann man tun, damit sich der Umgang mit Vertriebenen ändert?”
 
Roger Zetter: “Fakt ist, Flüchtlinge verbrauchen Ressourcen, sie brauchen Baumaterial um sich Quartiere errichten zu können, sie brauchen Nahrungsmittel und andere Konsumgüter. Alles auf einem einfachen Niveau. All diese Bedürfnisse können die Wirtschaft vor Ort stimulieren. Bauern können mehr Lebensmittel produzieren, Unternehmer mehr herstellen um den Bau von Flüchtlingsunterkünften zu unterstützen.”
 
Euronews: “Wir haben diesen furchtbaren Konflikt in Syrien. Ich würde aber gern mit ihnen über die Sahel-Zone sprechen, wo sich die Situation täglich verschlimmert. Gewalt, Hunger und Dürre treiben die Menschen in die Flucht und bringen Zehntausende Migranten in eine extrem schwierige Lage. Wie hat die Internationale Gemeinschaft Ihrer Ansicht nach bisher auf diese Katastrophe reagiert?”
 
Roger Zetter: “Meiner Meinung nach, hat die internationale Gemeinschaft bislang tatsächlich nur langsam reagiert – aus mehreren Gründen. Ich schätze global gesehen ist es kein so wichtiges politisches Thema, wie beispielsweise die umfangreiche Vertreibung im Nahen Osten.
Ich würde sagen, auf der internationalen Agenda haben beide Ereignisse nicht die gleiche Wertigkeit.”
 
Euronews: “Kommen wir nach Europa. Quer über den Kontinent verteilt kürzen Regierungen die Haushalte in dieser Zeit des Sparens und wieder sind es die Armen, die am meisten Leiden. Ist es die finanzielle Unsicherheit, die Organisationen wie das Rote Kreuz daran hindert, hier effektiv zu helfen?”
 
Roger Zetter: “Generell gesagt lautet die Antwort: ja. Das gilt nicht nur für das Rote Kreuz, sondern für die gesamten Hilfsorganisationen. Aber man muss auch die Situation der Organisationen selbst im Auge behalten – ihre Budgets stagnieren oder werden gekürzt. Schließen sich die Organisationen allerdings zusammen können sie viel besser Länder unterstützen, die von Konflikten oder Hungersnöten betroffen sind. Man muss sich besser vorbereiten. Wenn es dann zu einer Katastrophe kommt, sind Gesellschaften besser auf Vertreibungen vorbereitet.”
 
Euronews: “Hoffen wir, dass sich diese neuen Strategien durchsetzen. Vielen Dank!“