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IWF-Chefin: "Ich bewundere Kanzlerin Merkel für ihren Mut"

Von der Weltwirtschaft gibt es derzeit wenig Erfreuliches zu berichten: Ein riesiger Steuerhinterziehungsskandal, Europas schwächelnde Wirtschaft, zu

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IWF-Chefin: "Ich bewundere Kanzlerin Merkel für ihren Mut"

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Von der Weltwirtschaft gibt es derzeit wenig Erfreuliches zu berichten: Ein riesiger Steuerhinterziehungsskandal, Europas schwächelnde Wirtschaft, zu der jetzt auch noch Terrorismus und die Flüchtlingskrise hinzukommen, und nicht zuletzt die Schwierigkeiten der Schwellenländer. Über all diese Themen haben wir mit Christine Lagarde, der Chefin des Internationalen Währungsfonds, IWF, gesprochen.

Meinung

Was die Deutschen getan haben und jetzt tun, wird in die Geschichte eingehen.

Bio Christine Lagarde

  • Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) seit 2011, wiedergewählt für eine zweite Amtszeit im Februar 2016
  • Erste französische FinanzministerIN (2007-2011), erste FinanzministerIN in der Gruppe der Acht, G8
  • 2014 von Forbes zur fünfmächtigsten Frau gewählt und 2009 von der Financial Times zum besten Finanzminister in Europa
  • Sie ist der Fahrlässigkeit angeklagt, bei der Auszahlung der Regierung an den Geschäftsmann Bernard Tapie. Sie bestreitet die Vorwürfe
  • Mitglied des französischen Synchronschwimmteams während ihrer Jugend

Isabelle Kumar, euronews:
Es scheint, als ob die Reichen immer reicher werden. Es ist zwar immer wieder die Rede davon, gegen Steuerparadiese vorzugehen, doch jetzt sind in den Skandal der Panama Papers offenbar zahlreiche einflussreiche Personen verwickelt. Glauben Sie, dass sich durch diesen Skandal irgend etwas ändern wird?

Christine Lagarde, Chefin des IWF:
Nun, ich hoffe doch sehr, dass sich etwas ändern wird. Denn dies zeigt lediglich, dass die Arbeit, die 2010/2011 angefangen wurde, während Frankreich Präsident der G20 Gruppe war, noch lange nicht beendet ist. Es muss noch viel getan werden und man muss ständig weiter daran arbeiten, denn in diesem Bereich gibt es Personen mit enorm viel Einfallsreichtum.

Isabelle Kumar:
Ist das nur die Spitze vom Eisberg?

Christine Lagarde:
Das weiß ich nicht. Die Ermittler werden weiter arbeiten müssen, um herauszufinden, was legal ist und was nicht. Sie müssen das alles klären und dann entscheiden, was sich ändern muss. Aber es gibt auf jeden Fall noch viel Arbeit.

Isabelle Kumar:
Während manche Menschen immer reicher werden, hat Europa mit seiner Wirtschaftskrise zu kämpfen. Und die Flüchtlingskrise ist eine große Herausforderung. Ist die Einwanderung rein wirtschaftlich gesehen ein Gewinn oder eine Last für Europa?

Christine Lagarde:
Wir haben untersucht, was für Auswirkungen der Flüchtlingszustrom auf manche europäische Länder hat. Wenn die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, um die Flüchtlinge zu integrieren, also wenn sie die Sprache lernen, ihr Können genutzt wird und sie Wohngeld bekommen profitieren die Länder, die Flüchtlinge aufnehmen. Aber vor allem ist es eine humanitäre Pflicht und ich bewundere Kanzlerin Merkel für den Mut, den sie hier bewiesen hat. Sie wird dafür weltweit respektiert und das, was die Deutschen getan haben und jetzt tun, wird in die Geschichte eingehen.

Isabelle Kumar:
Wir sind hier in Frankfurt, wo auch die Europäische Zentralbank zu Hause ist. Angesichts der Krise in Europa hat EZB-Chef Mario Draghi gesagt, dass er alles tun werde, um Europa wieder auf die richtige Spur zu bringen. Aber man hat derzeit das Gefühl, dass ihm die Munition ausgeht.

Christine Lagarde:
Wir glauben nicht, dass der Zentralbank die Munition ausgeht. Wir glauben jedoch, dass sie es nicht allein schaffen kann. Die Wirtschaft wieder ankurbeln und das Wachstum verbessern, eine wirkliche Erholung wird nicht allein mit Geldpolitik möglich sein. Man benötigt neben der Geldpolitik auch strukturelle Reformen und Fiskalmaßnahmen. Diese drei zusammen werden wirklich dabei helfen die wirtschaftliche Situation in der Europäischen Union und insbesondere in der Eurozone zu verbessern.

Isabelle Kumar:
Griechenland scheint erneut in Schwierigkeiten zu stecken. Und Gerüchten zufolge soll der IWF gesagt haben, dass Griechenland eher zu Verhandlungen bereit sei, wenn es am Rande des Abgrunds stehe. Sie haben gesagt, das sei Unsinn, aber sind Sie einer Einigung näher gekommen? Denn es scheint noch in weiter Ferne zu liegen.

Christine Lagarde:
Ich habe mehrmals gesagt, dass wir für dieses Land ein Programm benötigen, das sinnvoll ist, mit dem wirtschaftliche Stabilität erreicht werden kann und durch das die Schulden langfristig tragbar sind. Auf diese drei Parameter kommt es an. Arbeit wurde erledigt und es gab Fortschritte, aber es gibt noch viel zu tun. Wir benötigen keine schnellen Reparaturen, um so zu tun, als ob alles gut sei, sondern richtige Reformen, von denen die Griechen auf lange Sicht profitieren werden.

Isabelle Kumar:
Und wenn diese Reformen nicht gemacht werden, was macht der IWF dann?

Christine Lagarde:
Wir hoffen, dass sie geschehen werden. Aber es muss funktionieren und es wird Gegenleistungen geben. Im Gegenzug für Reformen bieten wir einen Schuldenerlass an.

Isabelle Kumar:
Es war die Rede davon, dass Griechenland just wenn das Referendum zum Brexit, zum Ausscheiden Großbritanniens aus der EU, stattfindet, zahlungsunfähig sein könnte. Mitarbeiter des IWF sollen gesagt haben, dass das ein Desaster wäre.

Christine Lagarde:
Wir hoffen, dass es Fortschritte geben wird und, dass die Unsicherheit verschwindet. Wir sollten Griechenland und Brexit nicht miteinander kombinieren. Das war noch nie unsere Herangehensweise an die Verhandlungen und unsere Taktik zielt nicht darauf ab. Was die Debatte um einen Austritt Großbritanniens betrifft, hoffen wir, dass eine positive Lösung für Europa und Großbritannien gefunden wird. Ich möchte mich nicht in den Wahlprozess einmischen, denn wir untersuchen gerade, was für wirtschaftliche Konsequenzen diese zwei Optionen haben werden.

Isabelle Kumar:
Was wären die wirtschaftlichen Folgen für die EU, wenn Großbritannien die EU verlässt?

Christine Lagarde:
Das weiß ich noch nicht, denn wir wollen bei unserer Untersuchung so genau und unabhängig wie möglich sein. Meine persönliche Meinung ist hier in unserer Diskussion nicht von Bedeutung. Wir müssen ermitteln, was die wirtschaftlichen Konsequenzen sein werden und im Mai werden wir die Ergebnisse unserer Arbeit veröffentlichen.

Isabelle Kumar:
Gehen wir auf die andere Seite des Atlantiks: Die USA stecken mitten im Wahlkampf. Vor kurzem hat eine Firma, die Risiken analysiert erklärt, dass Donald Trump genauso gefährlich wie ein Dschihadist sei. Wen würde die Weltwirtschaft lieber im Weißen Haus sehen: Donald Trump oder Hillary Clinton?

Christine Lagarde:
Ich vertrete keine politischen Ansichten. Ich muss diese Entscheidung nicht treffen, da ich in den USA nicht wähle. Und selbst wenn ich wählen würde, würde ich ihnen nicht sagen wen. Die Menschen müssen das entscheiden. Der IWF engagiert sich mit Ländern, der IWF dient den Menschen. Die Menschen werden entscheiden, wer ihre politischen Anführer sein sollen und wir werden uns anpassen. Wir konzentrieren uns auf Stabilität und Wachstum.

Isabelle Kumar:
Der andere Elefant im Raum ist China. Der IWF warnt vor dem Risiko, dass die Weltwirtschaft entgleist. Droht uns eine Finanzkrise wie 2008?

Christine Lagarde:
Wir schlagen nicht Alarm, wir sind auf der Hut. Wie ich bereits gesagt habe, wächst die Wirtschaft. Es gibt keine akute Krise, aber wir sehen Risiken am Horizont, die sich verwirklichen und sich gegenseitig beeinflussen könnten. China ändert sein Geschäftsmodell. Das Wachstum des Landes ist zurückgegangen und von daher ist diese Entscheidung verständlich. China ist ein wichtiger Spieler, es wird also Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Es hat einen Einfluss auf Chinas Lieferkette, es hat einen Einfluss auf den Preis der Waren, aber das Land bleibt dynamisch und es trägt weiterhin maßgeblich zum Wachstum der Weltwirtschaft bei.

Isabelle Kumar:
Sie haben bereits einen sehr stressigen Job und hinzukommt, dass Sie der Fahrlässigkeit angeklagt sind, bei der Auszahlung von 400 Millionen Euro an den französischen Geschäftsmann Bernard Tapie. Beeinflusst Sie das bei ihrer Arbeit, insbesondere, da Sie vor kurzem ihre zweite Amtszeit angetreten haben?

Christine Lagarde:
“Es hat keinen Einfluss auf meine Arbeit. Die Anwälte kümmern sich um die Berufung und der Prozess wird seinen Lauf nehmen.”