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Britische Zentralbanker warnen vor "Brexit" - "Rezession möglich"

In ungewöhnlicher Schärfe hat der britische Zentralbankchef Mark Carney vor einem «Brexit» gewarnt. Ein Austritt aus der EU könnte Großbritannien in

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Britische Zentralbanker warnen vor "Brexit" - "Rezession möglich"

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In ungewöhnlicher Schärfe hat der britische Zentralbankchef Mark Carney vor einem «Brexit» gewarnt. Ein Austritt aus der EU könnte Großbritannien in eine «technische Rezession» stürzen – Konjunkturexperten meinen damit meist eine sinkende Wirtschaftsleistung in zwei Quartalen in Folge. Getroffen werden könnten außerdem: Das britische Pfund – fällt

Meinung

Ein Teufelskreis aus Währungsabwertung, Kursverlusten an Renten- und Aktienmärkten und verschreckten ausländischen Investoren könnte zu einer Schockstarre im Finanzsektor führen

und die Arbeitslosigkeit – steigt.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England:

“Eine bedeutende Verlangsamung des Wachstums deutliche Zunahme der Inflation, so urteilt das Geldpolitik-Kommittee (Monetary Policy Committee MPC). Das kommt nicht aus einer Laune des Augenblicks heraus, ist es das Urteil nach strenger Analyse und sorgfältiger Prüfung. Rund um diese Trends sind natürlich alle möglichen Szenarien drin, eine technische Rezession eingeschlossen.”

Zugleich ließ die Bank of England den Zinssatz unverändert bei 0,5 Prozent.

Die Zentralbank hatte ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr wegen des Brexit-Risikos im Februar von 2,2 auf 2,0 Prozent zurückgenommen. Seit einem Spitzenwert im November habe das Pfund 9 Prozent verloren.

Carney ist als Brexit-Warner in prominenter Gesellschaft: Das Pfund könnte um bis zu 20 Prozent abstürzen, so das britische Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung (NIESR, National Institute for Economic and Social Research). Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Internationale Währungsfonds (IWF) und US-Präsident Barack Obama sind offene Brexit-Gegner.

Auf die Frage, ob ein Brexit eine Katastrophe wäre, antwortete EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit “Ja”. Er und andere europäische Spitzenpolitiker fürchten einen Dominoeffekt. “Ich kann nicht ausschließen, dass der britische Ausstieg Lust auf mehr machen würde in anderen Ländern”, sagte Juncker in Berlin.

FÜR DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT STEHT VIEL AUF DEM SPIEL

Auch die deutsche Wirtschaft käme nicht ungeschoren davon. Im schlimmsten Fall drohten allein bis 2017 Einbußen von bis zu 45 Milliarden Euro, geht aus einer Studie der DZ Bank hervor. “Die negativen Effekte werden sich schon im zweiten Halbjahr deutlich zeigen”, sagte DZ-Bank-Ökonomin Monika Boven. “Wir rechnen in unserem Krisenszenario für Deutschland sogar mit einer leichten Rezession um die Jahreswende 2016/2017.”

Für die deutsche Wirtschaft stehe viel auf dem Spiel, schließlich sei Großbritannien nach den USA und Frankreich, aber noch vor China der drittgrößten Abnehmer deutscher Waren. Knapp 90 Milliarden Euro wurden 2015 dort umgesetzt. “Die Auswirkungen eines EU-Austritts Großbritanniens wären für die deutsche Exportwirtschaft daher unmittelbar zu spüren”, sagte Boven – besonders dann, wenn der Brexit auf die Finanzmärkte übergreift. “Ein Teufelskreis aus Währungsabwertung, Kursverlusten an Renten- und Aktienmärkten und verschreckten ausländischen Investoren könnte zu einer Schockstarre im Finanzsektor führen und über eine ‘Kreditklemme’ rasch die Realwirtschaft erreichen”.

Frankreichs Finanzminister Michel Sapin warnte in London, ein “Ja” der Briten zum Austritt wäre für Europas Wirtschaft ein Schock. “Wir müssen Europa zusammenhalten”, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Juncker gestand ein, er reise schon deshalb momentan nicht nach London, um angesichts der Unbeliebtheit der Kommission im Vereinigten Königreich nicht die Chancen der Pro-Europäer zu beeinträchtigen. Er drohte aber auch, den Briten nach einem EU-Ausstieg keine Sonderrechte zu gewähren. “Wer den Tisch verlässt, darf nicht mehr an diesem Tisch essen”, sagte er mit Blick auf die Vorteile, die EU-Mitglieder sich untereinander einräumen – etwa den Freihandel.

Steinmeier sieht die EU nicht nur wegen des drohenden Ausscheidens der Briten in existentiellen Problemen. “Ja, es sind Krisenzeiten in Europa.” Mit dem Zustrom an Flüchtlingen und dem Terrorismus hätten viele Brandherde in anderen Teilen der Welt Europa erreicht. Das erfordere gemeinsames Handeln. Deshalb dürfe Europa nicht auseinanderfallen.

Schwarzer Twitter-Humor:

su mit dpa, Reuters