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Brexit oder stay: Was denken eigentlich Unternehmer?

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Brexit oder stay: Was denken eigentlich Unternehmer?

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Die Wirtschaft ist eines der Hauptthemen vor dem britischen Referendum zur EU-Mitgliedschaft, doch selbst Menschen in offenbar vergleichbaren Positionen kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Die British Hovercraft Company, ein Familienunternehmen in der südenglischen Kleinstadt Sandwich, stellt Luftkissenfahrzeuge her und beschäftigt 15 Mitarbeiter.

Chefin Emma Pullen gehört zu den EU-Kritikern. Die Union produziere viel heiße Luft, aber keine Vorteile für ihr Unternehmen, meint Pullen: “Als kleine Firma haben wir mit vielen der EU-Direktiven und Regeln zu kämpfen. Manche sind spezifisch für unseren Bereich, manche gelten für alle kleinen Unternehmen. Wir haben auch große Probleme, wenn wir mit Ländern außerhalb der EU handeln wollen, wie Brasilien zum Beispiel. Es gibt kein Handelsabkommen zwischen der EU und Brasilien. Der Markt dort ist schwer zugänglich für uns, weil die Zölle so hoch sind.”

Etwa 80 Prozent der Luftkissenfahrzeuge der Firma werden exportiert, die meisten davon aber in Länder außerhalb der EU. Die Firmenchefin macht auch dafür EU-Regeln verantwortlich.

Auf der anderen Seite der Debatte sind die warnenden Stimmen, wie hier in der Londoner Businesswelt. Sie sagen, die Mitgliedschaft erleichtere Bewegungen von Waren, Geld und Arbeitskräften entscheidend.

Scoota ist eine Dienstleistungsunternehmen in der digitalen Werbeindustrie. Es nutzt eigene Technologien, um für Kunden täglich Milliarden potentielle Werbestellen zu identifizieren und führt selbst Kampagnen in Europa und darüber hinaus durch.

Mitgründerin Torie Chilcott fürchtet, dass ein Brexit die wachsende Hightech-Branche am Standort London schwächen könnte. Auch Sich ihres Unternehmens gebe es überzeugende Gründe, die Union nicht zu verlassen.

“Es gibt drei wichtige Gründe, aus denen wir in Europa bleiben sollten”, sagt Chilcott. “Der erste Grund sind die talentierten Arbeitskräfte, die wir brauchen, und da sind die niedrigen Hürden Europas eine Erleichterung. Der zweite Grund ist, dass die Wirtschaft in unserem Bereich global ist. Wir müssen hier Dinge aus aller Welt zusammenführen, um Fortschritte zu erzielen. Und der Dritte Grund ist das Venturekapital. London ist für Kapitalgeber sehr attraktiv, es ist disruptiv und eine großartige Basis. Aber das wird in der Debatte nie angesprochen. Wir könnten als Techstandort hinter Berlin oder Lissabon oder Dublin zurückfallen, und ich meine, das sollte nicht sein.”

Das Startup hofft auf eine blühende Zukunft und will den Umsatz nächstes Jahr auf über 11 Millionen Euro verdoppeln. Doch Experten sagen Turbulenzen für die britische Wirtschaft voraus, falls es zu einem Brexit kommt.

“Wenn es zu einem Votum für den Brexit kommt, dann hätte das unmittelbare Folgen für den Finanzmarkt und würde einige Verwerfungen produzieren. Auch wenn ich glaube, dass das Land darauf inzwischen besser vorbereitet ist, als während der Krise 2008”, sagt Thorsten Beck, Professor für Bank- und Finanzwesen an der City University in London.

“Die Folgen für den Rest der Wirtschaft würden wahrscheinlich langsamer einsetzen – in den nächsten zwei, drei, vier Jahren – aber schwerer wiegen”, so Beck. “Die Unsicherheit darüber, wie die zukünftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien sind, würden definitiv Investitionen und Wachstum bremsen.”

Und welche Folgen erhoffen sich oder befürchten die Unternehmen selbst, sollte es zu einem Brexit kommen?

Emma Pullen von der British Hovercraft Company: “Falls wir die EU am 24. Juni verlassen, wird sich die Welt für mich natürlich nicht über Nacht ändern. Das ist ein langfristiges Ziel. Ich glaube, die EU steckt in massiven Schwierigkeiten in ganz Europa und verursacht diversen Ländern Probleme. Ich glaube, die EU hat nicht so funktioniert, wie sich das alle gewünscht haben.”

Torie Chilcott von Scoota: “Ich höre immer nur davon, wie sich Großbritannien verabschieden kann. Aber ich höre nichts darüber, wie wir das alles ersetzen wollen und wie lange das dauern wird. Die Implementierung wird Jahre benötigen. Über die Folgen hört man nichts, und ich stehe dem, was jenseits eines Brexits potentiell auf uns zukommen könnte, sehr misstrauisch gegenüber.

Zwei Unternehmen, zwei Meinungen. Über die Zukunft der beiden werden die britischen Wähler am 23. Juni mitentscheiden.

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