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Nobelpreisträger Stiglitz für Ende des Euro: "Es gibt Grenzen für das, was eine Zentralbank leisten kann"

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Nobelpreisträger Stiglitz für Ende des Euro: "Es gibt Grenzen für das, was eine Zentralbank leisten kann"

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Der US-Volkswirt und Nobelpreisträger für Wirtschaft Joseph Stiglitz* plädiert für eine Abschaffung des Euro. Um den Schaden möglichst klein zu halten, könne man den Euro auch splitten in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro. Nur so ließe sich Europas Wirtschaft noch retten. Es sei eine „fatale Entscheidung“ gewesen, die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem deutschen Vorbild der Bundesbank zu schaffen, die sich allein um die Bekämpfung der Inflation und weniger um wirtschaftliches Wachstum kümmert.

Olexandra Vakulina, euronews:

“Macht die Europäische Zentralbank (EZB) nicht genug?”

Joseph Stiglitz, Ökonom, Nobelpreisträger:

“Ich meine, es gibt Grenzen für das, was eine Zentralbank leisten kann. Das Problem, das ich benannt habe, liegt nicht so sehr in der Geldpolitik – auch in ihrer besten Form – und die Geldpolitik war nicht die beste – aber auch mit der besten Politik wäre es praktisch unmöglich gewesen, die Euro-Zone zum Funktionieren zu bringen, selbst mit einem Genie an den geldpolitischen Schalthebeln.”

Sollte die Währungsunion in ihrer jetzigen ineffizienten Form fortbestehen, würde dies seiner Meinung nach Wohlstandsverlusten von sagenhaften 200 Billionen Euro entsprechen – das entspricht dem 20fachen der aktuellen Wirtschaftsleistung der Euro-Zone. Und das Mandat der Europäischen Zentralbank – vor allem eine kontinuierliche Geldentwertung – sei zu eng, um abzuhelfen.

Olexandra Vakulina, euronews:

“Stimmen Sie Mario Draghi zu, wenn er sagt, dass jetzt die Regierungen in Europa dran seien, ihren Teil der Arbeit zu machen?”

Joseph Stiglitz, Ökonom, Nobelpreisträger
:
“Nein, das finde ich nicht. Er versucht, in seiner Diagnose, den Opfern die Schuld zuzuschieben. Wenn er “die Regierungen” sagt, welche meint er damit? Würde Deutschland seine Wirtschaft anheizen, um die Preise steigen zu lassen, anstatt die Last der Anpassung auf Länder wie Spanien und Portugal legen – das würde viel bringen.

Aber die grundlegende Frage ist die Struktur der Eurozone: Das Mandat der Europäischen Zentralbank muss geändert werden. Die einzelnen Länder können das Problem allein nicht lösen.”

Strukturschwächeren Ländern sei durch die Einheitswährung die Möglichkeit genommen, abzuwerten, um konkurrenzfähiger zu werden. Stattdessen würden die Löhne gedrückt und die Arbeitslosigkeit schnelle nach oben.

„Der Euro wurde geschaffen, um für Wachstum und mehr Solidarität in Europa zu sorgen. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Einige Länder stecken in einer wirtschaftlichen Depression, die größer ist als die Große Depression der 1930er-Jahre“, so Stiglitz. Die Politik könne wenig machen.

Stiglitz sieht die beste Lösung darin, die Euro-Zone endlich zu einer wirklichen Währungsunion zu machen. Doch die rigide deutsche Haltung und all die Regeln würden wohl zu lange dauern und zu kostspielig sein, um dieses Ziel zu erreichen.

______________________________________________________________ * Joseph Stiglitz, US-Ökonom, lehrt an der Columbia Universität und bekam 2001 den Nobelpreis. Er war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und hat ein Buch über den Euro herausgebracht: The Euro: How a Common Currency Threatens the Future of Europe London 2016

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