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Joseph Stiglitz: Sparpolitik hat fast nie funktioniert

Das größte Problem der Eurozone ist der Euro selbst, meint Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.

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Joseph Stiglitz: Sparpolitik hat fast nie funktioniert

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Das größte Problem der Eurozone ist der Euro selbst, meint Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler

Meinung

Ich denke, Sparpolitik ist gefährlich. Sie ist nicht nur unnötig, ich denke, sie schadet echt den Ländern Europas. Sparpolitik hat fast nie funktioniert.

Joseph Stiglitz Wirtschaftswissenschaftler und Nobel-Preisträger
und Ex-Chefökonom der Weltbank ist überzeugt: Die Währungsunion hätte nicht in der Art geschaffen werden sollen, wie wir sie heute kennen. Das Experiment habe von Anfang an Fehler gehabt, am besten löse man die Währungsunion wieder auf – oder schnelle Nachkorrekturen seien nötig.

Oleksandra Vakulina, euronews:
“Herr Stiglitz, Ihr neustes Buch heißt: ‘Der Euro: Wie eine Gemeinschaftswährung die Zukunft Europas bedroht.’ Gibt es einen Weg, die Währungsunion zu retten und florieren zu lassen?”

Joseph Stiglitz:
“Ja, ich denke schon. Aber dafür müssten bestimmte Institutionen geschaffen werden, wie eine gemeinsame Einlagensicherung, eine gemeinsame Herangehensweise, um Probleme bei Banken in Notlage zu lösen, und eine Art gemeinsame Schuldenumlage, so etwas wie ein Eurobond. Die Regeln der Europäischen Zentralbank müssten geändert werden, damit diese sich nicht nur auf Inflation konzentriert, sondern mehr auf Wachstum, Beschäftigung und finanzielle Stabilität. Es müsste ein gemeinsamer Solidaritätsfonds eingerichtet werden, um Arbeitslosigkeit zu finanzieren und andere zyklische Bedürfnisse in der Eurozone. Es wären also Reformen nötig. Keine riesigen Reformen – aber die Frage ist: Sind sie zu groß für die Politiker? Und, was besonders wichtig ist: Diese Reformen müssen ziemlich schnell umgesetzt werden.”

euronews:
“Wie viel Zeit haben wir dafür?”

Joseph Stiglitz:
“Da gibt es keine magische Zahl. Klar ist aber, dass Europa mit einer Politik am Rande des Abgrunds spielt. Und das Problem dieser Politik ist, dass man jederzeit über den Abgrund hinausschießen kann. Vor einem Jahr hatte man die Krise in Griechenland, aber die Art, wie diese Krise angegangen wurde, hat Griechenland weiteren Niedergang beschert.”

Sparpolitik hat fast nie funktioniert

euronews:
“Es gab im vergangenen Jahr ein Referendum, und die Mehrheit stimmte gegen die Sparmaßnahmen.”

Joseph Stiglitz:
“62 Prozent!”

euronews:
“62 Prozent. Ein Jahr nach dem Referendum und der Krise in Griechenland ist es noch lange nicht ausgestanden.”

Joseph Stiglitz:
“Es ist sogar schlimmer! Schlimmer als vor einem Jahr! Und das, weil sie auf einer weiteren Dosis Sparpolitik bestanden haben. Und diese neue Dosis Sparpolitik zog, wie sich voraussagen ließ, die Wirtschaft noch weiter nach unten.”

euronews:
“Ist Ihrer Meinung nach Sparpolitik weiterhin nötig?”

Joseph Stiglitz:
“Ich denke, Sparpolitik ist gefährlich. Sie ist nicht nur nicht nötig, ich denke, sie schadet echt den Ländern Europas. Sparpolitik hat fast nie funktioniert.”


Biographie

  • Joseph Stiglitz erhielt 2001 den Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften
  • 1943 geboren in Gary, Indiana, USA
  • Professor an der Columbia University
  • 1997 – 2000 Senior Vize-Präsident und Chefökonom der Weltbank
  • 1993 – 1997 Mitglied und später Vorsitzender des Council of Economic Advisers der Clinton-Regierung
  • Co-Vorsitzender der OECD-Expertengruppe für ‘Measurement of Economic Performance and Social Progress’
  • Er gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen weltweit
  • Stiglitz ist überzeugt, dass Sparpolitik gefährlich ist und fast nie funktionierte

Mehr Chancen für Länder außerhalb der Eurozone

euronews:
“Das Referendum vergangenes Jahr wurde von vielen als ‘Nein’ zur Eurozone und zur EU generell gewertet. Meinen Sie, Griechenland hätte außerhalb der Eurozone bessere Chancen, die Krise zu überwinden?”

Joseph Stiglitz:
“Ja, das meine ich. Mit der Zeit wird sich klar zeigen: Solange Deutschland und die Troika nicht nachgeben, solange es keine Umschuldung gibt, die sogar der IWF für absolut notwendig hält – solange diese politischen Rahmenbedingungen nicht geändert werden, ist der einzige Schritt nach vorn für Griechenland in meinen Augen, einen anderen Weg zu gehen.”

euronews:
“Sie sagen, Sie sind nach Athen gefahren und haben die Regierung getroffen. Ich würde gern wissen: Als Sie letztes Jahr dort während der Krise waren, was hat Sie am meisten berührt?”

Joseph Stiglitz:
“Am meisten hat mich berührt, dass sie wirklich so sehr Teil der Eurozone sein wollten, aber auch so sehr die Sparpolitik loswerden wollten. Und ihre Unfähigkeit, zu begreifen, dass sie nicht beides gleichzeitig haben können.”

Europa wird mit Drohungen und Angst zusammengehalten

euronews:
“Ich befrage Sie jetzt zu einem anderen Land, das sich jüngst für den Ausstieg aus der EU entschied. Glauben Sie, dass Großbritannien jetzt mehr Perspektiven hat, dass es besser außerhalb der EU dasteht?”

Joseph Stiglitz:
“Ich denke, die Folgen des Brexit sind eher politisch als ökonomisch. Die wahre Frage ist doch, was sagt das über die Europäische Union aus? Das ist eine politische Angelegenheit. Wird die EU die Botschaft verstehen und sagen, schaut, wir haben unsere Bürger nicht davon überzeugt, dass wir Vorteile schaffen, die allen Seiten nutzen und Wohlstand bringen. Mir macht am meisten Sorge, dass Juncker, der Chef der EU-Kommission, als Antwort auf den Brexit sagt, wir werden sehr harte Bedingungen vorgeben, wir machen es sehr schwer, denn wir wollen nicht, dass ein weiteres Land aussteigt. Damit sagt er doch: Die einzige Weise, wie wir Europa zusammenhalten können, ist durch Angst – nicht durch die Vorteile, die man hat. Wer Vorteile genießt, bleibt doch freiwillig. Aber sie sagen: Wir müssen den Leuten Angst einflößen, damit sie nicht aussteigen wollen. Das ist meiner Ansicht nach die falsche Haltung.”

euronews:
“Sehen Sie schon andere Länder in Europa Referenden über den Ausstieg aus der EU oder der Eurozone abhalten?”

Joseph Stiglitz:
“Das hängt wahrlich von der Art ab, wie die EU reagiert. Viele Leute haben das Gefühl, dass nicht nur ihre wirtschaftliche Lage unterminiert wird, sondern auch die Demokratie. Sie stimmen wieder und wieder für ein Ende der Sparpolitik. Nicht nur in Griechenland, auch in Portugal stimmten 62 Prozent dafür, 62 Prozent in Spanien, es gab deutliche Wahlergebnisse in Frankreich und in Italien. Und immer wieder sagt man ihnen, tut uns leid, aber diese Themen, die doch die wichtigsten Themen sind, hängen nicht mehr von eurer Demokratie ab, sondern wurden nach Brüssel, Frankfurt oder Berlin delegiert. Ihr habt eure Souveränität über das, was euch am meisten am Herzen liegt, abgegeben. Bei einigen Wahlen haben Kandidaten damit Wahlkampf gemacht, dass sie die beste Person seien, um mit Deutschland zu feilschen. Es ging nicht darum zu sagen, wir machen die beste Politik. Es wurde eingeräumt, dass die Politik woanders gemacht wird – und wir sind die besten Feilscher.”

Schlimmster US-Präsidentschaftskandidat, den man sich vorstellen kann

euronews:
“Die Länder, über die wir geredet haben, die Länder, die ein Referendum abgehalten haben – Griechenland und Großbritannien – und die Länder, in denen solch ein Referendum möglich ist – in Südeuropa – zeigen uns auch, dass die Leute nicht nur gegen die Sparpolitik sind, wie Sie gesagt haben, sondern auch gegen Ungleichheit. Sieht man das auch im Vorfeld der Wahlen in den USA?”

Joseph Stiglitz:
“Ja, sehr! Und einige der Themen, die die Menschen in Europa umtreiben, treiben auch die Menschen in den USA um. Die Wut vieler unserer Bürger, dass diese Politik – die Liberalisierung der Finanzmärkte, die Globalisierung – große Teile der Bevölkerung zurückgelassen hat, und dass die Versprechen unserer Spitzenpolitiker nicht erfüllt wurden. Es ist keine Überraschung, dass es da nun einen Politiker gibt, der dies nutzt. Und leider hätte man sich in den Vereinigten Staaten keinen schlimmeren Kandidaten für das Präsidentenamt vorstellen können. Aber er ist offenkundig ein Kandidat, der einer sehr großen Zahl von Wählern aus dem Herzen spricht. Als Amerikaner sind wir sehr in Sorge, es beunruhigt uns sehr, und sollte auch die Bürger in aller Welt beunruhigen. Amerika spielt eine unverwechselbare Rolle in der Weltwirtschaft und bei der weltweiten Sicherheit. Und, wie viele von uns in den USA sagen: Jemanden mit dieser Persönlichkeit zu haben, so instabil, wie er wirkt, der den Finger am Atomknopf hat – das ist nichts, mit dem sich irgendjemand gut fühlen sollte.”

Ausführlichere Biographie von Stiglitz
Interessanter Artikel über Stiglitz’ Empfehlungen zur Auflösung der Eurozone bei welt.de