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Hoffnung Kolumbien: 45.000 Venezolaner kommen täglich

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Hoffnung Kolumbien: 45.000 Venezolaner kommen täglich

Hoffnung Kolumbien: 45.000 Venezolaner kommen täglich
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Die Simón-Bolívar-Brücke in Cúcuta an der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien ist ein Symbol der Massenflucht geworden. Kolumbien ist mit einer nie da gewesenen humanitären Krise konfrontiert.

Bis zu 45.000 Immigranten passieren täglich diesen Grenzübergang, oft die letzte Hoffnung für Venezolaner, die vor einer bröckelnden Wirtschaft fliehen. Nahrungsmittel und Medikamente sind knapp – über vier der 30 Millionen Venezolaner haben ihr Land bereits verlassen.

“Dort gibt es nichts! Es gibt kein Geld, kein Essen, man bekommt einfach nichts. Keine Medizin. Wir sind hergekommen, um das Baby impfen zu lassen”, sagt eine Passantin, die den beschwerlichen Weg auf sich genommen hat.

“In meinem Haus haben wir jeden Tag für zwei Stunden Licht, Wasser haben wir zwischen einer und drei Stunden, aller zwei Tag. Es gibt kein Gas”, beschwert sich dieser Mann.

“Jeden Tag ist es eine Herausforderung, damit die Familie wenigstens einmal am Tag zusammen am Tisch sitzen kann”, sagt ein anderer.

_“Man kann einfach nicht von einen 700 – 1.000 Bolívares Gehalt leben. Man kann nicht mal überleben, wenn man 2 Millionen Bolívares aller zwei Wochen bekommt”,_empört sich diese Frau.

Seit fünf Jahren geht die Wirtschaftsleistung in Venezuela zurück;
Kritiker machen dafür die Regierung verantwortlich – und Korruption. Die Inflationsrate im vergangenen Jahr lag über 2600 Prozent, für das laufende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) rund 13.000 Prozent. Erst kürzlich hat der venezolanische Präsident Nicolás Maduro drei Nullen der Währung gestrichen, doch an der hohen Inflation ändert das nichts. Der Mindestlohn beträgt nun – statt vorher eine Million dreihundert Bolivares – 1.300. Doch noch immer sind sie sechs US-Dollar wert, einen Monatslohn. Kolumbien ist für viele eine sichere Alternative.

“Hier ist es billiger und es gibt alles. Es gibt Mayonnaise, Toilettenpapier – das Wichtigste für einen Menschen: Toilettenpapier! Taschentücher gibt es nicht. Wie kann es sein, dass ein Liter Benzin einen Bolívar kostet und ein Liter Wasser fünftausend Bolívares – um Gottes Willen!” erklärt dieser ältere Herr.

Not macht erfinderisch: Taschen aus Geldscheinen

Die Mehrzahl der Venezolaner sind Pendler. Sie überqueren diese Brücke – täglich, wöchentlich oder monatlich. Kreativität ist gefragt, wenn es ums Geschäftemachen geht: Taxidienstleistungen für Rollstuhlfahrer, menschliche Träger und sogar Haare werden verkauft – Not macht erfinderisch.

“Das ist das Symbol einer Wirtschaft im freien Fall, wenn eine Tasche aus Bolívar-Scheinen mehr wert ist als die Banknoten selbst”, sagt Euronews-Reporterin Monica Pinna.

Für die Geldscheine, aus der diese Taschen gefertigt werden, bekommt man in Venezuela eine Packung Speisesalz. Verkauft sich eine Tasche in Kolumbien, ernährt sie eine dreiköpfige Familie eine ganze Woche lang.

“Anfangs haben wir Herzen damit gemacht. Dann Flugzeuge. Für mich ist das Kunst, denn mit diesem Geld kann man in Venezuela nichts kaufen. Egal, was man kaufen will, man benötigt einen Haufen von diesem Geld.” so der Künstler.

Die Zahl der Venezolaner, die sich in Kolumbien niedergelassen hat, wird auf mehr als eine Million geschätzt. Sie haben keinen Flüchtlingsstatus, können ihn aber beantragen. Egal, ob die Venezolaner in Kolumbien bleiben oder das Land nur durchqueren, zuerst müssen sie hinein gelassen werden.

Verschärfte Einreisebestimmungen

Rafael Zavala arbeite für die UNHCR in Cúcuta. Er erklärt die Einreisebestimmungen für Kolumbianer: “Um nach Kolumbien einreisen zu können, brauchen sie ihren Pass. Es gibt auch Menschen, die eine Grenzmobilitätskarte haben, eine zeitlich begrenzte Erlaubnis für Kolumbien. Zusätzlich hat Kolumbien eine Sonderdauergenehmigung erlassen, um so den Aufenthalt von denjenigen zu regeln, die sich ohnehin schon auf kolumbianischem Gebiet befinden. Dafür muss man legal nach Kolumbien eingereist sein, mit einem Stempel im Pass.”

Die kolumbianische Regierung zieht die Zügel an: So werden inzwischen keine Grenzmöbilitätskarten mehr ausgestellt. Das trifft besonders Venezolaner mit geringen Mitteln, wie Straßenverkäufer. An einen Pass ist noch schwerer zu kommen.

“Man bekommt einfach keinen Pass, außer man zahlt 10 Millionen Bolívares. Ein Gehalt beträgt zwischen 400 – 500.000 Bolívares, also eine halbe Million. Und wir sprechen hier von 10 Millionen, das mehr als das Jahresgehalt für einen Pass.”

Ohne Pässe und Arbeitsgenehmigung müssen tausende Venezolaner, die im eigenen Land einer normalen Anstellung nachgingen, auf den Straßen Cúcutas nach Essen und Geld betteln. Eine Initiative dieser katholischen Einrichtung verteilt täglich mehr als 1.000 kostenfreie Mahlzeiten. Dafür überqueren viele die Brücke täglich:“Die Situation ist furchtbar. Wir kommen hierher, weil es in San Cristobal kein Essen gibt. Ich habe im Rathaus gearbeitet, aber das Geld reichte nicht für das Essen aus”, sagt dieser Mann aus Venezuela.

Viele kommen auf der Suche nach irgendeiner Arbeit, um so etwas Geld zu ihrer Familie schicken zu können.

“Die Situation in Venezuela macht mich traurig. Ich habe meine drei Kinder dort gelassen, damit ich hier herkommen- und eine Arbeit finden kann, um ihnen Geld zu schicken. Wenn ich sie mitbringe, wie sollte ich das tun? Wo sollen sie bleiben? Ich kann sie ja nicht auf der Straße lassen.”

Monica Pinna: “Wo schlafen Sie heute?”

“Ich weiß nicht. Vielleicht auf der Straße oder wo auch immer ich etwas finden kann.”

Die Massenflucht aus Venezuela trifft besonders die historisch instabile Region des Departamento Norte de Santander. Noch immer kontrollieren bewaffnete Gruppen Teile der Region, ungeachtet des Friedensschlusses zwischen den FARC-Rebellen und der kolumbianischen Regierung 2016. Viele der durch den Konflikt in Kolumbien vertriebenen Menschen haben sich in Vierteln der Region Cúcuta angesiedelt.

Monica Pinna: “In rund einem Dutzend der fragilsten Gemeinden in Cúcuta ist die Zahl der Venezolaner von null auf 3.000 angestiegen.”

Ausbeutung von Einwanderern

Missionsarbeiter befürchten eine Ausbeutung der Immigranten, sagt Pater Francesco Bortignon vom katholischen “Centro Piloto Scalabrini”:
“Diese massive Einwanderung von Venezolanern, mit vielen qualifizierten Arbeitskräften stellt natürlich eine gute Gelegenheit zur Ausbeutung dar. Man macht ihnen halbe Versprechungen, bezahlt sie schlecht oder gar nicht. Einige werden angestellt, sie können dann sonstwo Kaffee ernten gehen. Aber es geht auch um die kompliziertere Dinge. Einige Personen, die sie anstellen, wollen, dass sie Coca-Blätter ernten.”

Angesichts dieser schweren Krise hat Kolumbien um internationale Hilfe gebeten. Der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe Christos Stylianides hat sich mit dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos getroffen und sich ein Bild von der Lage vor Ort gemacht. Er versprach sechs Millionen zusätzliche Mittel für Kolumbien und 2 Millionen für Venezuela:

“Für die kolumbianischen Behörden ist es eine große Herausforderung, mit dieser Situation fertig zu werden, denn natürlich stehen sie auch vor Herausforderungen im Versöhnungs- und Friedensprozess. Deswegen verteilen wir unsere humanitäre Hilfe auf beide Seiten, sowohl in Venezuela als auch in Kolumbien. Besonders in Venezuela versuchen wir, Wege zu finden, um Medikamente zu liefern und die akute Unterernährung zu bekämpfen.”

Internationale Hilfsorganisationen arbeiten mit der kolumbianischen Regierung zusammen, um Unterkünfte zu erweitern und die Flüchtlinge weniger angreifbar zu machen. Präsident Santos wurde für die Verschärfung seiner Migrationspolitik kritisiert. Der Leiter des katholischen Migrationszentrums glaubt, dass die strengere Politik den Anstieg der illegalen Einwanderung zur Folge haben könnte:

Willinton Muñoz Sierra arbeitet für das örtliche Migrantenzentrum der katholischen Corporación Scalabrini: “Diese Maßnahmen der Regierung kommen einer diplomatischen Schließung der Grenze gleich. Jetzt, wo Venezolaner einen Pass oder eine Sondererlaubnis brauchen, wird alles komplexer. Die Alternative für Migranten ist es, illegale Wege zu finden. Dabei weiß jeder, dass es Gruppen gibt, die außerhalb des Gesetzes agieren. Das gefährdet die Flüchtlinge weiter.”

Die kolumbianischen Behörden einen Rückgang der Einreisen um 30 Prozent fest. Mehr als 1.500 Venezolaner ohne feste Bleibe in Kolumbien wurden zurück an die Grenze gebracht, denn auch das sehen die jüngsten Einschränkungen der Migrationspolitik vor. Doch diese Viertel von Cúcuta meiden sogar Sicherheitsbeamte.

Dieser junge Mann, der einen Pass besitzt, wurde auf der Straße aufgegriffen und zurück zur Grenze gebracht, er sagt:

“Als venezolanischer Bürger komme ich in ein anderes Land und ich weiß, dass es Gesetze gibt, die beachtet werden müssen. Ich arbeite und suche nach einem legalen Weg, mein Brot zu verdienen. Man kann mich nicht aus diesem Land vertreiben – und noch viel weniger die Ware wegnehmen, wie sie es getan haben. In Venezuela gibt es sechs Millionen Kolumbianer, die dort ihren Lebensunterhalt verdienen und sich weiter gut entwickeln. Ich komme her und sie wollen mich rauswerfen? Warum? Wo ist die Gerechtigkeit? Was wollte Bolívar? Eine vereinte Nation. Es gibt Fremdenfeindlichkeit in Kolumbien. Es gibt Fremdenfeindlichkeit, weil wir Venezolaner sind.”

Euronews-Reporter Monica Pinna hält fest: “Cúcuta sieht aus wie eine Stadt, die von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurde, aber diese Katastrophe befindet sich in Venezuela – sie hat sozialökonomische und politische Wurzeln und lässt den Venezolanern keine Wahl.”