Die Einwohner von Europas Kulturhauptstadt Matera spielen eine wichtige Rolle

Die Einwohner von Europas Kulturhauptstadt Matera spielen eine wichtige Rolle
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Wie fühlt sich die Stadt für Sie an? Diese Frage wurde den Einwohnern von Matera gestellt, um einen ‚Stadtplan der Emotionen‘ zu entwickeln. Mit welchen Straßenecken der Stadt sind glückliche Erinnerungen an Treffen verbunden, die alles veränderten? Gibt es einen Platz, an dem die Traurigkeit eines schmerzenden Verlusts haftet, auch wenn dieser schon lange zurückliegen mag? Mithilfe von Stadtplan und Stiften haben 300 Einwohner von Matera im Alter zwischen 10 und 80 die emotionale Karte ihrer Heimatstadt ausgearbeitet. Sie zeigt alte Schulwege, den Ort des ersten Kusses, die Straße, in der die Großeltern wohnten, und die Plätze, die aus dem Stadtbild verschwunden, aber in der Erinnerung lebendig geblieben sind.

In diesem Jahr ist viel passiert in Matera, der süditalienischen Stadt, die nun als europäische Kulturhauptstadt 2019 international ins Rampenlicht gerückt ist. Der ‚Stadtplan der Emotionen‘ wird ab dem 31. Juli für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Wer den Matera-2019-Pass besitzt, hat Zugang zu allen Bereichen, um die Kulturhauptstadt in all ihren Facetten zu erleben. Dieses bewegende gemeinschaftliche Kunstwerk wurde als multisensorische Installation in der Bibliothek präsentiert. Aber auch auf verschiedene andere Arten erwachte die Arbeit zum Leben: durch Stefano Faravelli und seine 40-köpfige Künstlergruppe; in Form einer Choreografie der Tänzerin Heike Hennig; und dank dem Autor Alessandro Baricco, der Teile des Projekts zusammen mit jungen Schriftstellern der Scuola Holden in Turin adaptiert hat.

Aber vor allem gehört der ‚Stadtplan der Emotionen‘ den Einwohnern von Matera, die ihn gemalt haben. In diesem aufregenden Jahr haben lokale Freiwillige bisher jede Veranstaltung mitgetragen - und sie werden bis zum Schluss dabei bleiben. Viele der Gemeinschaftsprojekte werden von den Einheimischen geleitet und ins Leben gerufen. Damit folgten sie einer öffentlichen Ausschreibung, die noch bis zum 30. Juli läuft. Beeindruckend ist die Bandbreite der von den Einwohnern initiierten Projekte: von Studenten gebaute Sensoren zur Wasserstandsmessung eines Flusses, ein Workshop für behinderte Kinder, bei dem Pappmaché-Engel für das Floß der Madonna della Bruna gebastelt werden, und eine neue Theaterbühne, die in einer verlassenen Eisenbahnstation zum Leben erweckt wird.

Wer noch stärkere visuelle Eindrücke wünscht, findet auch die in Matera: Das Festival Circus+ bietet fesselnde Aufführungen von 112 Künstlern aus 23 internationalen Zirkusunternehmen. Die nach der Show aus den Zelten strömenden Zuschauer waren euphorisch: „Absolut großartig! So was hab ich noch nie gesehen“, sagte ein Besucher. Tiere waren nicht dabei, dafür alle anderen Zirkusklassiker und noch viel mehr, u. a. Seile, Trapeze, Leitern, Tellerjonglagen, Mini-Bikes, Hula-Hoops, Wasserschläuche und wirbelnde Röcke - wobei eine solche Liste das Live-Erlebnis natürlich nicht annähernd nachempfinden kann. „Es war außergewöhnlich, wie Theater im Zirkuszelt“, meinte ein Zuschauer mit glänzenden Augen. „Es lädt zum Träumen ein“, meinte ein anderes Paar. Jedes der fünf Zirkuswochenenden hatte ein Thema: ‚Kontinuität und Unterbrechung‘ bot Gymnastik-Shows, bei denen Hilfsmittel und Artisten verschmolzen, und ‚Zirkus als Innovation‘ stellte die Traditionen der Kunstform infrage, indem es zügellose Choreografien und Akrobatik von The Black Blues Brothers, Mister David and The Family DEM und El Grito einarbeitete.

Das 48 Wochen dauernde Programm der europäischen Kulturhauptstadt zeigt Matera nicht nur als einen Ort, sondern als eine Identität, die durch das Teilen von Lebensräumen und -weisen geprägt ist. Die Gewohnheiten, die die Einwohner über Jahrzehnte und Jahrhunderte beibehielten, sind zu Materas Kultur geworden. Zur Würdigung der lebendigen Geschichte gehört auch, sich mit der Schande auseinanderzusetzen. Während die Sassi heute Zentrum kreativer Verwirklichung sind, wurde Materas Höhlensiedlung lange Zeit als Architektur der Schande aufgrund der großen Armut seiner Bewohner bezeichnet. Und so wurde beim Theaterstück ‚Poetry of Shame‘ eine Geschichte der Wiedergutmachung erzählt, mit der Botschaft, dass mit der Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit Schande überwunden und menschliches Potenzial freigesetzt werden kann. Mit dem Ziel, Schande in Schönheit zu verwandeln, behandelte ‚Poetry of Shame‘ schwierige Themen wie Körper, Familie, Sex, Versagen und Andersartigkeit. Dabei wurden mithilfe tänzerischer Darbietungen, die Rock mit Oper verbanden, die innersten Eigenschaften dessen betrachtet, was es bedeutet, Mensch zu sein. Vor Beginn des Stücks sollten die Zuschauer aufschreiben, für was sie sich schämen, und den Zettel behalten. Das verlieh der Erfahrung eine zusätzliche Dimension, denn dadurch verschwammen die Grenzen zwischen der eigenen und der gemeinsamen Quelle von Schande.

Matera und seine Einwohner wünschen sich nichts mehr, als offen und gastfreundlich zu sein. „Matera umarmt Europa“, meinte ein erschöpfter, aber glücklicher Freiwilliger, kurz bevor der Vorhang bei der Eröffnungsveranstaltung fiel. Wer nicht zu Beginn des Jahres der europäischen Kulturhauptstadt in Matera sein konnte, kann die Energie auch bei zukünftigen Besuchen noch erleben, denn das Projekt ‚Stadtplan der Emotionen‘ gibt es weiter als lebendige Verbindung zwischen der Stadt und den Emotionen seiner Einwohner als ‚Mutter-Karte‘ in Taschenformat. So können Besucher, die Matera kennenlernen wollen, dies nicht nur für sich allein tun. Mit dieser Karte der Emotionen in den Händen folgen sie den Spuren der Menschen, die die Stadt zu dem gemacht haben, was sie heute ist.