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Kerala Spitzenreiter bei nachhaltigem Tourismus

Kerala Spitzenreiter bei nachhaltigem Tourismus
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Ein sich durch Reisfelder schlängelnder Weg. Links und rechts grüne Pflanzenteppiche, im Nebel am Horizont ein Palmenhain. Reiher suchen zwischen Reisbündeln nach Würmern. Die sanfte Wärme der aufgehenden Sonne lockert Schultern und Rücken. Nach einem erfrischenden Spaziergang erwartet einen das am See gelegene Haus mit Terrakottadach zurück. Die Küche lockt mit köstlichen Düften. Das üppige keralische Frühstück besteht aus dampfenden, fluffigen Appams aus gemahlenem Reis und einem Eintopf mit lokal angebautem Gemüse. Leise plätschern die Backwaters an der Terrasse vorbei, auf der die freundliche Gastfamilie sitzt. Ein Zuhause, zumindest für ein paar Tage.

Kerala ist ein schmaler Streifen Land an der Südspitze Indiens mit einer vielseitigen Landschaft und einer beeindruckenden Kultur. Die Region kann sowohl mit atemberaubenden Bergpanoramen als auch mit in Kolonialzeiten gegründeten Teeplantagen, ruhigen Backwaters und weißen Sandstränden aufwarten. Neben der entspannenden Wirkung der Landschaft sorgen auch Keralas Traditionen wie Kathakali und Teyyam dafür, dass ein Aufenthalt hier zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Doch anders als andere Orte hat Kerala es geschafft, die Schönheit der Landschaft, das Wohlbefinden der Bevölkerung und die Kultur trotz des zunehmenden Tourismus zu erhalten.

„2007 haben wir das Responsible-Tourism-Programm ins Leben gerufen, um die Gemeinschaften vor Ort und den Tourismussektor zusammenzubringen und nachhaltige Ansätze mit finanziellen, sozialen und ökologischen Vorteilen zu entwickeln“, erklärt Rani George, Secretary bei Kerala Tourism.

Kumarakom ist ein verschlafenes kleines Städtchen am Vembanadsee, dem größten See Keralas. An einem Ende befindet sich das Kumarakom Bird Sactuary, in dem neben Kuckucken und Nonnenkranichen auch viele andere Vogelarten leben. Die lokale Bevölkerung hier lebte vor allem von der Landwirtschaft und der Fischerei.

2007 wurde Kumarakom das erste Dorf, in dem die im Rahmen der Mission Responsible Tourism (Mission RT) entwickelten Ideen angewandt wurden. Die Gemeinschaft identifizierte neue Möglichkeiten für den Tourismus, und Hausbesitzer, Handwerksleute und die Ausübenden traditioneller Berufe öffneten gemeinsam Türen und Tore für Gäste.

„Der größte Vorteil der Regierungsinitiative in Kumarakom ist, dass wir den Ort nicht bewerben müssen“, so Unni Karthikeyan, der das charmante Nallathanka Nest leitet. „Dank der Mission RT konnte dieses wenig bekannte Backwater-Dorf einen stetig wachsenden Tourismus verzeichnen.“

Karthikeyan, der Reise- und Tourismusmanagement studiert hat, öffnete 2009 das Haus seiner Familie für den Tourismus, wie viele andere Hauseigentümer in dem Dorf am See.

Diese Übernachtungsmöglichkeiten bieten den Gästen einen Einblick in das lokale Familienleben und ermöglichen ihnen die Verkostung traditioneller Gerichte mit Zutaten aus der Region. Karthikeyans Vater fängt in dem Kanal neben dem Grundstück Fische, und die Gäste des Nallathanka Nest können ihn begleiten, um das Fischen in den Backwaters selbst zu erleben.

Im Rahmen der Mission RT werden auch „Experience Tours“ angeboten, die sich um das Dorfleben oder den Alltag in der Landwirtschaft oder im Handwerk drehen.

Auf dem Weg durch die Reisfelder kann man den Anbau von Aussaat bis Ernte beobachten. Wenn man sich dafür entscheidet, eine Fischereitour mitzumachen, gleitet man in einem hölzernen Kanu durch ruhige Kanäle und fängt selbst Krebse und Fische, die später von lokalen Familien auf traditionelle keralische Art gekocht werden. Auf einer Entdeckungstour durch die Gassen entdeckt man Frauen, die Bambuskörbe flechten oder Teppiche aus getrockneten Palmblättern knüpfen und gern einen Einblick in ihre Kunst geben.

Laut der Mission RT gab es früher kaum touristisch bedingte Einkäufe von lokalen Gütern. Doch die Initiativen, die Handwerk und Landwirtschaft zusammenbringen, kurbeln die Wirtschaft sichtbar an.

In ganz Kerala gibt es etwa 17.000 Orte und damit rund 100.000 Menschen, die mit dem Programm zusammenarbeiten. Insgesamt betrug der Umsatz letztes Jahr 2 Millionen Euro. Allein in Kumarakom wurde durch den Verkauf lokaler Produkte eine halbe Million Euro umgesetzt.

Nach den Spaziergängen durch das Dorf ist das Samridhi Ethnic Food Restaurant ein gutes Ziel. Das Mittagessen – bestehend aus regional angebautem Reis, einem roten Curry mit Fisch (gefangen von lokalen Fischern) und gekochtem Gemüse der lokalen Agrargenossenschaft – wird liebevoll und einem Kunstwerk gleich auf einem Bananenblatt angerichtet.

Das 2011 gegründete Restaurant ist ein gutes Beispiel für die symbiotische Beziehung von Tourismus und lokaler Bevölkerung. Die Mission RT hat zehn Anwohnerinnen zu Unternehmerinnen und Köchinnen ausgebildet und ihnen einen Kredit gegeben, um das Geschäft beginnen zu können.

„Dieses Projekt hat unser Leben und unser Selbstbild verändert“, so Puthuparambil Raji, die im Restaurant arbeitet. „Vorher waren wir Hausfrauen, haben für unsere Familien gekocht und sind kaum aus dem Haus gekommen. Aber jetzt treffen wir Leute aus aller Welt, die sich über das von uns gekochte Essen freuen.“

Das Restaurant bietet den Frauen auch finanzielle Selbstbestimmtheit. Es ist den ganzen Tag über geöffnet und bietet Frühstück, Snacks, Mittag- und Abendessen an. Die Frauen haben fast durchgängig zu tun – ein Zeichen dafür, dass die Speisekarte gut ankommt. Sie konnten jetzt sogar expandieren und beliefern auch Veranstaltungen in der Region.

Die Initiativen von Kerala Tourism wurden auf den UNWTO Ulysses Awards 2013, mehreren Preisverleihungen der Pacific Asia Travel Association (PATA) und nationalen Preisverleihungen ausgezeichnet. Im September 2019 gewann Kerala Tourisim drei goldene PATA-Auszeichnungen. Eine davon ging an das Restaurantprojekt Samridhi in Kumarakom.

Doch die Regierung will sich auf diesen Lorbeeren keinesfalls ausruhen.

Kerala Tourism will in Zukunft Tourismuszielen ein grünes Zertifikat ausstellen und mit CO2-Ausgleichsberechnungen für mehr Umweltfreundlichkeit sorgen. Kumarakom wurde von der Mission RT bereits als plastikfreie Zone ausgerufen. Weitere Reiseziele in Kerala sollen dieses Jahr folgen.

„Wenn wir die Augen der Leute nicht für verantwortungsbewussten Tourismus öffnen, gibt es keine Hoffnung auf eine nachhaltige Welt“, so Rupesh Kumar, Koordinator der RT-Mission in Kerala. „Wir müssen jetzt handeln.“