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Santiago Calatrava: "Architektur ist Kunst"

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Santiago Calatrava: "Architektur ist Kunst"
Copyright  euronews   -   Credit: Dubai Tourism
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Im Einklang mit den neuen Arbeitsweisen angesichts der Covid-19-Pandemie spricht Santiago Calatrava per Video mit euronews. Der 68-Jährige ist ein spanisch-schweizerischer Architekt, Bauingenieur und Künstler.

Euronews-Reporterin Jane Witherspoon:
Vielen Dank, dass Sie heute unter diesen sehr ungewöhnlichen Umständen mit uns sprechen. Können Sie mir zunächst erzählen , wie Ihre Karriere in der Architektur begonnen hat?

Santiago Calatrava, Architekt: Nach meinem Studium wollte ich auf eine Kunstschule gehen. Ich besuchte Notre Dame in Paris. Ich erinnere mich, dass es gegen 11 Uhr war, durch eine der Rosetten fiel das Licht ein – alles war voller Farben, voller Licht. Das öffnete mir die Augen für die Tatsache, dass Architektur auch Kunst ist.
Für mich hatte das Architekturstudium immer auch mit Kunst zu tun. Ich studierte auch Bauingenieurwesen, weil ich mehr über das Material, die Materialien der Architektur, über die Gesetze der Konstruktion, über die Regeln der Statik und all die mathematischen Aspekte wissen wollte, in Bezug auf die Konstruktion an sich als Prozess und auch als Ergebnis. Aber letztendlich war es die Idee, dass Architektur eine Kunst ist, die mich vom ersten Tag an packte.

Vision für die Zukunft

Euronews:
Ihr Stil wurde als 'Neo-Futurismus' beschrieben, wie würden Sie ihn beschreiben?

Santiago Calatrava:
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich einen Stil habe. Aber wenn ich einen habe, dann ist es der Stil meiner Zeit - natürlich immer vorwärts denkend, immer daran arbeitend, wie man die Dinge besser machen, wie unser Leben verbessert werden kann, wie unsere Gebäude gewagter oder schöner oder menschengerechter werden können. Und das macht sie schließlich zu einer Vision für die Zukunft. Weil ich glaube, dass die Zukunft - zumindest hoffe ich das - , so gut sein wird wie unsere heutige Zeit.

Euronews:
Sie sind im spanischen Valencia geboren. Wie beeinflusst ihre Heimatstadt und wie hat Ihre Heimatstadt Ihren Stil über die Jahre beeinflusst?

Santiago Calatrava:
Es war ein guter Ort, um dort aufzuwachsen, denn auf einer Seite ist Valencia dem Mittelmeer zugewandt. Es ist eine weltoffene Stadt aufgrund des Meeres und sie ist auch traditionell eine sehr offene Stadt mit vielen wunderbaren Denkmälern.

Architektur braucht ein Team

Euronews:_
Welcher Teil des Architekturprozesses reizt Sie am meisten?_

Santiago Calatrava:
Ich war von Anfang an sehr mit der Entwicklung oder dem Projekt selbst verbunden. Ich zeichne viel. Ich mache viele Skizzen, und glücklicherweise habe ich Leute um mich herum, die diese Dinge nehmen und sie in reale Projekte und dann auch in reale Konstruktionen umsetzen. Architektur ist ein Beruf, in dem man viele gute Leute um sich herum braucht.

Euronews:
Man wird als Stararchitekt bezeichnet, aber man ist nur so gut wie das Team um einen herum.

Santiago Calatrava:
Da geht es eher um einen Qualifikationsfaktor, den man mit anderen Disziplinen verbindet. Architektur, wie ich schon sagte, ist eine bescheidene Arbeit, es ist nicht etwas Extravagantes. Es geht um viele Arbeitsstunden und manchmal sogar nicht nur um Tage, sondern Wochen, Monate, sogar Jahre.

Euronews:
Wir sind hier in Dubai. Warum zeichnet sich Dubai als Stadt der Architektur aus?

Santiago Calatrava:
Ich erinnere mich sehr gut daran, wie begeisterungsfähig ich war, als ich 14 Jahre, 20 Jahre, 25, 30 Jahre alt war. Wie viel Energie man hatte, wie viele Träume, wie viel Hoffnung man hatte. Man kann das auch in Orte hineinprojizieren, und Dubai ist sicherlich ein enorm enthusiastischer Ort voller Energien. Es ist eine der Städte, die heute fast zu 100 Prozent unsere Zeit repräsentiert, fast zu 100 Prozent zu unserer Zeit, zu unserer Generation passt.

Euronews:
Sie bauen derzeit den Dubai Creek Tower, der nach seiner Fertigstellung der höchste Turm der Welt sein wird. Woher kam die Inspiration dafür?

Santiago Calatrava:Die Idee für den Dubai Creek Tower war eine Blume mit einem langen Stiel, die Spitze sieht aus wie eine Tulpe. Warum eine Blume? Ich dachte mir, was für ein schönes Bild für etwas, was sehr einfach sein muss, sehr in sich geschlossen und von allen als schön angesehen werden soll.

Euronews:
Sie bauten das 'Turning Torso'-Hochhaus im schwedischen Malmö; den Montjuic-Kommunikationsturm in Barcelona; Sie sind auch für den Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Expo 2020 verantwortlich. Was hat sie dafür inspiriert?

Santiago Calatrava:
Ich habe versucht, etwas zu entwerfen, das in meinen Augen das Wesen oder einen Teil des Wesens ihrer Kultur darstellt. Also nahm ich einen Vogel. Ich nahm einen Falken mit offenen Flügeln, und aus der Idee des Falken entstand die Idee des Pavillons.

Wir müssen auf die Erde aufpassen, wir haben keinen zweiten Planeten.
Santiago Calatrava
Architekt

Euronews:
Wie verschiebt moderne Architektur Grenzen?

Santiago Calatrava:
Heute können Materialien wie z.B. Kohlefaser die Art und Weise verändern, wie Architektur entsteht, man kann neue Formen entwerfen und Grenzen erweitern. Andere Dinge, die Grenzen verschieben, sind zum Beispiel neue Technologien aus dem Energiebereich. Unser heutiges Verständnis von Energie unterscheidet sich stark von dem vor dreißig Jahren. Heute spielt Nachhaltigkeit eine viel größere Rolle.

Euronews:
Ihr Museum von Morgen in Rio gilt als eines der besten Beispiele für nachhaltige Architektur. Warum ist nachhaltige Architektur wichtig?

Santiago Calatrava:
Wir müssen auf die Erde aufpassen, wir haben keinen zweiten Planeten. Wir müssen auch versuchen, der nächsten Generation diese Erde mindestens so gut zu übergeben, wie wir sie vorgefunden haben.

Euronews:
Was hält die Zukunft für Sie bereit?

Santiago Calatrava:
Ich habe mir vorgenommen, bis zum Ende meines Lebens zu arbeiten, wenn mir das vergönnt ist. Mir gefällt meine Arbeit. Was ich mache, verschafft mir eine Menge Befriedigung. Dadurch bleibe ich begeisterungsfähig und voller Hoffnung. Ich mag auch die Menschen um mich herum, die Menschen, mit denen ich arbeite, und ich glaube, wenn ich es mir leisten kann, werde ich bis zum letzten Tag meines Lebens arbeiten.