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Avni Doshi: Meine Fehler waren meine produktivsten Momente

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Avni Doshi: Meine Fehler waren meine produktivsten Momente
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Ein Interview mit der in Dubai lebenden Schriftstellerin Avni Doshi über ihre Nominierung für den Booker Prize 2020 für ihren Erstling "Burnt Sugar", das Emirates Literary Festival und darüber, warum Literatur in der Region so wichtig ist.

Avni Doshi schrieb sieben Jahrean an ihrem ersten Roman. Er steht derzeit auf der Short List für den Booker Prize 2020, einem der renommiertesten Literaturpreise der Welt.

Euronews-Reporterin Jane Witherspoon:
Die Autorin Avni Doshi mein Gast für dieses Interview. Sie wurde mit ihrem ersten Roman für den Booker Prize nominiert. Herzlichen Glückwunsch. Was ist das für ein Gefühl?

Avni Doshi, Schriftstellerin:
Es ist surreal. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so weit komme. Selbst auf der Long List zu stehen, war eine große Überraschung.

Euronews:
Das ist einer der wichtigsten Literaturpreise der Welt. Und Sie sind mit ihrem ersten Roman nominiert. Das ist ein guter Anfang.

Avni Doshi:
Ja, das ist es. Ich habe mehr als sieben Jahren an diesem Roman gearbeitet. Dass er jetzt veröffentlicht ist und in den Buchläden steht, empfinde ich als eine große Leistung.

Euronews:
Um was geht es in dem Buch?

Avni Doshi:
Der Roman erzählt die Geschichte einer Mutter und einer Tochter, Anthera und Tara. Sie haben eine sehr schwierige Beziehung. Bei Tara, der Mutter, wird Alzheimer diagnostiziert. Damit kommt ihre Tochter in eine Zwickmühle, denn sie muss sich um eine Frau kümmern, die sich nie wirklich um sie gekümmert hat.

Euronews:
Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?

Avni Doshi:
Vieles entstammt meiner Fantasie. Beziehungen zwischen Frauen interessieren mich wirklich. Aber auch bei meiner Großmutter wurde vor etwa vier Jahren Alzheimer diagnostiziert. Deshalb brachte ich auf halbem Wege des Romanschreibens die Alzheimer-Komponente ein, weil ich so viel über die Krankheit gelesen habe.

Ich habe nie viel geschrieben. Ich habe immer viel gelesen... Aber ich fühlte einfach den Drang.
Avni Doshi
Schriftstellerin

Euronews:
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Wollten Sie das schon immer? Was hat Sie dazu inspiriert, Ihren ersten Roman zu schreiben?

Avni Doshi:
Ich habe nie viel geschrieben. Ich habe immer viel gelesen. Ich habe Kunstgeschichte studiert. Aber ich habe schon immer gerne Literatur gelesen. Und als ich um die 20 war, begann ich mich für zeitgenössische Belletristik zu interessieren. ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, zu schreiben. Aber ich fühlte einfach den Drang.

Euronews:
Wie funktioniert Ihr Schreibprozess? Ist es einfach, oder haben Sie die berühmte Schreibblockade bekommen, über die alle reden? War es teilweise wirklich herausfordernd und schwierig?

Avni Doshi:
Das Schreiben des Buches war wirklich ein harter Kampf. Ich hatte keine Ahnung davon. Ich habe keine Ausbildung im Schreiben. Ich habe nie einen Master gemacht (MFA) oder Kurse für kreatives Schreiben belegt. Für mich war der Prozess wirklich mein Lehrer. Mit jedem Entwurf lernte ich wirklich zu schreiben. Die Fehler, die mir im Schreibprozess unterliefen, waren meine produktivsten Momente. Denn sie zeigten mir, was ich falsch gemacht hatte und was ich noch verbessern musste.

Euronews:
Wenn Sie wieder am Anfang stünden, würden Sie etwas anders machen?

Avni Doshi:
Ich würde versuchen, nicht so dickköpfig zu sein. Während des Schreibens war es wirklich schwierig für mich, bestimmte Aspekte des Buches aufzugeben. Aber, wissen Sie, es gibt das alte Sprichwort: "Töte deine Lieblinge". Ich würde versuchen, meine Lieblinge etwas früher im Schreibprozess zu töten.

Ich war schon immer eine Art Außenseiterin in der Gesellschaft, in der ich gelebt habe. Das gibt einem oft die Perspektive eines Beobachters.
Avni Doshi
Schriftstellerin

Euronews:
Ich könnte mir vorstellen, das eine der Herausforderungen ist, die Geschichte so universell zu gestalten, dass sie Menschen aus der ganzen Welt angesprochen fühlen. Sie sind in New Jersey aufgewachsen. Jetzt leben Sie in Dubai - wie hat dieser Aspekt bei dem Buch geholfen?

Avni Doshi:
Ich hatte fast mein ganzes Erwachsenenleben lang immer eine Art Außenseiterperspektive. Ich habe seit ich Anfang 20 war, nicht mehr in den Staaten gelebt. Ich war schon immer eine Art Außenseiterin in der Gesellschaft, in der ich gelebt habe. Das gibt einem oft die Perspektive eines Beobachters. So kann man Zeuge der Geschichten anderer werden. Und ich glaube, das war sehr hilfreich für mich.

Euronews:
Warum haben Sie sich als Außenseiterin gefühlt? Warum haben Sie sich in jeder Gesellschaft, in der Sie gelebt haben, als Außenseiterin gefühlt?

Avni Doshi:
Als ich mit etwa 20 Jahren nach Indien zog, dachte ich, ich würde mich dort wirklich zu Hause fühlen. Aber als jemand, der in den USA aufgewachsen ist, war ich anders. Mein Hintergrund war anders. Meine Bezugspunkte waren anders. Meine Ausbildung war anders. Auch wenn ich mich in gewisser Weise zu Hause fühlte. In gewisser Weise stand ich auch außerhalb der Gesellschaft.

Literatur in Dubai

Euronews:
Wir sind in Dubai. Wie wichtig ist die Literatur für diese Region? Sie engagieren sich sehr stark für das Emirates Literature Festival. Erzählen Sie mir mehr davon.

Avni Doshi:
Ich finde das Emirates Literature Festival einfach unglaublich. Sie leisten so großartige Arbeit bei der Förderung der Literatur im ganzen Land, in der ganzen Region. Sie laden Autoren von internationalem Rang für eine Lesung nach Dubai ein. Das ist wirklich großartig. Ich bin wirklich stolz darauf, an all der guten Arbeit beteiligt zu sein, die sie leisten. Es wäre toll, wenn es mehr Anstrengungen an der Basis gäbe. Ich weiß, dass Einzelpersonen an Sachen arbeiten. Deshalb bin ich gespannt, was sich in Zukunft noch alles ergeben wird.

Euronews:
Sie erwähnten die Graswurzelebene. Wie wichtig ist es für lokale Autoren, hier eine Plattform zu haben?

Avni Doshi:
Das ist unheimlich wichtig. Wir befinden uns in einem Moment, in dem immer mehr junge kreative Menschen in Dubai leben. Und es wäre wunderbar, vielleicht Uni-Programme für sie zu haben. Es wäre wunderbar, mehr Literaturzeitschriften mit Sitz in der Region, mit Sitz im Land zu haben. Es gibt vieles, was man tun könnte, Residenz- oder Stipendienprogramme für ausländische Schriftsteller anzubieten, damit sie hier leben und mit Studenten arbeiten können.

Lesen ermöglicht Leben

Euronews:
Was denken Sie über die verschiedenen Alphabetisierungsgrade? Nicht alle haben so viel Glück wie wir, dass sie Zugang zu Büchern haben, dass sie Lesen gelernt haben. Es gibt immer noch Kinder auf der ganzen Welt, die nichts davon haben.

Avni Doshi:
Dass muss für jede Regierung und jede Gesellschaft oberste Priorität haben. Es geht darum, Lesen und Schreiben wirklich zu fördern. Denn auf diese Art und Weise haben die Menschen Zugang zum Leben und können ihre Situation verbessern. Deshalb denke ich, dass es gerade in Ländern wie Indien wirklich wichtig ist, dass die Alphabetisierung an der Spitze jeder Art von politischer Bewegung steht.

Euronews:
Was würden Sie als Frau und sehr erfolgreiche Frau jemandem raten, der ein Buch schreiben möchte? Welche Ratschläge können Sie aus Ihrer Erfahrung geben?

Avni Doshi:
Jeder hofft, dass es eine bestimmte Methode oder vielleicht einen Kurs gibt, den er belegen kann. Aber das Wichtigste ist wirklich, sich jeden Tag einfach an den Schreibtisch zu setzen und sich zu konzentrieren. Ich glaube auch, dass Lesen wahrscheinlich der beste Lehrer für das Schreiben ist: Die Arbeit zu sehen, die Autoren vor einem selbst geleistet haben. So habe ich wirklich eine Menge über das Schreiben gelernt.

Euronews:
Was würde der Booker-Prize für Sie bedeuten?

Avni Doshi:
Ich kann mir diese Auszeichnung kaum vorstellen. Es ist so eine große Sache, ich kann es kaum glauben. Es wäre wundervoll, ein Traum, der wahr wird.

Euronews:
Lebensverändernd.

Avni Doshi:
Lebensverändernd - ja, es hat bereits mein Leben verändert.

Euronews:
Wir drücken Ihnen die Daumen. Avni Doshi vielen Dank, dass Sie mein Gast waren.