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Angelique Kidjo: "Es gibt keine Menschlichkeit ohne Musik"

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Von Jane Witherspoon, Sabine Sans
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Angelique Kidjo: "Es gibt keine Menschlichkeit ohne Musik"
Copyright  euronews   -   Credit: Dubai
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Sie wurde als "Afrikas erste Diva" und als eine der 100 inspirierendsten Frauen der Welt gefeiert: Angelique Kidjo. Mit euronews spricht die Grammy-Preisträgerin über ihre Karriere, ihre Arbeit als Unicef-Botschafterin und die Rolle der Frauen in der Welt.

Euronews-Reporterin Jane Witherspoon:

In dieser Interview-Folge treffen wir Angelique Kidjo im Rahmen der Eröffnungszeremonie der Expo 2020. Es ist das erste Mal, dass sie im Nahen Osten, Afrika und Asien abgehalten wird. Welche Bedeutung hat das?

Angelique Kidjo, Singer-Songwriter:

Es ist an der Zeit, dass sie hier stattfindet. Die Fähigkeit der afrikanischen Länder und des Nahen Osten, diese Art von Veranstaltungen auszutragen, besteht schon eine Weile. Und für die afrikanischen Länder ist es auch der Beginn einer neuen Ära, denn Afrika ist in Bewegung und im Aufwind. In Afrika tut sich viel, und ich freue mich, dass diese Expo dem Rechnung trägt und die Welt in ihrer Entwicklung beobachtet.

Wir müssen anfangen, alle Menschen gleichzubehandeln

Euronews:

Das Expo-Thema lautet "Connecting Minds". Was bedeutet Ihnen das persönlich, und für Afrika?

Angelique Kidjo:

"Connecting minds" ist mein Motto, seit ich angefangen habe zu singen. Ich baue kulturelle Brücken durch meine Musik, durch Zusammenarbeit, und weil ich seit meiner Kindheit das Gefühl hatte, dass man immer Fehler macht, wenn man etwas nicht weiß. Wenn man informiert ist, wenn man sich unterhält, denkt man über alles, was man tut, anders. Ich bin um die Welt gereist und habe erkannt, dass wir uns gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, denn jeder Mensch auf dieser Erde ist von einem Vater und einer Mutter geboren worden. Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe man hat. Die Bedürfnisse, die wir haben, und die Träume, die wir für unsere Kinder haben, sind überall die gleichen. Es gibt keine Sprache, keine Hautfarbe, keine Nationalität. Für mich ist meine Musik das, was sie ist, in Zukunft müssen wir das Thema „Connecting Minds, Creating the Future“ ernst nehmen und alle gleich behandeln. Wir müssen anfangen, alle Menschen gleichzubehandeln, nicht zu urteilen und Wohlstands-Standards über den Verstand und die Kreativität der Menschen zu stellen.

Euronews:

192 Länder kommen in Dubai zu dieser Expo zusammen. Und nach der jüngsten Zeit, die wir alle erlebt haben, brauchen wir das mehr denn je.

"Es braucht einen Virus, um uns daran zu erinnern, dass wir um unseretwillen und für unsere gemeinsame Zukunft zusammenleben müssen."
Angelique Kidjo

Angelique Kidjo:

Nach der Pandemie und bereits während der Pandemie wurde uns bewusst, dass wir nicht allein sind. dass wir nicht allein leben können. Es braucht einen Virus, um uns daran zu erinnern, dass wir um unseretwillen und für unsere gemeinsame Zukunft zusammenleben müssen. Es spielt keine Rolle, wo wir leben, wir sind miteinander verbunden. Und wir erkennen auch, dass wir gemeinsam stärker sind. Gemeinsam können wir die wichtigsten Probleme, die es gibt, angehen. Auch der Klimawandel ist ein drängendes Problem. Er wird zu einer Realität. Es sind nicht mehr nur die armen Länder, die unter dem Klimawandel leiden, über den niemand reden will, den niemand sehen will. Jetzt sind es alle. Deutschland, die USA und ganz Europa sind davon betroffen. Und das ist erst der Anfang.

Frauen sind das Rückgrat der Gesellschaft

Euronews:

Ein weiteres Thema, für das Sie sich leidenschaftlich einsetzen, ist die Bildung von Frauen und Mädchen. Warum ist das für Sie so wichtig und was muss noch getan werden?

Angelique Kidjo:

Nachdem ich 2002 zur Unicef-Botschafterin des guten Willens ernannt wurde, war die erste Frage, die ich stellte: Was bedeutet es, Unicef-Botschafter zu sein? Ich bin nicht gut im Smalltalk und auch nicht gut darin, Politikern die Hand zu schütteln, weil ich immer den Mund aufmache und mich in Schwierigkeiten bringe. Auf die Frage, was ich tun wolle, sagte ich: die Rolle der Frau stärken, Bildung für junge Mädchen, Bildung für Kinder. Schon auf meiner ersten Reise nach Tansania wurde mir klar, dass die Frauen und die jungen Mädchen überall in Afrika die Gesellschaft bestimmen. Die afrikanischen Frauen sind das Rückgrat des Kontinents, und das gilt auch für andere Länder. Wie würde eine Gesellschaft ohne Frauen aussehen? Wir können nicht so weitermachen. Wir können es uns nicht leisten, mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung beiseite zu lassen und zu denken, dass die Bevölkerung schon funktionieren wird. Und ich habe erkannt, dass junge Mädchen, die durch Bildung gestärkt werden, irgendwann keine Bildung mehr brauchen. Was sie brauchen, ist eine Startfinanzierung für ihr Unternehmen. Innerhalb von drei Monaten kann man die Auswirkungen sehen. Sie schaffen Arbeitsplätze. Das Leben ist besser. Sie fangen an, Geld für die Schule ihrer Kinder zu sparen, für die Kinder, die sie in Zukunft haben werden. Für ihre Familie und ihre Gemeinde. Sie tun viel, um die Armut zu bekämpfen, sie bekämpfen die meisten der Probleme, über die wir sprechen.

Euronews:

Sie blicken auf eine beachtliche Karriere zurück. Musik ist eindeutig ihre erste Liebe. Sie haben so viele Preise und Grammys gewonnen. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Angelique Kidjo:

Verantwortung. Es bedeutet, dass ich härter arbeiten muss und dass ich wahrscheinlich auf dem richtigen Weg bin, indem ich meine Stimme zum Wohle der Menschheit einsetze. Ich sitze hier und jeder Teil meines Körpers ist überall: Wenn irgendwo jemand leidet, leide ich auch. Wenn Menschen hungern, wenn Kinder ohne Essen zu Bett gehen, ist das eine Schande für uns alle. Es gibt genug Nahrung auf diesem Planeten, um alle zu ernähren. Wir verschwenden so viele Lebensmittel, dass wir uns schämen sollten, dass wir nicht wissen, dass es Menschen gibt, die in diesem Moment keine einzige Mahlzeit am Tag bekommen haben. Das bereitet mir jeden Tag Sorgen, denn ich weiß, dass wir die Lösungen haben. Wir wissen, dass wir es ändern können. Hier heißt es "Connecting Minds, Creating the Future". Wir handeln nicht gemeinsam, wir schaffen keine Zukunft, wenn unsere Kinder krank sind. Kein Kind geht mit leerem Bauch in die Schule und ist aufnahmefähig. Es sind ganz einfache Dinge, die wir nicht auf die Reihe bekommen.

Kulturelle Brücken mit Musik bauen

Euronews:

Sie sagten, dass Sie mit Ihrer Musik kulturelle Brücken bauen. Warum sind die Künste und die Musik im Besonderen so wichtig für die Gesellschaft und so universell?

Angelique Kidjo:

Was passierte am Anfang der Pandemie? Die Leute standen singend an den Fenstern und ermutigten das Gesundheitspersonal. Denn Musik ist eine universelle Sprache. Ich habe schon mit Orchestern gearbeitet, in denen nicht zwei Menschen dieselbe Sprache sprechen. Und von dem Moment an, in dem wir die Worte weglassen und Musik machen, sprechen wir alle dieselbe Sprache. Es gibt keine Menschlichkeit ohne Musik. Denn bevor wir zu sprechen begannen, haben die, die vor uns gekommen sind, - bevor der Homo sapiens, wie wir uns nennen, aufgetaucht ist,- eine Transformation durchgemacht und die Natur hat ihnen Nahrung gegeben. Geräusche haben ihnen den Sinn für Musik und Worte gegeben. Musik ist also wirklich etwas, das jedem von uns innewohnt.