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Zigtausenden Mädchen in Europa droht Genitalverstümmelung


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Zigtausenden Mädchen in Europa droht Genitalverstümmelung

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“Ich wurde mit Gewalt niedergedrückt, meine Beine gespreizt, und ich fühlte einen scharfen Schnitt zwischen den Beinen. Ich wusste nicht einmal, was sie schneiden, ich wusste nur, dass sie etwas von meinem Intimbereich wegschneiden. Es war schockierend für mich, denn am wengisten hätte ich erwartet, dass mir meine eigene Familie diese Art von Gewalt antut.”

Sarian war elf, als ihre Genitalien verstümmelt wurden. Sie lebte zu jener Zeit noch in ihrer Heimat Sierra Leone. Heute betreibt sie einen Laden in London. Ihr wurden damals bei einer Feier die Augen verbunden, und dann schnitt man ihr – ohne Betäubung – die Klitoris mit einem Messer ab. “Sie haben das bloß gemacht, weil sie dachten, dass ich Teil ihrer Kultur sei und vollkommen von der Gemeinschaft akzeptiert werden müsste. Es steht in keinem der heiligen Bücher. Es ist lediglich eine Sitte – eine schlechte Sitte. Dass man Frauen solch einen Schmerz bereitet! Es geht nur darum, Frauen zu kontrollieren, speziell ihren Sexualtrieb. Und das funktioniert, glauben Sie mir, denn wenn man Ihnen das einmal wegschneidet, ist Ihre sexuelle Lust für immer hin.”

Allein in Großbritannien schätzt die Regierung, dass mindestens 170.000 Mädchen und Frauen hier leben, deren Genitalien verstümmelt wurden. Und dass etwa 65.000 Mädchen unter 13 Jahren dasselbe droht. Vielen passiert es in ihren Herkunftsländern – Somalia, Gambia und Sudan vor allem. Doch einige Berichte weisen darauf hin, dass Genitalverstümmelung auch im Vereinigten Königreich illegal praktiziert wird. Seit April vergangenen Jahres verzeichnete der britische Gesundheitsdienst NHS zwölfhundert Fälle pro Quartal – das entspricht hundert pro Woche. Und dies sind nur die gemeldeten Fälle.

Brenda Kelly betreibt in Oxford die Rose Clinic, die auf die Behandlung der Opfer spezialisiert ist. Sie weiß, dass die Verstümmelung lebenslangen gesundheitlichen Schaden anrichten kann: “Bei einem Kind können es Schmerzen, Blutungen und Infektionen sein. Doch die Mehrheit meiner Patientinnen sind Frauen im Erwachsenenalter, die die Folgen voll durchleben. Die Schwierigkeiten haben können beim Urinieren, beim Durchfluss des Menstruationsblutes und bei sexuellen Kontakten. Eine signifikante Zahl von Frauen leidet unter bleibenden psychologischen und psychosexuellen Folgen. Eine von sechs Frauen weist ein posttraumatisches Stresssyndrom auf oder entsprechende Symptome.”

“Schneide-Saison” in den Sommerferien

Vereine, die gegen Genitalverstümmelung kämpfen, berichten, dass ältere Frauen, die diese typischerweise durchführen, nach Großbritannien eingeflogen würden, um hier illegal zu praktizieren. Die Polizei hegt auch den Verdacht, dass die Familien ihre Töchter in den Sommerferien dafür in die Herkunftsländer bringen, und nennt es die “Schneide-Saison”.

“Mein Vater wollte mich via Skype verheiraten und mich vorher oder gleich nach der Heirat beschneiden lassen – vor jeglichen Sexualkontakten mit meinem Ehemann. Die Begründung dafür, dass ich beschnitten werden müsse, war, dass ich sonst kein guter Moslem bin, dass ich dem Islam nicht gehorche, und dass ich nach Urin riechen könnte. Da fing ich an, mir alle möglichen Fragen über mich selbst zu stellen. Bin ich keine Muslimin?” Nennen wir sie ‘Zara’ – sie will anonym bleiben. Sie wuchs in England auf und kam in große Bedrängnis, als ihr Vater, der aus Asien stammt, sie zwangsverheiraten und genitalverstümmeln wollte. “Es gab Tage, da saß ich einfach nur da und dachte, ob es nicht besser wäre, wenn ich nicht länger lebe.”

Viele Frauen und Mädchen leiden im Geheimen, in Großbritannien wie anderswo. Sie haben Angst, sich offen gegen ihre Familie und ihre Gemeinde aufzulehnen. ‘Zara’ entkam am Ende den Plänen ihres Vaters. Sie wandte sich an die Polizei und erhielt eine Schutzverfügung gegen Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung. Damit kann sie jeden, der sie dazu drängen will, vor Gericht bringen. Gegen ihren Vater wurde auch ein Strafverfahren eingeleitet, aber sie sagt, dass sie damit letztlich nicht durchkam. Ein großes Dilemma für ‘Zara’ wie für viele andere Opfer: Es sind die wichtigsten Bezugspersonen, meist die Eltern, denen sie am meisten vertrauen. “Ich möchte eine Botschaft aussenden. Gleichzeitig möchte ich aber auch ein Leben haben. Ich möchte meinen Vater nicht verlieren. Er war mein ganzes Leben für mich da, er war mein bester Freund, hört mir bei allem zu. Den Kontakt zu meiner Mutter hatte ich schon früh verloren, sie hatte schlimme psychische Probleme. Also ist er der einzige, zu dem ich hinlaufe und mein Herz ausschütte. Ich wollte das nicht verlieren.”

Inzwischen verstehe ihr Vater, warum sie sich so verhielt, sagt sie, und akzeptiere dies auch.

Die Täter: Väter und Mütter

Karyne Tazi arbeitet bei einer Wohlfahrtsorganisation, die Aufklärungskampagnen gegen Genitalverstümmelung durchführt. Sie sagt, dass oft Menschen die Verstümmelung veranlassten, die das Opfer liebten, die dies sogar als Akt der Liebe bezeichneten. Und dass es umso schwerer für die Opfer sei, die eigene Familie anzuzeigen. Vor allem bei den Müttern, die ja selbst schon beschnitten wurden, müsse man ansetzen: “Es geht meistens darum, die Denkweise dieser Frauen zu verändern, und sicherzustellen, dass dies nicht in die nächste Generation weitergetragen wird. Denn es sind ja wahrscheinlich diese Frauen, die es bei ihren Töchtern machen lassen, deshalb muss man ihnen klarmachen, dass es eine Form des Missbrauchs ist und illegal.” Die Wohlfahrtsorganisationen setzen auch mit Aufklärungsvideos in den Schulen in Großbritannien an.

Seit dreißig Jahren ist Genitalbeschneidung bei Frauen in Großbritannien verboten. In England und Wales können Eltern belangt werden, wenn sie ihre Kinder auswärts verstümmeln lassen. Theoretisch. Es gab aber nicht ein erfolgreiches Strafverfahren.

“Ich war damals hilflos”, erzählt ‘Zara’, “ich dachte, ich werde kein Leben mehr haben, ich hatte Angst, ich könnte als Sklavin irgendeines Mannes enden. Aber dann wurde mir gezeigt, was ich tun kann und was nicht. Ich habe das Gefühl, mehr Macht zu haben. Meine Botschaft für die Mädchen und Frauen ist, dass es sehr hart ist, darüber offen zu sprechen und gegen seine eigene Familie auszusagen. Aber am Ende wird es eine schöne Botschaft sein, und ein schönes Leben, dass den Frauen gegeben wird.”

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