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Manal Rostom: Leistungssportlerin und Vorkämpferin für Frauenrechte

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Manal Rostom: Leistungssportlerin und Vorkämpferin für Frauenrechte
Copyright  euronews   -   Credit: Dubai Tourism
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Manal Rostom ist eine Vorkämpferin für Frauenrechte, sie ist Aktivistin und Sportlerin. Die 40 Jahre alte Ägypterin hat als Bergsteigerin einige der höchsten Gipfel der Welt bezwungen und fünf der sechs wichtigsten Marathonläufe der Welt bewältigt.

euronews:

„Sie sind eine Aktivistin und Sportlerin, die bis dahin Unerreichtes erreicht hat. Sie waren die erste Ägypterin, die fünf der wichtigsten sechs Marathonläufe der Welt bewältigt hat. Sie haben einige der höchsten Gipfel erklommen. Doch diese Ausdauerleistungen waren nicht die einzigen Herausforderungen. Sie sahen sich aufgrund Ihrer Entscheidung, einen Hijab zu tragen, Benachteiligung ausgesetzt. Das führte zur Gründung einer Gruppe, die Sie ‚Den Hijab überleben‘ genannt haben und der fast eine Million Menschen angehören. Was ist ein Hijab und was bedeutet er Ihnen?

„Als ich aufgewachsen bin, habe ich das gehasst"

Manal Rostom:

„Er ist eine verpflichtende Form der Anbetung. Mit verpflichtend meine ich: Sobald ein Mädchen die Pubertät erreicht, muss sie einen Hijab aufsetzen. Aber wir sagen auch, dass es in der Religion keinen Zwang geben soll, der Hijab sollte den kleinen Mädchen nicht aufgezwungen werden - entgegen der landläufigen Meinung. Sei es aus kulturellen oder gesellschaftlichen Gründen: Manchmal zwingen Eltern in gewissen Ländern dieser Welt Frauen, einen Hijab zu tragen. Das wurde sofort mit dem Gedanken verbunden, dass verschleierte Frauen dazu gezwungen worden sind. Mir und vielen Frauen, die ich kenne, wurde der Hijab nie aufgezwungen. Ich bin Ägypterin, wurde in Kuwait geboren und bin dort aufgewachsen. Ich habe eine britische Schule besucht. Ich bin also das, was man ein Kind der dritten Kultur nennt. Man hat ständig Identitätskrisen: Bin ich Ägypterin? Bin ich zum Teil westlich? Bin ich Kuwaiterin? Wo gehöre ich hin? Mit diesen Gedanken und den Vorurteilen muslimischen Frauen gegenüber bin ich aufgewachsen. Das Vorurteil lautet: Wenn eine Frau verschleiert ist oder einen Hijab trägt, ist sie wahrscheinlich unnahbar, ungebildet, langweilig und nicht locker. Als ich aufgewachsen bin, habe ich das gehasst. Ich habe mich am 7. April 2001 entschieden, einen Hijab zu tragen. Das hat alle erschreckt. Als ich mich dazu entschlossen habe, bin ich nur zu meinem Vater gegangen und habe gesagt, dass ich mich entschieden habe, dazu zu stehen."

euronews:

„War er wie alle anderen überrascht?"

Manal Rostom:

„Er war sehr überrascht. Und er war sehr dagegen, dass ich einen Hijab trage."

euronews:

„Warum war er dagegen?"

Manal Rostom:

„Er sagte so etwas wie: ‚Wie willst Du dann Sport treiben? Wie willst Du dann weiterhin laufen gehen?' Ich war damals 21. Es gab keine Person, die verrückte Dinge machte und der ich mich verbunden fühlte. 2014 gab es einen Wendepunkt, als ich meinen Hijab ablegen wollte - wegen der Vorfälle, bei denen es hieß: Burkinis und Hijabs seien in Schwimmbädern verboten. Oder wenn man mit Freunden Fußball geguckt hat. Ich wollte das nicht mehr. Ich hatte den Eindruck, als würde die Gesellschaft meine Identität bestimmen, weil die Gesellschaft mich und andere Frauen hier und dort ausschloss. Mir wurde klar, dass ich nicht mit dem Strom schwimmen wollte. Mir kam der Gedanke, bei Facebook eine Gruppe zu gründen, die ich ‚Den Hijab überleben" genannt habe. Ich habe 80 Teilnehmerin per Hand hinzugefügt. Ich habe daraus eine private Gruppe gemacht und so etwas gesagt wie: ‚Alle legen heutzutage den Hijab wegen des gesellschaftlichen Drucks ab.' Man sieht dieses Phänomen."

euronews:

„Was ist mit denjenigen, die sich unabhängig vom Druck der Gesellschaft entschlossen haben, den Hijab nicht mehr tragen zu wollen? Was sagen Sie denen?"

„Den Hijab abzulegen, kann eine Herzensangelegenheit sein"

Manal Rostom:

„Den Hijab abzulegen, kann eine Herzensangelegenheit sein. So als entspreche einem dieser nicht mehr oder als ob man keine Verbindung mehr zu diesem habe. Eine Frau, die sich nicht verschleiert und gute Dinge tut, kann vor Gott eine höhere Stellung einnehmen als ich. Es ist nicht an mir, da zu richten. Meine Botschaft lautet: Seien Sie bei ‚Den Hijab überleben' dabei und schauen Sie sich an, was wir tun. Man muss keine Muslimin sein, um dabei zu sein. Man muss keine Hijab-tragende Frau sein, um dabei zu sein. Man muss einfach nur alle Frauen unterstützen wollen, die so zu ihrem Glauben stehen, wie sie sind. Man kann auch einfach nur dabei sein, um etwas zu lernen. Junge Mädchen schreiben mir und stellen mir die schrägsten Fragen. So etwas wie: ‚Ich bin 19 oder 17, ich spiele toll Basketball und habe es ins Endspiel geschafft, dort lässt man mich aber nicht spielen, weil ich einen Hijab trage. Lege ich den Hijab ab oder gebe ich den Sport auf?'"

euronews:

„Was sagen Sie dazu?"

Manal Rostom:

„Ich würde antworten, dass man weiter für das Recht kämpfen sollte, Basketball mit Hijab zu spielen. Ich würde ihr nicht raten, aufzugeben und den Hijab abzulegen, denn das ist keine Lösung. Ich versuche nur, die Wahrnehmung auf der Welt zu ändern, was eine Frau mit Hijab ist."

euronews:

„Ein großer Teil dessen ist Ihre Zusammenarbeit mit einem Sportartikelhersteller."

Manal Rostom:

„Stimmt."

euronews:

„Wie kam es dazu?"

Manal Rostom:

„Ich habe ein Schreiben an einen Mitarbeiter des Sportartikelherstellers im Nahen Osten aufgesetzt. Er heißt Tom Woolfe. Ich habe auf meine Gruppe hingewiesen und habe so etwas geschrieben wie: ‚Muslimische Frauen sind bei einer solch großen Marke nicht vertreten. Ist es nicht an der Zeit, etwas für uns Frauen zu machen?' Am nächsten Morgen habe ich eine Antwort von ihm bekommen. Er schrieb, das sei eine tolle Idee und wann wir uns treffen könnten. Da öffneten sich die großen Türen der Hoffnung. In den nachfolgenden Wochen wurde ich die erste Hijab-tragende Frau, die in einer Werbekampagne des Unternehmens im Nahen Osten vorkam. Es wurde ein atmungsaktiver Hijab entwickelt. Ich wurde weltweit das Gesicht dieser Bekleidung, nicht nur im Nahen Osten.

euronews:

„In Belgien wurde das Tragen eines Hijabs kürzlich an einigen Hochschulen verboten. Das hat Proteste ausgelöst."

„Es ist kein Symbol, sondern eine Kleiderordnung"

Manal Rostom:

„Der Kampf für den Hijab ist wieder da. In Belgien heißt es also: ‚Wenn Sie einen Hijab tragen, dürfen Sie nicht an die Universität.' Frauen sollte es gestattet sein, sich zu bilden, egal welcher Glaubensrichtung sie angehören. Es gibt immer noch einen Mangel an Wissen darüber, was ein Hijab ist. Es ist kein Symbol, sondern eine Kleiderordnung."

euronews:

„Natürlich gibt es Widerstand. Sie haben seit dem Beginn Ihrer Aktivitäten einige Rückschläge einstecken müssen. Welche Kritik bekommen Sie zu hören und was antworten Sie darauf?"

Manal Rostom:

„In der muslimischen Gemeinde gibt es Menschen, die meinen, ich stehe nicht für sie und dass die Art und Weise, wie ich mich anziehe, nicht muslimisch sei. Ich bekomme zu hören, ich schade dem Bild muslimischer Frauen und tue das alles der Berühmtheit wegen. Und dann gibt es Menschen aus dem Westen, die sagen, der Hijab sei ein Zeichen von Unterdrückung und dass ich Unterdrückung unterstützte. Und genau deshalb meine ich, dass es da viel mehr Aufklärung geben sollte. Der Hijab ist keine Unterdrückung. Die Gesellschaft zwängt uns die Unterdrückung auf, indem wir ausgeschlossen werden. Diese Menschen machen ihre Hausaufgaben nicht, indem sie herausfinden, wofür der Hijab steht, warum und wie wir ihn tragen. Und warum es uns erlaubt sein sollte, ihn zu tragen."

euronews:

„Zum Schluss möchte ich noch ein bisschen mehr über die Aktion ‚Den Hijab überleben‘ sprechen. Sie haben einige Dinge aufgezeigt, unter anderem während eines Aufenthalts in einem Lager am Mount Everest. Über die Geschichte würde ich gerne mehr erfahren."

Manal Rostom:

„Ich wollte mit Frauen zum Basislager des höchsten Bergs der Welt, dem Mount Everest, hinauf. Meine Botschaft lautete: ‚Zusammen - ob Muslimin oder nicht, ob verschleiert oder nicht, ob schwarz oder weiß: Wir alle stehen zusammen, um Frauen zu unterstützen, damit diese ihren Glauben so ausüben können, wie sie es wollen.'"