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Ist eine Planung ohne Klimadaten noch möglich?

Ist eine Planung ohne Klimadaten noch möglich?
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Auch wenn sich Unternehmen, Industrien, Politiker und Behörden erheblich in ihren Aufgaben unterscheiden, so sehen sie sich identischen Herausforderungen ausgesetzt: Sie müssen die Auswirkungen des Klimawandels in ihre zukünftigen Entscheidungen einbeziehen.

Es ist nahezu unmöglich, sich einen Wirtschaftssektor vorzustellen, den der Klimawandel vollständig unberührt lassen wird. Einige werden in der Lage sein, die Auswirkungen des Klimawandels zu nutzen, aber viele werden mit einer erhöhten Anfälligkeit zurechtkommen müssen. Um diese Anfälligkeit zu verringern und sich an künftige Veränderungen anzupassen, ist man gezwungen, das Ausmaß, den Zeitpunkt und die möglichen Auswirkungen von Klimarisiken zu verstehen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Zugang zu verlässlichen Klimadaten und -prognosen verbessert, parallel zu den Bemühungen, diese Informationen auf die Bedürfnisse der verschiedenen Sektoren zuzuschneiden. Dieser Schub hat eine Wertschöpfungskette für Klimadaten geschaffen, die sich ständig weiterentwickelt, um der Nachfrage gerecht zu werden und neue Nutzer zu erreichen.

In den letzten sieben Jahren spielte der Copernicus Climate Change Service (C3S) eine Schlüsselrolle in dieser Wertschöpfungskette. „Wir decken das große Zahlenwerk ab, um konsistente, qualitativ hochwertige Daten für Unternehmen und Forschungsorganisationen zu erhalten, die dann Informationen mit Mehrwert für Entscheidungsträger liefern“, so Stijn Vermoote, Leiter des User Engagement beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF). „Es ist eine echte Win-Win-Kollaboration, da wir viele Erkenntnisse darüber gewinnen, wie wir unser Serviceangebot verbessern und gleichzeitig die Sichtbarkeit und Akzeptanz der Produkte von Copernicus in realen Entscheidungsprozessen erhöhen.”

Mehrere Anbieter von Klimadienstleistungen sprachen mit Euronews darüber, wie sie Klimainformationen nutzen, um Unternehmen und Behörden bei der Reduzierung ihrer Klimaanfälligkeit zu unterstützen und ihre Entscheidungsfindung für Anpassungsmaßnahmen und Klimaschutz zu verbessern.

Daniel San Martin, CEO, Predictia

Predictia ist ein spanisches Spin-Off-Unternehmen, das mit C3S an dem Projekt Climadjust arbeitet, das Klimaprognosen für reale Entscheidungen nutzbar macht.

Da die Auswirkungen des Klimawandels die gesamte Gesellschaft betreffen, ist die unter Climadjust entwickelte Lösung für eine Vielzahl von Anwendern und sektoralen Anwendungen gedacht. Quelle: Climadjust, Copernicus Climate Change Service/ECMWF

Wer sind die Anwender, und wie profitieren sie von Climadjust?

Unsere Anwender arbeiten u.a. in den Bereichen erneuerbare Energien, bebaute Umwelt und Stadtplanung, und wir richten uns an diejenigen, die bereits Klimamodelle in diesen Bereichen entwickeln. Diese Anwender benötigen die lokalen, umsetzbaren Prognosedaten und verfügen über den technischen Hintergrund, um mit enormen Klimadatensätzen umzugehen, sodass sie leichter davon profitieren können. Climadjust stellt Klimadaten zur Verfügung und hilft Anwendern bei der Verarbeitung von über Klimamodelle verfügbare Rohdaten, um Prognosen in einem Maßstab zu erhalten, der auf lokaler und regionaler Ebene anwendbar ist. Normalerweise wären Anwender gezwungen, Prognosen von externen Anbietern zu beziehen und Cloud-Plattformen einzurichten, um die statistischen Berechnungen und den Code durchzuführen. Climadjust jedoch ist benutzerfreundlich und erfüllt all Ihre Bedürfnisse aus einer Hand.

Wie können Städte die Klimadaten am besten nutzen, da sie mehr als einen Sektor verwalten müssen, wie Versorgungsunternehmen, Umweltverschmutzung, Klima, Infrastruktur usw.?

Hierfür ist Zusammenarbeit entscheidend. Dies erfordert Vielfalt, Ressourcen und erheblich mehr Möglichkeiten für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dies bedeutet beispielsweise, dass wir unser Know-how als Ersteller von Klima- und Wettermodellen zur Verfügung stellen können, aber um sinnvolle Anpassungsmaßnahmen anzubieten, müssen wir uns mit Stadtplanern zusammentun, damit diese uns weiter darüber informieren können, wie sich die urbane Flächennutzung verändern wird; mit Ökologen, Botanikern und Biologen, um Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Klima und Biodiversität zu gewinnen, sowie mit Hydrologen, um das Wassermanagement zu berücksichtigen, usw.

Was sind die Herausforderungen, um mehr Anwender für den Einsatz von Klimadaten zu gewinnen und ihnen zu helfen, diese zu verstehen?

Der Markt für Klimadienstleistungen steckt noch in den Kinderschuhen. Viele Menschen, die Klimadaten benötigen, wissen nicht, welche Möglichkeiten das Feld bietet, daher spielt die Kommunikation eine große Rolle bei der Bewältigung dieser Barriere. Damit die Menschen verstehen, warum Klimaprognosen nützlich sind, vermitteln wir Praxisbeispiele, wie Climadjust helfen kann. Ein Beispiel ist die Region Barcelonnette in den französischen Alpen, die anfällig für Erdrutsche ist. Dort sind Niederschlagsprognosen, die mit der Realität vor Ort übereinstimmen, der Schlüssel für Schutzmaßnahmen. In Kantabrien, Spanien, bedrohen steigende Temperaturen die wichtige Kartoffelernte, sodass Klimadaten für die Anpassung der Landwirtschaft unerlässlich werden.

Gil Lizcano, Mitbegründer von Climate Scale


Vortex, ein spanisches Unternehmen, das Windgeschwindigkeits- und Sonneneinstrahlungsmodelle anbietet, unterstützt seine Kunden dabei, erneuerbare Windkraftprojekte besser zu planen und abzusichern, indem es Informationen über Klimaschwankungen bereitstellt. Vortex setzt C3S-Daten für sein Climate Scale-Projekt ein, das herunterskalierte (detaillierte, lokale) Klimainformationen für Risikobewertungen und Anpassungspläne liefert.

Quelle: Vortex, Copernicus Climate Change Service/ECMWF
Screenshot der Anwendung Climate Scale.Quelle: Vortex, Copernicus Climate Change Service/ECMWF

Wer sind die Hauptkunden für Climate Scale?

Zu den Hauptkunden gehören Analysten, Berater, Entwickler und Investoren im Bereich der erneuerbaren Energien, die erfahren möchten, wie sich der Klimawandel auf die Wind- und Solarressourcen auswirken wird, d. h. Änderungen der Windgeschwindigkeiten, die die Rentabilität von Windparks oder die Auslegung von Turbinen beeinflussen könnten. Auch Unternehmen, die sich darum sorgen, wie sich der Klimawandel auf ihren Betrieb auswirken könnte, nutzen Climate Scale. Neuerdings erkundigen sich außerdem Kreditgeber nach Auswirkungen von Klimarisiken im Rahmen ihrer Due-Diligence-Prüfung, und Immobilieninvestoren fragen nach hochauflösenden Daten, da sie sich z. B. Sorgen über mögliche Veränderungen des Überschwemmungsrisikos machen.

Wie dienen herunterskalierte Daten der Klimarisikobewertung?

Finanzfachleute möchten erfahren, wie sich reale Gefahren auf einzelne Vermögenswerte auswirken werden, daher benötigen sie hochauflösende Informationen über chronische und akute Veränderungen. Innerhalb des Energiesektors ist die Wasserkrafterzeugung ein gutes Beispiel für die Verwendung hochauflösender Daten zur Analyse der Auswirkungen des Klimawandels. Modelle für Flussverläufe und Wasserverfügbarkeit hängen von Informationen über Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit usw. ab und sind stark lokalisiert. Daher der Bedarf an herunterskalierten Daten.

Gibt es Herausforderungen, wenn es darum geht, die Nutzer dazu zu bringen, Klimadaten zu übernehmen oder sie für mehr Anwendungen zu nutzen?

Anwender sind sich bewusst, dass sie Klimarisiken erforschen müssen, aber viele sind sich nicht im Klaren darüber, wie sie Klimainformationen nutzen können. Viele wissen auch nicht, wie sie die Unsicherheiten der Klimaprognosen in ihre Entscheidungen einbeziehen können. Eine immer wiederkehrende Frage ist: Was ist, wenn sich die Informationen in der Zukunft ändern? Es besteht die Notwendigkeit, den „sich entwickelnden“ Charakter der Klimawissenschaft zu kommunizieren. Anstatt eine Reduzierung der Ungewissheit zu erwarten, sollte der Fokus vielleicht auf „das Leben und den Umgang mit der Ungewissheit“ verlagert werden.

Efren Feliu Torres, Manager für Klimawandel bei Tecnalia

Tecnalia ist ein spanisches Unternehmen, das maßgeschneiderte F&E- und Innovationsprojekte für Unternehmen entwickelt. Ihr Thermal Assessment Tool, das auf C3S-Daten basiert, ermöglicht es den Anwendern, das Ausmaß extremer Wetterereignisse abzuschätzen, während ihr Forest Forward Tool Daten über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Verteilung wertvoller Baumarten innerhalb des Forstsektors liefert. Sie nutzen die C3S-Daten ebenfalls dazu, zuverlässige Klimainformationen über die Auswirkungen von extremen Klima- und Wetterereignissen auf die Infrastruktur bereitzustellen.

Quelle: Tecnalia, Copernicus Climate Change Service/ECMWF
Screenshot des Thermal Assessment Tools.Quelle: Tecnalia, Copernicus Climate Change Service/ECMWF

Die zunehmende Häufigkeit von Hitzewellen hinterlässt ihre Spuren in den Städten. Wie unterstützt das Thermal Assessment Tool Städte bei der Anpassung und Abschwächung zukünftiger Veränderungen des lokalen Wetters?

Das Thermal Assessment Tool enthält sowohl langfristige als auch saisonale Prognosen. Diese Prognosen werden eingesetzt, um künftige Veränderungen in den Mustern von Extremereignissen zu analysieren und politische Maßnahmen und Interventionen zu entwerfen, die die langfristige Robustheit und Reaktionsfähigkeit verbessern. Andererseits können saisonale Prognosen z. B. lokale Behörden dabei unterstützen, eine Kampagne zum Umgang mit Hitzewellen für die kommende Saison vorzubereiten.

Was sind die Hauptvorteile des Forest-Forward-Dienstes, und wie können wir die Daten in bessere Forstwirtschaftspraktiken umsetzen?

Forest Forward bietet langfristige Prognosen von Klimavariablen wie Temperatur und Niederschlag und deren räumliche Verteilung. Die Daten helfen bei der Identifizierung von und Investition in Gebiete mit Zukunftspotenzial für Wälder, oder um zu planen, welche Baumarten in Abhängigkeit von den zukünftigen Bedingungen verwendet werden sollen. Andere Arten von Langzeitinformationen könnten die Abschätzung des Wärmebedarfs in Gebäuden und der benötigten Menge an Biomasse unterstützen.

Sie unterstützen auch die Planung kritischer Infrastrukturen mit Klimadaten und unterstützen das Climate-Proofing, d.h. die Sicherstellung der Lebensfähigkeit eines Bauwerks auch bei zukünftigen Klimaveränderungen. Wie können Anwender detaillierte Klimainformationen für die Entscheidungsfindung verstehen und extrahieren?

In Zukunft wird die Infrastruktur unter anderen Klimabedingungen arbeiten. Dies rechtfertigt das Konzept der Klimasicherheit: Neue Konstruktionen stellen sicher, dass die Infrastruktur langfristig funktionsfähig bleibt, während Wartung und Betrieb auch unter zukünftigen Klimabedingungen möglich sind. Dafür müssen Planer, Konstrukteure und Betreiber nicht nur historische Aufzeichnungen und typische Wetterbedingungen nutzen, sondern auch Klimaprognosen. Dadurch wird sichergestellt, dass in der Entwurfsphase zukünftige Klimaveränderungen berücksichtigt werden.

Wie sieht Tecnalia den Zukunftsmarkt für die Nutzung von Klimadaten? Was werden die wichtigsten Triebfedern sein?

Es existiert ein wachsender Markt für Klimadienstleistungen, und Klimaprognosen werden zunehmend genutzt. In der gesamten Wertschöpfungskette von Klimadienstleistungen (vor- und nachgelagert) werden mehrere Akteure eine Rolle spielen. Einige der Haupttriebkräfte für diese Entwicklung sind Marktkräfte und Geschäftsinteressen, die Präferenzen von Investoren, Verordnungen, Anreize, Steuerpolitik und vieles mehr.

Gunter Zeug, Direktor, Terranea

Terranea ist ein deutsches Unternehmen, das Daten aus verschiedenen Quellen zur Entwicklung von Anwendungen nutzt, die die Entscheidungsfindung in Bereichen wie Stadtentwicklung, Landwirtschaft oder Versicherungen unterstützen. Ihr Projekt „GreenCities“ erprobt derzeit verschiedene Tools, die Städten helfen können, ihre Grünflächen besser zu verwalten. Eine weitere Anwendung zur Bewertung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Baumwollindustrie, die mit C3S entwickelt wurde, soll demnächst auf den Markt kommen.

Quelle: Terranea, Copernicus Climate Change Service/ECMWF
Baumwollfarmen reagieren sehr empfindlich auf den Klimawandel.Quelle: Terranea, Copernicus Climate Change Service/ECMWF

Wie hilft das Projekt GreenCities den Städten bei der Nutzung von Daten?

Der Klimawandel trifft urbane Umgebungen stark, und Städte stehen unter Zugzwang. Aber bis jetzt verstehen sie nicht ganz, wie der Klimawandel sie beeinflusst und wie sie die entsprechenden Änderungen in ihrer Infrastruktur vornehmen können. Wir beschlossen zu untersuchen, wie man die riesigen Datenmengen, die für Städte nützlich sein könnten, verwalten kann. Das von uns pilotierte Baumkartierungstool soll Städte dabei unterstützen, ihren Baumbestand automatisch zu aktualisieren. Städte könnten unsere Tools ebenfalls nutzen, um die besten Orte für die Entwicklung von Dachgärten zu kartieren oder ihre Nachhaltigkeitsindikatoren zu verfolgen.

Wie können Städte den von Ihnen bereitgestellten HeatMonitor nutzen?

In Europa hat die Zahl der heißen Tage zugenommen, was die Gesundheit und die Luftqualität stark beeinträchtigt. Wir verwenden Satellitendaten, um Informationen über die Oberflächentemperatur in einer Stadt zu erhalten, und messen, wie heiß die natürlichen und bebauten Oberflächen sind. Diese Informationen können rein informativ sein, lassen sich aber auch mit einer Karte der grünen Infrastruktur überlagern und können so ein stärkeres Argument für den Ausbau von Grünflächen in Städten liefern. Der HeatMonitor ist also im Grunde ein visuelles Tool, aber Städte können ihn auch zur Entscheidungsfindung nutzen.

Warum konzentrieren Sie sich bei Ihrem Projekt mit der C3S auf Baumwolle, und welchen Mehrwert bringt das?

Die Idee besteht darin, den Menschen einen globalen Überblick darüber zu verschaffen, wo Baumwolle angebaut wird und wie sich diese Gebiete aufgrund des Klimawandels verändern könnten. Es gibt Hinweise darauf, dass die Temperaturen steigen und sich der Wasserhaushalt in vielen Baumwollanbaugebieten ändern wird. Als Landwirt haben Sie ein Interesse daran zu erfahren, ob Sie in 30 Jahren auf Bewässerung angewiesen sein werden, um die gleichen Erträge zu erzielen, oder ob Sie Ihre Ernte umstellen müssen. Das Tool liefert sowohl historische Daten als auch Klimaprognosen.

Wenn es um die Anpassung an den Klimawandel und die verschiedenen betroffenen Sektoren geht, reicht es nicht aus, nur die Landwirte zu betrachten, es muss vielmehr die gesamte Wertschöpfungskette, einschließlich der Händler und Verbraucher in Betracht gezogen werden. Letztere achten zunehmend auf Nachhaltigkeit und können daher mit dem Tool auch nachvollziehen, wie nachhaltig die Baumwolle ist, die in ihrer Kleidung verarbeitet wird.

Stijn Vermoote, Leiter für Anwenderbindung, ECMWF/Copernicus

Können wir sagen, dass die Klimadaten nun in die Entscheidungsprozesse integriert sind?

Es ist nach wie vor eine Herausforderung, den Klimawandel ganz oben auf die Agenda von Unternehmern und Behörden zu bringen. Klimadienste müssen maßgeschneiderte, benutzerfreundliche Tools anbieten und erklären, warum Klimadaten für bestimmte Sektoren wichtig sind. In diesem Zusammenhang ist eine Stärkung der Versorgungskette von Klimadaten und ihre Anpassung an die unzähligen Anforderungen unerlässlich, wenn wir eine klimaresistente Gesellschaft anstreben. Die Anwenderakzeptanz ist ein zentraler Aspekt bei der weiteren Entwicklung des Copernicus Climate Change Service, und Unternehmen und Forschungsorganisationen, die Klimadienste annehmen, werden dabei eine erhebliche Rolle spielen.