Anleger beobachten die Boeing-Aktie genau. Der Kursrutsch am Dienstag nach einem neuen Ausblick des Konzerns hat die Stimmung belastet.
Die Boeing-Aktie ist am Dienstag um rund neun Prozent eingebrochen. Die vorsichtige Zeitplanung für den Produktionsausbau hat Anleger an der Wall Street überrascht und Fragen verschärft, wie schnell neue Zulassungen für Verkehrsflugzeuge und frische Aufträge aus dem Rüstungsbereich sich im Ergebnis niederschlagen.
Konzernchef Kelly Ortberg rechnet damit, dass die Produktion der 737 MAX erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 auf 52 Maschinen im Monat steigt. Zuvor müsse Boeing die Fertigung auf 47 Jets pro Monat „stabilisieren“.
Für viele Investoren ist ein höherer Ausstoß der 737 MAX der Schlüssel für Umsatz- und Gewinnwachstum. Ortberg, der nach mehreren Sicherheitskatastrophen zu Boeing kam, verteidigt den vorsichtigen Kurs.
„Wir machen Fortschritte, aber es liegt noch einiges vor uns. Ich gehe davon aus, dass wir erst im kommenden Jahr bei dieser Rate vollständig stabil sein werden“, sagte Ortberg mit Blick auf die 47 Maschinen pro Monat. Dafür brauche Boeing mehr Verlässlichkeit bei der Flügelproduktion und bei den Rümpfen im Werk im US‑Bundesstaat Kansas.
„Wichtiger ist, dass wir den Hochlauf richtig machen, als in welchem Monat wir eine höhere Rate erreichen“, so Ortberg.
Ortberg nannte zudem einen Zeitpunkt, zu dem Boeing einen freien Mittelzufluss von zehn Milliarden Dollar (8,98 Milliarden Euro) pro Jahr erreichen will. Der Konzern peilt diese Marke und damit aus seiner Sicht finanzielle Stabilität für 2029 an.
Nach der Ankündigung gaben die Boeing‑Papiere weiter nach. Das deutet darauf hin, dass Analysten mit einem schnelleren Zeitplan gerechnet hatten.
„Alle wollen, dass wir schneller vorankommen. Das verstehe ich, aber wir bleiben beim Hochlauf diszipliniert“, sagte Ortberg.
Ortberg übernahm im August 2024 den Chefposten bei Boeing, als der Konzern noch unter zwei tödlichen Abstürzen von 737‑MAX‑Maschinen und einem Beinahe‑Unglück im Januar 2024 litt, bei dem sich während des Fluges ein Fenster löste.
Scharfe Kritik zielte damals auf eine Unternehmenskultur, die schnelle Gewinne suchte und dabei die Sicherheit vernachlässigte.
Der Luftfahrtexperte Richard Aboulafia von AeroDynamic Advisory sieht „langsame, aber stetige“ Fortschritte. „Die Lieferkette bleibt jedoch ein großes Sorgenkind, und sie liegt nur teilweise in Boeings Hand“, schrieb er in einer E‑Mail an die Nachrichtenagentur AFP.
Boeing: Verlust schrumpft
Die Aussagen fielen zusammen mit neuen Zahlen: Im dritten Quartal verbuchte Boeing einen Verlust von 116 Millionen Dollar (100 Millionen Euro). Im Vorjahreszeitraum hatte das Minus noch 5,3 Milliarden Dollar (4,6 Milliarden Euro) betragen, vor allem wegen Verzögerungen bei der Zulassung der 777X, der neuesten Generation der Langstrecken‑Großraumjets des Konzerns.
Je Aktie fiel der Verlust höher aus als von Analysten prognostiziert. Nach Veröffentlichung des Quartalsberichts reagierte die Aktie zunächst jedoch kaum.
Ortberg verwies als Belege für Rückenwind auf die Zulassung der 737 MAX 7 und 737 MAX 10 durch die US‑Luftfahrtbehörde FAA. Zudem sprach er von einem „transformativen“ Großauftrag des Pentagons für die nächste Generation von Kampfjets der US‑Marine.
Der Umsatz stieg um vier Prozent auf 24,2 Milliarden Dollar (20,9 Milliarden Euro). Treiber waren höhere Auslieferungen im Geschäft mit Verteidigung, Raumfahrt und Sicherheit sowie steigende Erlöse bei Boeing Global Services.
Im Geschäft mit Verkehrsflugzeugen sank der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. Boeing lieferte im Quartal 161 Maschinen aus, nur eine mehr als im entsprechenden Quartal 2025.
Die Boeing‑Spitze zeigt sich zuversichtlich, dass die stark verspätete 777X 2027 zertifiziert wird. Für das kommende Jahr plant der Konzern Auslieferungen von zehn bis 15 Flugzeugen dieses Typs.
Zu den neuen Zielen sagte Ortberg: „Wir geben diese Prognose mit der Zuversicht ab, dass das Team bereit ist, sie umzusetzen.“
Beim freien Mittelzufluss rechnet Ortberg mit einem schrittweisen Anstieg: von rund zwei Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro) im Jahr 2026 auf sechs Milliarden Dollar (5,2 Milliarden Euro) im Jahr 2028 und zehn Milliarden Dollar (8,6 Milliarden Euro) im Jahr 2029. Danach sollen die Werte weiter steigen.
„Wie bereits erwähnt, haben wir in den vergangenen zwei Jahren außergewöhnliche Fortschritte gemacht“, sagte er. Man habe Vertrauen zurückgewonnen, Risiken reduziert, die Unternehmenskultur verändert und das Fundament aus Sicherheit und Qualität erneuert, „das unseren nachhaltigen Erfolg absichern wird“.
„Wir achten auch bewusst darauf, uns nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen“, fügte Ortberg hinzu. Hintergrund seien die verschiedenen möglichen Entwicklungen beim Produktionshochlauf, beim Zeitpunkt der Zulassungen und bei anderen entscheidenden Programmbausteinen.
„Uns ist klar, dass es für unsere Anteilseigner schwer war einzuschätzen, wie sich diese Fortschritte in Zahlen niederschlagen. Inzwischen sind wir an einem Punkt, an dem sich die Bandbreite der möglichen Ergebnisse verengt“, sagte Ortberg.