KI-Modelle deckten laut OpenAI einen der folgenschwersten Sicherheitsfehler in PHP auf, versteckt seit mehr als zehn Jahren. Um Hackern zuvorzukommen, schalteten Seiten vom Pokémon-Schlaftracker bis zum niederländischen Parlament weltweit ab.
Künstliche Intelligenz hat zwei gravierende Sicherheitslücken in PHP aufgedeckt. Das ist jene Programmiersprache, die im Hintergrund den Großteil des Internets antreibt. Weltweit geraten Unternehmen und Behörden unter Druck, Websites abzuschalten, bevor Hacker die Schwachstellen ausnutzen.
Die Fehler lagen mehr als ein Jahrzehnt unentdeckt im PHP-Code. Erst moderne KI-Modelle von OpenAI und Google machten aus einer lange vermuteten Schwäche einen tatsächlich funktionierenden Angriff. Nun läuft ein Wettlauf, um die Sicherheitslücke zu schließen.
Die rasant wachsenden Fähigkeiten von KI schüren Sorgen vor einer neuen Welle von Cyberangriffen. Das sind die wichtigsten Punkte.
Europa reagiert
In den Niederlanden wurden das digitale Identitätssystem DigiD, das Regierungsportal Overheid.nl und die Website des Unterhauses abgeschaltet. Der Hafen Rotterdam, Krankenhäuser und die fünf größten Parteien des Landes folgten.
Selbst das niederländische Nationale Cyber Security Centre nahm seine eigene Seite vom Netz.
In Finnland schaltete der staatliche IT-Dienstleister Valtori die meisten Regierungsangebote vorsorglich ab. Das französische Innenministerium versetzte Websites der lokalen Behörden in den Wartungsmodus. In Deutschland nahm der Bundesdienstleister ITZBund mehrere Portale offline.
CERT-EU, der Cybersicherheitsdienst der EU-Institutionen, ging noch weiter. Die Stelle empfahl allen Organisationen, die nicht sofort aktualisieren können, ihre Websites lieber abzuschalten, statt ein Hackerrisiko einzugehen.
EU-Kommission, ENISA, CERT-EU, Europol und das Netzwerk der nationalen Computer-Notfallteams veröffentlichten zudem eine gemeinsame Erklärung. Sie fordern Organisationen auf, sofort zu handeln und zuerst Systeme zu sichern, die direkt mit dem Internet verbunden sind.
Was ist PHP – und warum ist das wichtig?
PHP entstand Anfang der neunziger Jahre, ursprünglich unter dem Namen Personal Home Page. Nach Angaben des Sicherheitsunternehmens Wiz Research läuft die Sprache im Hintergrund auf etwa sieben von zehn Websites. Wiz nennt PHP „das Rückgrat des Webs“.
Sprachen wie HTML steuern, was Nutzer auf einer Seite sehen. PHP kümmert sich um das Unsichtbare: Login-Prüfungen, Zahlungsabwicklungen, das Ausliefern von Inhalten.
PHP bildet die Grundlage von WordPress, Drupal und Joomla – Plattformen für alles, von privaten Blogs über Online-Shops bis hin zu Regierungsportalen.
Gerade diese Reichweite macht aus zwei Fehlern ein globales Ereignis. Wiz berichtet, dass jede in den vergangenen zehn Jahren veröffentlichte PHP-Version mindestens von einer der Lücken betroffen ist. Sogar eine einfache „Hello World“-Seite auf einem nicht aktualisierten Server kann verwundbar sein.
Am Mittwoch erschien ein Sicherheitsupdate. Die PHP Foundation erklärte IT-Abteilungen weltweit: „Wenn Sie PHP einsetzen, ist es zwingend notwendig, jetzt zu aktualisieren.“
Geschützt sind die Versionen PHP 8.5.12, 8.4.27, 8.3.36 und 8.2.35. Ältere Ausgaben erhalten keine offiziellen Updates mehr und gelten als offenliegend, sofern ein Hersteller den Patch nicht nachträglich eingebaut hat, warnte das Computer-Notfallteam der Europäischen Union CERT-EU.
Die Folge: Zahlreiche Apps und Websites gingen vom Netz – von der Seite der Pariser Polizei bis zu einem Pokémon-Schlaftracker. Entwickler arbeiten daran, ihren Code zu aktualisieren. Viele europäische Regierungsseiten wurden aus Vorsicht vorübergehend abgeschaltet.
Wie KI die Sicherheitslücken entdeckt
Beide Schwachstellen, geführt unter den Kennungen CVE-2026-109618 und CVE-2026-109619 und mit neun Komma zwei von zehn Punkten als sehr schwerwiegend eingestuft, liegen in Bereichen von PHP, die fast jede Anfrage berührt: Speicherverwaltung und Fehlerbehandlung.
Wenn eine Webanfrage genau im falschen Moment die PHP-Speichergrenze erreicht, lässt sich die Software dazu bringen, fremden Code auszuführen – ganz ohne Anmeldung.
Die PHP Foundation räumt ein, dass eigene Entwickler erste Hinweise 2024 bei einem externen Audit fanden. Ein theoretischer Angriff wurde skizziert, doch ohne klaren Weg zu einer praktischen Ausnutzung und mit einem sehr kleinen Kernteam, das den Aufwand eines Patches abwägen musste, stockte die Arbeit immer wieder. Die Stiftung bezeichnete die Verzögerung als „strukturelles Versagen“.
Danach kam KI ins Spiel. Im August meldete die Sicherheitsfirma Calif im Rahmen eines von OpenAI finanzierten Audits des PHP-Quellcodes einen vollständig funktionierenden Fernangriff mit derselben Ursache. Eingesetzt wurde dabei OpenAIs Modell GPT-5.6 Sol.
OpenAI identifizierte das Problem unabhängig am selben Tag. Zwei Wochen später legte Wiz weitere Angriffswege vor und nutzte dafür das eigene Werkzeug Wiz Atlas sowie Googles Gemini 4 Argon und erneut GPT-5.6 Sol.
„Mit fortgeschrittenen KI-Modellen und den richtigen Werkzeugen hat ein einzelner Forscher in einer Woche geschafft, wofür früher ein Weltklasse-Team mehrere Monate gebraucht hätte“, schrieben die Wiz-Forschenden.
OpenAI bezeichnete den Fund als „eine der folgenreichsten Schwachstellen der jüngeren Vergangenheit“ und erklärte, er „markiert eine neue Phase, in der KI Sicherheitslücken mit Auswirkungen im Maßstab des gesamten Internets finden kann“.
Die Ergebnisse blieben zunächst unter Verschluss. In dieser Zeit arbeitete das Team an einem Patch.
Am Dienstagnachmittag tauchten die beiden CVE-Kennungen jedoch in Online-Foren und sozialen Netzwerken auf. PHP zog seine Veröffentlichung um einen Tag vor. Calif stellte nach Angaben der Foundation versehentlich ein Video online, das den Proof of Concept gegen mehrere Ziele zeigt, und löschte es wieder. Kopien verbreiteten sich schnell.
„Das Problem bei Werkzeugen wie KI ist: Sobald alle Informationen öffentlich sind, können Menschen sie extrem schnell als Waffe einsetzen“, sagte Steve Kerrison, Dozent für Cybersicherheit am Singapur-Campus der James-Cook-Universität, der Nachrichtenagentur AFP.
„Deshalb reagieren jetzt alle so hektisch auf diesen Vorfall.“
Sind bereits Websites gehackt?
Nicht unbedingt. „Dass Websites offline genommen werden, bedeutet nicht automatisch, dass sie gehackt wurden. Es kann eine verantwortungsvolle Maßnahme sein, um Systeme zu schützen, solange Sicherheitsupdates eingespielt werden“, sagte Dimitrios Salampasis von der Swinburne University of Technology in Australien.
Die PHP Foundation erklärte, ihr Sicherheitsteam habe den nach dem Leak kursierenden Proof-of-Concept-Code überprüft und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keinen funktionierenden Angriff festgestellt.
„Die Hinweise, die Sicherheitsforscher sehen, deuten darauf hin, dass bislang niemand aktiv Angriffe mit den verfügbaren Techniken durchgeführt hat“, sagte Kerrison.
Das Bild verändert sich jedoch. Das Infrastrukturunternehmen Cloudflare berichtete am Mittwoch von Angriffsverkehr, der auf seine Kunden zielt. CERT-EU warnte, dass die öffentlich zugänglichen technischen Details die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Angreifer die Lücken bereits ausloten.
Größere Institutionen – von Behörden bis zu Medienhäusern – können ihre Systeme meist relativ schnell aktualisieren. Andere bleiben womöglich deutlich länger verwundbar.
„Es gibt Websites, Systeme und Menschen, die von all dem nichts wissen – und noch Tage, Wochen oder Monate nichts wissen werden“, warnte Kerrison.
Betroffen sein könnten etwa privat betriebene Blogs und kleine Unternehmensseiten. Hacker könnten sie kapern, um Computerviren zu verbreiten, Spam zu versenden oder schädliche Inhalte zu hosten.
Welche Folgen sind möglich?
Jeder Datendiebstahl kann Kundinnen und Kunden noch lange nach einem Patch schaden, wenn persönliche Informationen für Phishing genutzt werden – also für Betrugsversuche, bei denen Menschen Passwörter oder Zahlungsdaten preisgeben.
Die eng verknüpfte Struktur digitaler Dienste bedeutet zudem: Das Risiko endet nicht mit dem Update des eigenen Servers. Viele Websites stützen sich auf Drittanbieter, die ihrerseits PHP einsetzen.
Wenn diese Drittanbieter langsam patchen, „dann sind Sie trotz eigener Aktualisierung weiterhin unsicher“, sagte Rahat Masood, Dozent für Cybersicherheit an der University of New South Wales in Sydney.
PHP ist nur ein Teil des Problems, ergänzte Kerrison. Gute Cybersicherheit basiert auf mehreren Schutzschichten, damit nicht ein einziges defektes Schloss alle Türen öffnet.
Die PHP Foundation nutzt den Vorfall für einen eindringlichen Appell. PHP läuft in Regierungsdiensten, Banken und Online-Shops weltweit, doch die Sicherheit hängt weiterhin von einer kleinen Gruppe durch die Stiftung finanzierter Entwicklerinnen und Entwickler sowie Ehrenamtlichen ab.
Werkzeuge finden heute Fehler schneller als je zuvor, erklärte die Foundation. Doch um zu entscheiden, wie sich diese Schwachstellen schließen lassen, ohne das Netz lahmzulegen, braucht es erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure.