Zwischen den 1960er-Jahren und 1990 mussten mehr als 4.000 Grönländerinnen eine Verhütungsspirale tragen, die meisten hatten keine Zustimmung dazu gegeben.
Grönland will eine Wahrheits- und Versöhnungskommission zu Dänemarks Zwangsverhütungsprogramm für tausende indigene Inuit einsetzen. Die Entscheidung fiel am Freitag, nachdem Fachleute sich nicht darauf einigen konnten, ob das Programm als „Völkermord“ einzustufen ist.
Die Zwangsverhütung gilt als eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Grönlands und seines ehemaligen Kolonialherrn Dänemark.
Von den 1960er-Jahren bis 1990 wurden mehr als 4.000 Grönländerinnen gezwungen, eine Verhütungsspirale zu tragen – ein sogenanntes Intrauterinpessar (IUP). In den allermeisten Fällen geschah dies ohne ihre Zustimmung und, bei Minderjährigen, ohne die ihrer Eltern.
Betroffen waren auch Mädchen, teilweise erst zwölf Jahre alt. Einige von ihnen konnten später nie Kinder bekommen.
„Wir können im Namen der Regierung nicht sagen, ob es Völkermord war. Darüber können wir weiter diskutieren“, sagte Grönlands Justizministerin Marianne Paviasen vor Journalisten.
Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen erklärte, nun habe es Vorrang, „den Heilungsprozess zu beginnen“.
„Wir werden eine Versöhnungskommission einsetzen“, versprach er. Er wolle dabei eng mit Dänemark zusammenarbeiten.
Auch Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen schlug in Kopenhagen versöhnliche Töne an.
„Wir werden den politischen Prozess gemeinsam mit der Regierung Grönlands gestalten. Das Wichtigste für mich ist, dass wir gemeinsam den richtigen Weg finden“, sagte sie.
Im August 2024 erhielt eine vierköpfige Kommission den Auftrag, das Programm umfassend zu untersuchen.
Die Experten kamen jedoch zu keiner gemeinsamen Schlussfolgerung und legten stattdessen zwei unterschiedliche Berichte vor.
„Der eine Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass es überhaupt keinen Völkermord gab, der andere hält ihn für möglich“, sagte Paviasen.
In einem Punkt stimmen die Berichte überein: Das Verhütungsprogramm könnte mehrere Menschenrechte verletzt haben – darunter die Rechte indigener Völker.
„Nicht nur eine Frage der Geschichte“
Eine der Betroffenen, Henriette Berthelsen, sagte der Nachrichtenagentur AFP vor der Präsentation der Berichte, die Schlussfolgerungen seien von Beginn an verzerrt gewesen. In die Expertengruppe sei keine einzige grönländische Inuit-Fachperson berufen worden.
„Für mich geht es dabei nicht nur um Geschichte oder Politik. Es geht um meinen Körper, mein Leben und mein Recht auf Selbstbestimmung“, sagte sie.
„Und wieder einmal erlebe ich, dass andere untersuchen und festlegen, was mir und anderen Inuit-Frauen angetan wurde.“
Am Donnerstag beschloss das dänische Parlament, dass die von der Zwangsverhütung betroffenen Frauen in Kopenhagen Entschädigung beantragen können. Die Initiative geht auf Mette Frederiksen zurück, die im vergangenen Jahr eine offizielle Entschuldigung Dänemarks ausgesprochen hatte.
Die intensive Medienberichterstattung hat lange verdrängte Traumata wieder an die Oberfläche gebracht.
„Mir wurde bewusst, was mich das alles gekostet hat – all diese Krankenhausaufenthalte, Operationen, die verpasste Schulzeit und vor allem die Schmerzen, die ich nie mit dieser verfluchten Spirale in Verbindung gebracht hatte“, sagte Kirstine Najarak Berthelsen.
„Es war so tief in meinem Unterbewusstsein vergraben… alles, was den Menschen passiert ist, übersteigt jede Vorstellungskraft, wenn man es nicht selbst erlebt hat“, fügte sie hinzu.
Laut einer Untersuchung, die im September 2025 vorgestellt wurde, trug Ende der 1970er-Jahre jede zweite grönländische Frau im gebärfähigen Alter eine Spirale – mindestens 4.070 Frauen.
Der Skandal wurde öffentlich, als eine Betroffene in den Medien über ihr erlebtes Trauma berichtete.
Eine Podcast-Serie aus dem Jahr 2022 machte später das ganze Ausmaß der Kampagne deutlich.
Henriette Berthelsen fordert seit Langem die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission.
Die 68-jährige Psychologin sagt, nur so sei es möglich, „anzuerkennen, was geschehen ist“.
„Ich glaube, erst dann können wir anfangen zu heilen und voranzukommen – nicht als Gegner, sondern als Menschen und als Völker, die in ihrer Würde gleich sind.“
Nuuk und Kopenhagen arbeiten zudem mehrere weitere schmerzhafte Kapitel der Vergangenheit auf, darunter Fälle, in denen Kinder der Inuit ohne Zustimmung ihrer Eltern adoptiert wurden.