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Ostsee voller Diclofenac: Forschende senken Arzneimittelbelastung

Ein Teil der Arzneimittelverschmutzung ließe sich schon viel früher vermeiden, nämlich beim Ausstellen des Rezepts.
Ein Teil der Arzneimittelverschmutzung ließe sich viel früher vermeiden, nämlich schon beim Verschreiben der Medikamente. -  Copyright  Canva
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Von Giedre Peseckyte
Zuerst veröffentlicht am
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Im Wasser der Ostsee tauchen Paracetamol, Ibuprofen und andere Arzneien auf. Forschende fordern neue Regeln für Verschreibung, Nutzung und Entsorgung.

Die Ostsee ist ein Binnenmeer, das von neun Ländern im Nordosten Europas umgeben ist. Sie zählt zu den am stärksten verschmutzten Meeren der Welt.

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Sie trägt die Altlasten jahrzehntelanger Verschmutzung: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Tausende Tonnen chemischer Munition und anderes Kriegsmaterial in ihren Gewässern versenkt.

Heute setzen Mikroplastik, Industriechemikalien und Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft das ohnehin empfindliche Ökosystem weiter unter Druck. Die Ostsee ist durch ihre nur teilweise offene Verbindung zum Meer besonders verwundbar.

Genau die pharmazeutische Belastung nehmen Forschende aus vier Ländern – Schweden, Finnland, Litauen und Lettland – in den Blick. Sie betonen, dass sich das Problem der Arzneimittel in der Ostsee nicht allein an der Küste lösen lässt.

„Es geht nicht nur um die Abwasserreinigung“, sagt Marmar Nekoro, Forscherin an der pharmazeutischen Fakultät der Universität Uppsala in Schweden im Gespräch mit Euronews. „Wir müssen den gesamten Lebenszyklus der Medikamente betrachten.“

Ein Teil der Arzneimittelbelastung lässt sich viel früher vermeiden. Etwa wenn ein Medikament verordnet wird, wenn Patientinnen und Patienten entscheiden, ob und wie sie es einnehmen, oder wenn eine angebrochene Packung zur Apotheke zurückgebracht statt weggeworfen wird.

Damit ist nicht gemeint, dass Patientinnen und Patienten auf notwendige Therapien verzichten sollen. Stattdessen schlagen die Forschenden vor, dass Ärztinnen und Ärzte bei der Auswahl zwischen mehreren geeigneten Präparaten auch die Umweltwirkung bedenken. Patienten und Gesundheitssysteme können außerdem mehr tun, damit ungenutzte Arzneien gar nicht erst in die Umwelt gelangen.

Zu den Wirkstoffen, auf die die Forschenden besonders achten, gehört Diclofenac. Das entzündungshemmende Schmerzmittel wird häufig eingesetzt und wurde bereits in Gewässern nachgewiesen. Nach Angaben von Kristina Garuolienė von der Universität Vilnius gibt es Situationen, in denen auf andere Medikamente ausgewichen werden kann.

„Das führt zu einer rationaleren Verordnung“, sagt sie. „Wenn Ärztinnen und Ärzte Medikamente verschreiben, sollten sie auch daran denken, welches Präparat für die Umwelt möglichst wenig gefährlich ist.“

Die Problematik ist in der Ostsee besonders brisant. Das Binnenmeer im Nordosten Europas gilt als eines der weltweit verschmutztesten und ist wegen seiner nur teilweise offenen Verbindung zum Meer besonders anfällig.

Folgen der Verschmutzung

Arzneimittel gelangen auf vielen Wegen in die Ostsee: über Abwasser aus Haushalten und Krankenhäusern, Einleitungen aus Pharmafabriken sowie Abschwemmungen aus der Landwirtschaft und anderen Quellen an Land. Auch Heimtiere tragen dazu bei, wenn ihr Kot nicht ordnungsgemäß eingesammelt und entsorgt wird.

Schätzungen zufolge leiten allein die Kläranlagen jedes Jahr rund 1.800 Tonnen pharmazeutischer Wirkstoffe in die Ostsee. Das geht aus einem rund zehn Jahre alten Bericht (Quelle auf Englisch)von UNESCO und der Baltischen Meeresumwelt-Schutzkommission hervor. Die meisten Kläranlagen sind bislang noch nicht (Quelle auf Englisch)mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet, die gezielt Arzneimittelrückstände entfernt.

„Wenn Sie Arzneimittel einnehmen, wird nicht der gesamte Wirkstoff vom Körper aufgenommen“, erklärt Marmar Nekoro von der Universität Uppsala. „Ein Teil, oft sogar ein großer Teil, wird wieder ausgeschieden.“

Gelangen Arzneimittel erst einmal ins Meer, bleiben sie dort oft lange erhalten. Das Epilepsiemedikament Carbamazepin, das auch gegen Nervenschmerzen und bipolare Störungen eingesetzt wird, wurde mehrfach in der gesamten Ostsee nachgewiesen.

„Es dauert fast dreieinhalb Jahre, bis sich die Menge halbiert“, sagt Nekoro. „Der Abbau verläuft also sehr, sehr langsam.“ Dadurch reichert sich der Stoff in der Umwelt an.

Die Hauptsorge ist nach Angaben von Björn Wettermark, Professor für Pharmakoepidemiologie an der Universität Uppsala und Leiter des Projekts, nicht, dass Menschen allein durch das Baden gesundheitliche Schäden erleiden – abgesehen von der Gefahr einer Antibiotika- oder antimikrobiellen Resistenz.

Die Forschenden blicken vor allem auf die Folgen für Organismen, für die die Wirkstoffe gar nicht gedacht sind. Arzneimittel können Wildtiere beeinträchtigen und das allgemeine Problem der antimikrobiellen Resistenzen verstärken.

Fische, Frösche und andere Arten können durch synthetische Östrogene verweiblichen; im Extremfall geraten ganze Populationen aus dem Gleichgewicht. Die Baltische Miesmuschel Mytilus edulis, eine Schlüsselspezies, weil sie Wasser filtert, hat bei Kontakt mit bestimmten Schmerzmitteln weniger Energie für ihren normalen Stoffwechsel und ihr Wachstum.

Veränderte Muschelbestände setzen ein ohnehin belastetes Ökosystem zusätzlich unter Druck – neben Arzneimitteln und anderen Schadstoffen auch durch Eutrophierung. Dabei wird ein Gewässer mit zu vielen Nährstoffen überfrachtet, Pflanzen und Algen wachsen rasant, und der gelöste Sauerstoff geht zurück.

Die meisten Kläranlagen verfügen noch nicht über eine vierte Reinigungsstufe, die gezielt Arzneimittelrückstände entfernt.
Die meisten Kläranlagen verfügen noch nicht über eine vierte Reinigungsstufe, die gezielt Arzneimittelrückstände entfernt. Canva

Arzneiverordnung: Umwelt als Kriterium

Die Forschenden setzen daher auch bei der Verordnung und Anwendung von Medikamenten an, um die Belastung zu senken.

Niemand fordert, notwendige Therapien abzubrechen. Wenn jedoch mehrere wirksame Alternativen zur Verfügung stehen, könnte die Umweltwirkung zu einem zusätzlichen Auswahlkriterium werden.

„Wir wissen seit Langem aus vielen Studien, dass nicht immer die besten Medikamente verordnet werden – weder mit Blick auf die Wirksamkeit noch auf den tatsächlichen Bedarf“, sagt Wettermark.

„Es gibt also viele Win-win-Möglichkeiten: Bessere Verordnung und vernünftige Nutzung von Arzneien kommen zuerst den Patienten zugute und entlasten zugleich die Umwelt.“

Verordnungsgewohnheiten zu ändern ist jedoch komplexer, als Ärztinnen und Ärzten einfach zu sagen, sie sollten ‚grünere‘ Medikamente wählen.

Eine aktuelle Studie (Quelle auf Englisch)zur umweltbewussten Verordnung in Schweden zeigt, dass viele Ärztinnen und Ärzte gezielte Fortbildung und besseren Zugang zu Umweltinformationen über Arzneimittel benötigen.

Mikroplastik, Industriechemikalien und landwirtschaftliche Einträge erhöhen heute den Druck auf das Ökosystem der Ostsee.
Mikroplastik, Industriechemikalien und landwirtschaftliche Einträge erhöhen heute den Druck auf das Ökosystem der Ostsee. Canva

Rückgabe ungenutzter Medikamente

Auch ungenutzte Medikamente können in die Umwelt gelangen – etwa wenn sie im Hausmüll entsorgt, in Spülbecken gekippt oder über die Toilette heruntergespült werden.

Nach Angaben von Garuolienė wächst in Litauen das Bewusstsein dafür, Medikamente zur Apotheke zurückzubringen.

„Jedes Jahr bringen die Menschen mehr und mehr Arzneimittel zurück“, sagt sie. „In Litauen gibt es klare Regeln, wie Medikamente abgegeben werden sollen.“

Das ist eine positive Entwicklung, denn dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Arzneimittel einfach weggeworfen oder in der Toilette entsorgt werden.

Gleichzeitig stellt sich eine andere Frage: Warum bleiben diese Medikamente überhaupt ungenutzt?

„Wahrscheinlich verwenden die Menschen sie nicht wie verordnet, oder unsere Ärztinnen und Ärzte verschreiben zu viele Präparate, von denen einige gar nicht nötig sind“, vermutet sie.

Langfristig wollen die Forschenden über einzelne Verordnungsentscheidungen hinausblicken. Ihr Ziel ist ein umfassendes Bild, wie sich die Arzneimittelverschmutzung in der gesamten Ostseeregion verringern lässt.

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