Nirgendwo sind Frauen und Männer gleichberechtigter als in Nordeuropa. Ein neuer Bericht zeigt jedoch: Der Fortschritt in Europa verläuft höchst ungleich, vor allem in der Politik.
Weltweit besteht nach wie vor eine Kluft zwischen Männern und Frauen, nicht nur bei gleicher Bezahlung, sondern auch beim Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Diese Ungleichheit der Chancen wird als Gender Gap bezeichnet.
Europa hat laut neuen Daten des Weltwirtschaftsforums, das diese Lücke seit 2006 misst, seine Rolle als weltweit führende Region beim Schließen der Kluft zurückerobert.
Der Kontinent hat in diesem Jahr 75,7 Prozent seiner gesamten Gender Gap geschlossen. Bis zur vollständigen Gleichstellung bleibt damit eine Lücke von 24,3 Prozent. Europa liegt knapp vor Nordamerika, das im vergangenen Jahr noch auf Platz eins stand.
Seit 2006 hat sich die Geschlechtergerechtigkeit in Europa um sieben Prozentpunkte verbessert. Vollständige Parität, also gleiche Chancen für Frauen und Männer und eine Gender Gap von null Prozent, dürfte erst in etwa 70 Jahren erreicht sein.
Der Bericht untersucht die Bereiche Bildung, Gesundheit, wirtschaftliche Teilhabe und Politik. In der politischen Dimension liegt Europa mit einem Wert von 37 Prozent vorn. Lateinamerika und die Karibik folgen mit 34,2 Prozent. Andere Regionen liegen um mindestens zehn Prozentpunkte zurück.
In den Kategorien Bildungsniveau (99,5 Prozent) sowie Gesundheit und Überleben (96,9 Prozent) hält Europa weiterhin nahezu Parität. Im Vergleich zu anderen Regionen reicht das jedoch nur für Rang drei und vier.
Bei wirtschaftlicher Teilhabe und Chancen belegt Europa mit 69,5 Prozent nur Platz fünf und liegt damit fast acht Prozentpunkte hinter Spitzenreiter Nordamerika mit 77,1 Prozent.
Ungleiches Wachstum
Unter allen Weltregionen stellt Europa die meisten Länder in den Top Ten. Seit Einführung des Index 2006 stammen 69 Prozent aller Top-Ten-Platzierungen aus Europa, heißt es in dem Bericht. Dem bekannten Muster folgend gehören auch in diesem Jahr sieben europäische Volkswirtschaften zur Spitzengruppe.
Zu diesen Ländern zählen Island, Finnland, Norwegen und Schweden, die seit zwei Jahrzehnten durchgängig in den Top Ten vertreten sind, sowie das Vereinigte Königreich, Deutschland und Irland.
Nur Island hat mehr als 90 Prozent seiner Gender Gap geschlossen und erreicht 93 Prozent. Das Land habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen konstant positiven Kurs in Richtung Geschlechterparität eingeschlagen, gehörte in diesem Zeitraum durchgängig zur weltweiten Top Ten und stehe seit der Ausgabe 2009 an der Spitze, heißt es im Bericht.
Besonders stark schneidet Island bei der politischen Mitsprache ab und erreicht dort 95,4 Prozent. Dahinter stehen gezielte staatliche Maßnahmen zur Förderung des Geschlechtergleichgewichts und eine lange Tradition weiblicher Repräsentanz an der Staatsspitze: Island war 1980 das erste Land der Welt, das mit Vigdís Finnbogadóttir eine Frau demokratisch zur Präsidentin wählte.
Osteuropa bleibt zurück
Trotz Europas Spitzenposition verläuft durch den Kontinent eine deutliche Bruchlinie. Die führenden Länder der Regionalrangliste liegen überwiegend in Nordeuropa, viele der Nachzügler in Osteuropa.
Die drei Schlusslichter Türkei, Rumänien und Ungarn liegen mehr als 20 Prozentpunkte hinter Island. In Rumänien hängt der niedrige Gesamtwert vor allem mit der politischen Mitsprache zusammen, in der das Land nur einen Bruchteil erreicht und damit weltweit Rang 104 belegt. Ausschlaggebend sind fehlende verpflichtende Quoten und geschlossene interne Parteistrukturen.
Auch in Ungarn ist die politische Mitsprache der entscheidende Grund für den schwachen Wert. In Ministerämtern sitzen dort keine Frauen, was in dieser Unterkategorie zu einem Wert von null Prozent führt.
Die Europäische Union will die umfassende Gender Gap mit einem Bündel von Maßnahmen verkleinern. Dazu gehören EU-Vorschriften zur Lohntransparenz, die Unternehmen verpflichten, Gehaltsinformationen offenzulegen, um die Lohnlücke zu reduzieren. Hinzu kommen Regeln zu Elternurlaub und flexiblen Arbeitszeiten, die eine gerechtere Aufteilung von Betreuungs- und Erwerbsarbeit ermöglichen sollen.