In mehreren europäischen Staaten steigt die Zahl der Stellenausschreibungen für Rechenzentren deutlich. Euronews Business analysiert Gründe und erklärt, warum die Jobs überdurchschnittlich bezahlen.
KI hält immer stärker Einzug in den Alltag, und damit wächst auch der Bedarf an Rechenzentren. Stand 2025 bleibt die USA klarer Weltmarktführer bei Rechenzentren und kommt auf mehr als doppelt so viele Anlagen wie die EU. Zugleich will die EU-Kommission Europas Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit im KI- und Cloud-Ökosystem stärken.
Daten der weltweiten Jobplattform Indeed zeigen, dass die Zahl der Stellenanzeigen für Jobs in Rechenzentren in Europa wächst. Im August 2026 lag sie in zehn europäischen Volkswirtschaften über dem Niveau vor der Pandemie. Anzeigen für andere Tech-Jobs und für den Gesamtmarkt hielten mit dieser Entwicklung nicht Schritt.
Welche Länder verzeichnen den größten Zuwachs bei Jobs in Rechenzentren? Wie hoch liegt der Gehaltsaufschlag im Vergleich zu ähnlichen Tätigkeiten in anderen Branchen? Und warum zahlen diese Arbeitgeber mehr?
Besonders deutlich ist der jüngste Anstieg in Spanien, Italien und Irland. Wird der Durchschnitt der Zeit von Dezember 2019 bis Februar 2020 auf einen Indexwert von 100 gesetzt, überschritt der Index im August 2026 in allen drei Ländern die Marke von 200 Punkten.
Damit haben sich die Stellenanzeigen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit mehr als verdoppelt. Der Index erreichte 260 Punkte in Spanien, 237 in Italien und 210 in Irland.
Aubrey Woessner, Ökonomin bei Indeed, und Pawel Adrjan, Forschungsdirektor des Unternehmens, sehen Spanien und Italien noch mit viel Luft nach oben, da beide Märkte von einem niedrigen Ausgangsniveau starten.
„Wir beobachten große neue KI-orientierte Standorte, etwa Campus-Projekte in Aragón und Vorhaben rund um Mailand. Es entstehen neue Anlagen statt überwiegend älterer Standorte in großen Metropolen wie Frankfurt, London, Amsterdam, Paris oder Dublin“, sagten sie gegenüber Euronews Business.
Auch in den Niederlanden (138), Polen (134) und der Schweiz (133) legten die Stellenanzeigen um mehr als 30 % zu.
Belgien verzeichnete mit neun Prozent den geringsten Anstieg, gefolgt von Frankreich mit 13 Prozent. In Deutschland stieg der Index um 25 Prozent, im Vereinigten Königreich um 24 Prozent.
Im August 2026 lagen Tech-Stellenanzeigen ohne Rechenzentrums-Jobs in neun der zehn Länder unter dem Vor-Corona-Niveau. Nur Spanien bildete eine Ausnahme; dort lag der Index lediglich einen Punkt darüber.
Rechenzentrums-Stellen legten deutlich stärker zu als andere Tech-Jobs. Die größten Abstände zeigen sich in Italien (173 Punkte), Spanien (159 Punkte) und Irland (141 Punkte).
Die Grafik unten macht diesen Trend für August 2026 sichtbar.
Europas Rechenzentrums-Jobs verteilen sich auf viele Unternehmen
Im Vergleich zu den USA, wo nur zehn große Tech-Konzerne für 71 % der Stellenanzeigen im Bereich Rechenzentren stehen, verteilt sich das Recruiting in Europa laut Indeed auf deutlich mehr Firmen.
„In den zehn europäischen Ländern unserer Analyse sind mehr als 500 Unternehmen nötig, um 70 % der Rechenzentrums-Stellenanzeigen zu erklären“, so Woessner und Adrjan.
Jobs in Rechenzentren zahlen mehr für gleiche Tätigkeiten
Die ausgeschriebenen Gehälter für Jobs in Rechenzentren liegen meist über denen vergleichbarer Positionen in anderen Branchen des jeweiligen Landes.
Der Gehaltsaufschlag ist deutlich: In 28 von 29 Länder- und Berufsgruppen bieten Rechenzentren höhere Löhne. Nur bei IT-Infrastruktur, Betrieb und Support in Frankreich liegt das Niveau minimal darunter, bei minus 1 %.
Arbeitgeber aus der Rechenzentrumsbranche in Italien zahlen besonders deutlich über Marktniveau. Managementpositionen bringen dort 65 % mehr Gehalt, Installations- und Wartungsjobs rund 50 % mehr als vergleichbare Tätigkeiten in anderen Sektoren.
Im Vereinigten Königreich liegen Managementgehälter in Rechenzentren 49 % höher. In Deutschland verdienen Fachkräfte in Installation und Wartung 36 % mehr.
Warum zahlen Rechenzentren mehr für dieselben Jobs?
Woessner und Adrjan betonen, dass Rechenzentren zwar nur einen kleinen Teil des gesamten Arbeitsmarkts ausmachen. Sie konkurrieren jedoch um dieselben Technikerinnen, Techniker und Infrastrukturexpertinnen und -experten wie andere Branchen, die in Europa digitalisieren und grüner werden.
„Stellenanzeigen für Rechenzentrums-Jobs verlangen im Schnitt mehr Qualifikationen als andere Anzeigen im selben Berufsfeld“, erklären sie.
„Konkrete technische und digitale Fähigkeiten – etwa Kenntnisse von IT-Systemen, Software und Cybersicherheit – sowie Englisch als Arbeitssprache tauchen in Rechenzentrums-Jobs überproportional häufig auf, verglichen mit anderen Rollen im gleichen Beruf“, so Woessner und Adrjan. Höhere Löhne helfen zudem, Fachkräfte schnell zu gewinnen und Projekte im Zeitplan zu halten.
Welche Berufe prägen die Jobs in Rechenzentren?
Nach Einschätzung von Woessner und Adrjan zeigt die Verteilung der Berufe in Rechenzentrums-Jobs europaweit zwei parallele Entwicklungen: Die bestehenden Speicher- und Cloud-Anlagen stellen weiter Personal ein, zugleich entsteht ein neuer Bauboom rund um KI-Infrastruktur.
Fünf Berufsgruppen machen zusammen zwischen 50 % und 60 % der Rechenzentrums-Stellenanzeigen in Europa aus: IT-Infrastruktur, Betrieb und Support; Softwareentwicklung; Management; Installation und Wartung; sowie Projektmanagement.
Die Nachfrage nach Fachkräften für Rechenzentren wächst, doch diese Stellen bleiben in jedem Land nur ein kleiner Teil des Gesamtangebots. In den meisten untersuchten Staaten liegt ihr Anteil bei rund ein Prozent oder weniger.
Irland bildet die Ausnahme: Auf Indeed beziehen sich inzwischen fast 5 % aller Stellenanzeigen ausdrücklich auf ein Rechenzentrum.
Fehlen Rechenzentren die nötigen Fachkräfte?
Die Expertinnen und Experten von Indeed rechnen damit, dass die Wachstumsphase noch einige Zeit anhält. Die EU will ihre Rechenzentrumskapazitäten in den kommenden fünf bis sieben Jahren verdreifachen.
„Eine Sorge der Arbeitgeber ist, dass Rechenzentren um technische Fachkräfte konkurrieren, die schon knapp waren, lange bevor der Boom bei Rechenzentren einsetzte“, sagen Woessner und Adrjan.
Stand 2025 verfügten Deutschland (529) und das Vereinigte Königreich (523) über die meisten Rechenzentren in Europa, gefolgt von Frankreich (322) und den Niederlanden (298). Italien kam auf 168 Anlagen, Spanien und Polen jeweils auf 144, die Schweiz auf 121.
Westeuropa dominiert die Rechenzentrums-Infrastruktur der Region. Nordeuropa spielt mit einer kleineren, aber strategisch wichtigen Präsenz mit. In Mittel- und Osteuropa ist die Infrastruktur dagegen fragmentierter und weniger entwickelt.